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„Wir brauchen eine starke Vertretung”

30.06.2004

„Braucht Österreich ein Tourismusministerium“, lautete die Frage, zu deren Beantwortung kürzlich eine hochkarätige Runde von Tourismusexperten auf Einladung der ÖGZ zusammenkam.

Die ÖGZ rief und zahlreiche Experten kamen: Dietmar Hoscher (Tourismussprecher der SPÖ), Matthias Krenn (Vizepräsident der WKÖ), Thomas Reisenzahn (Generalsekretär der ÖHV), Klaus Lukas (Generalsekretär der Europäischen Tourismuskommission), Egon Smeral (Tourismusökonom des WIFO), Joseph Reitinger-Laska (Obmann des ÖVT), Petra Stolba (neue Geschäftsführerin der Sparte Tourismus in der WKÖ) und Leo Bauernberger (Geschäftsführer der SalzburgerLand Tourismus GmbH) fanden sich jüngst auf dem Hopfenboden der Ottakringer-Brauerei ein.
Laut Verfassung Ländersache
Unter der Leitung von ÖGZ-Chefredakteur Dieter Koffler wurde ausgiebig über Sinn und Unsinn eines Tourismusministeriums oder –staatssekretariats diskutiert. Denn es gibt Wirtschaftszweige, die bei weit geringerer Bedeutung wesentlich besser repräsentiert werden. Immerhin 9,5 Prozent des BIP werden in Österreich durch den Tourismus erwirtschaftet, rückte Egon Smeral zu Beginn der Diskussion die Relationen zurecht. Dass aber einem eventuellen Tourismusministerium auch manche Branchenvertreter leicht skeptisch gegenüberstehen, bewies Petra Stolba: „Der Tourismus ist laut Verfassung Ländersache und überdies eine Querschnittsmaterie, in die viele verschiedene wirtschaftliche und rechtliche Bereiche münden“, erklärte sie. Damit stelle sich die Frage, welche Kompetenzen ein eigenes Ministerium überhaupt habe.
Geld für Marketing fehlt
Nötig sei jedenfalls ein starker Ansprechpartner in der Regierung, das müsse nicht unbedingt ein eigenes Ministerium sein. Aus ihrer Sicht funktioniere die Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsministerium zur Zeit jedenfalls sehr gut.
Auch Leo Bauernberger stellte die Notwendigkeit eines Tourismusministeriums infrage. Der Tourismus sei mit seiner regionalen Struktur und den überwiegend kleinen Betriebsgrößen unter der Ägide der Länder gut aufgehoben. Außerdem kann er sich nicht vorstellen, dass die Länder Kompetenzen zentralisieren, also nach Wien geben wollen. „Was wir dringend brauchen, ist mehr Geld für nationale Marketingaktivitäten. Für ein Alibiministerium ist jedenfalls in Zeiten allgemeiner Sparmaßnahmen kein Geld vorhanden“, warnte Bauernberger. Und schließlich sei der Versuch mit einem eigenen Staatssekretariat schon einmal schief gegangen.

Im Gegensatz zu seinen Vorrednern erwies sich Joseph Reitinger-Laska als glühender Verfechter eines eigenen Ministeriums. „Seit 1925 ist das Wirtschaftsministerium für den Tourismus zuständig. Aber die Zeiten und damit die Bedeutung des Tourismus’ haben sich in den letzten 80 Jahren wohl geändert. Die Wünsche der zigtausenden Kleinbetriebe werden heute jedenfalls nicht mehr gut erfüllt“, meinte er. Es gäbe zur Zeit keine Vertretung, die dem wirtschaftlichen Gewicht des Tourismus entspreche. Deswegen sei ein Tourismusministerium dringend notwendig.
Stiefmütterliche Behandlung
Das Bedürfnis einer starken Vertretung bekräftigte auch Matthias Krenn. Er kritisierte, dass in den Regierungsprogrammen der einzelnen Bundesländer der Tourismus stiefmütterlich behandelt würde und meist nur eine Randnotiz darstelle, wenn es um Verantwortung oder Umsetzungen geht: „Der Tourismus ist mit Investitionen von 2,8 Mrd. Euro, allein im letzten Jahr, einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Österreichs und verdient dementsprechend politische Unterstützung und Beachtung.“
Der Wunsch nach einem Ministerium müsse allerdings von der Branche selber gefordert werden und dürfe nicht von der Politik kommen, schränkte Dietmar Hoscher ein. Eine Änderung der Verfassung sei seiner Ansicht nach dafür jedenfalls nicht nötig.
Klaus Lukas ging mit seiner Forderung nach einem Ministerium sogar noch einen Schritt weiter. Für ihn wäre ein Ministerium für Tourismus, Kultur und Sport denkbar. Schließlich passten diese Materien gut zusammen und gleichzeitig würden zwei Staatssekretariate (Tourismus sowie Sport) eingespart werden. Ein eigenes Ministerium sei seiner Ansicht nach schon aus