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Wir brauchen eine bessere Ausbildung

Der Tourismus braucht eine bessere Ausbildung – vor allem auf der Ebene der Hochschulen. Das fordern die Hochschulexperten Prof. Dagmar Lund-Durlacher von der Modul University Vienna und Harald Hafner vom Travel Industry Club im Gespräch mit der ÖGZ

ÖGZ: Herr Hafner, wie sollte eine ideale Hochschulausbildung für den österreichischen Tourismus aussehen?

Harald Hafner: Verbesserungsbedarf gibt es in mehreren Bereichen: Erstens eine stärkere Einbindung der Wirtschaft in die Entwicklung der Curricula. Zweitens eine bessere Ausrichtung auf die Talente und Bedürfnisse der Studierenden im Sinne eines selbstgestalteten Lernens mit mehr Möglichkeiten sich zu spezialisieren. Drittens eine Verbesserung der didaktischen Methoden unter Hinzunahme von E-Learning, also das so genannte Blended Learning. Oder auch was man Flipped Classroom nennt: Nicht der Lehrer, sondern die Studierenden reden.

Gibt es immer noch zu viele Vorlesungen und Frontalunterricht?

Hafner: Ja, leider. Don’t waste my time with frontal lectures! Lass mich was tun in der Veranstaltung! Vor allem muss die Digitalisierung in alle Kurse integriert werden. Ein einzelner Kurs zu diesem komplexen Thema genügt nicht. Damit wird man auch nicht der Tragweite des Themas gerecht.

Frau Prof. Lund-Durlacher, wie weit können und wollen Sie an der Modul University auf die Interessen der Arbeitgeber eingehen?

Lund-Durlacher:  Wir haben seit Eröffnung der Universität einen Expertenbeirat mit Führungskräften aus der Tourismuswirtschaft, der uns bei der Curriculumsentwicklung berät. Da geht es um Themen und Kompetenzen. Sie beraten uns aber auch, was die Bildung insgesamt betrifft. Deswegen haben wir unser Modul Career Center gegründet. Das ist unser Bindeglied zwischen Ausbildung und Arbeitsmarkt. Oder unser Programm für soziales Engagement MU Cares: Hier können sich Studierende in sozialen Projekten engagieren und auch die Organisation von Charityprojekten lernen.

Weil der Arbeitgeber darauf Wert legt?

Lund-Durlacher: Ja, der schaut nicht nur auf die Noten, sondern auch darauf, was der Student oder die Studentin neben dem Studium gemacht hat. Da ist soziales Engagement, besondere Kenntnisse oder auch ein Auslandsstudium besonders wichtig.

Frustrierende Erfahrungen

Ihre Studierenden müssen alle ein sechsmonatiges Praktikum absolvieren. Mit welchen Erfahrungen kommen die wieder?

Lund-Durlacher: Leider kommt es immer wieder vor, dass ihre Erfahrungen so frustrierend sind, dass sie nicht mehr im Tourismus arbeiten wollen.

Was frustriert sie?

Lund-Durlacher: Sehr häufig erfahren sie nicht genug Anerkennung und Wertschätzung. Das ist ein Generationenthema: Die junge Generation kommt mit den althergebrachten autoritären Strukturen in vielen Hotels einfach nicht mehr klar. Sie findet auch nicht die Sinnstiftung, die dieser Generation Y sehr wichtig ist.

Mentoring

Man müsste die Hoteliers schulen! Aber das passiert ja auch in diversen Weiterbildungsakademien.

Lund-Durlacher: Ja, da stimmt. Wir an der Modul University haben ein sehr gut funktionierendes Mentor-System für unsere besten Studierenden im Bachelor- und im Master-Studiengang entwickelt: Invest in excellence. Das ist sehr individuell organisiert. Unsere besten Studierenden werden eingeladen, sich einen Bereich auszusuchen, wo sie näheren Einblick bekommen möchten. Und zwar nicht auf operativer Ebene wie im Praktikum, sondern wirklich auf der Managementebene. Hier bekommen sie eine führende Persönlichkeit aus der Tourismuswirtschaft als Coach an die Seite gestellt.

Das kann dann auch der Hoteldirektor sein?

Lund-Durlacher: Ja, meistens wird im Verbund mit dem Team drum herum betreut. Da die Studenten immer auch eine Projektarbeit im Unternehmen durchführen, hängt dieses Coachingteam auch vom Thema des Projektes ab.

Wie lange dauert das?

Lund-Durlacher: Ungefähr ein Jahr. Meistens trifft man sich einmal in der Woche oder blockweise, das hängt vom Projekt ab. Der Mentor coacht sie dann, nicht nur fachlich, sondern auch in der Persönlichkeitsentwicklung, der Karriereplanung. Ganz wichtig ist der inspirierende und motivierende Charakter dieser Beziehung.

Was sind das für Projekte?

Lund-Durlacher: Sehr häufig gibt es Projekte im Bereich von Datenanalysen. Da wird zum Beispiel das bestehende Beschwerdemanagement analysiert oder die Social-Media-Aktivitäten oder die Usability der Homepage unter die Lupe genommen und Vorschläge erarbeitet.

Wozu eine wissenschaftliche Ausbildung?

Warum ist eine wissenschaftliche Ausbildung wichtig für den Tourismus? Was hat ein Hotelier davon, wenn sein Rezeptionist oder die Restaurantleiterin weiß, wie man eine 100-seitige wissenschaftliche Arbeit verfasst?

Lund-Durlacher: Da muss man differenzieren: Wenn man Forschung ins Studium integriert, dann geht es darum, dass Studierende lernen, wie man wissenschaftlich arbeitet. Wie man wissenschaftliche Texte liest und versteht und das auch in die Praxis umsetzt. Das finde ich sehr wichtig. Wir leben in einer Zeit ständigen Wandels, mit vielen globalen Herausforderungen.

Und Fake News!

Lund-Durlacher: Und Fake News! Aber auch dem Klimawandel, Migration und Digitalisierung. Es ist wichtig, dass sich die Studierenden mit diesen Themen beschäftigen. Sie müssen lernen, wie man welchen Informationskanal nutzt. Das gilt auch für einen jungen Mitarbeiter im operativen Bereich. Durch wissenschaftliches Arbeiten lernt man kritisch denken. Zum Beispiel den Umgang mit Umfragen. Wenn man weiß, wie Umfragen methodisch erstellt werden, dann kann man sie auch richtig interpretieren.

Hafner: Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie. Das sage ich auch immer meinen Studierenden. Die Theorie gibt die Systematik und Struktur vor. Und das müssen die Studierenden lernen. Das ist zum Beispiel für die Digitalisierung wichtig. Da geht es nicht um irgendwelche Allgemeinplätze oder Praxisweisheiten. Da geht es an die Substanz, um das Detail. Studierende sollten nicht nur die richtigen Fragen stellen können, sondern auch Erklärungsansätze kennen. Oder zumindest wissen, wo sie nachschauen können. Eine Hypothese widerlegen oder eben nicht: Das ist wissenschaftliches Arbeiten, ganz praktisch.

Zu wenig Doktoranden

Wie sieht es mit dem Nachwuchs in der wissenschaftlichen Lehre aus?

Lund-Durlacher: Wir sehen natürlich, dass die touristische Bildung an Hochschulen im deutschsprachigen Raum seit rund 20 Jahren immer mehr an die Fachhochschulen abwandert. Es gibt neben unserer Privat-Universität eigentlich nur noch ein universitäres Tourismus-Institut in Innsbruck, das die Qualität hat, Doktoranden mit einem touristischen Schwerpunkt auszubilden. Daneben gibt es noch zwei Dienstleistungsinstitute, die sich mit Tourismus beschäftigen, in Innsbruck und an der Wirtschaftsuniversität Wien. Das ist sehr wenig. In Deutschland schaut es noch dünner aus.

Das heißt es werden zu wenig Universitätslehrer ausgebildet?

Lund-Durlacher:  Ja. Uns fehlt das wissenschaftlich ausgebildete Lehr- und Forschungspersonal. In Deutschland herrscht ein regelrechter Mangel an promovierten und habilitierten Personal. Dort bekommt man auch an einer Fachhochschule nur mit Promotion eine Professur.  Bei uns ist das etwas anders. Aber auch uns fehlen Promotionsstellen im Tourismus.

Liegt das am Geld?

Lund-Durlacher:  Bei uns werden Doktorandenstellen über Forschungsprojekte finanziert. Gerade für die Grundlagenforschung im Tourismus gibt es in Österreich zu wenig Geld. In den großen Wissenschaftsfonds ist der Anteil erfolgreicher touristischer Projekte sehr klein. Wir als Privatuniversität würden gerne mehr Doktoranden ausbilden, aber wir müssen das komplett selbst finanzieren. Durch Studiengebühren, die sich nicht jeder leisten kann oder über Drittmittelforschung. Wir sind angewiesen auf Forschungsfonds, die aber für Tourismusthemen nur begrenzt zugänglich sind.

Mehr zum Thema: Was Fachhochschulen bieten - Gastkommentar von Michael Mair

Autor/in:
Thomas Askan Vierich

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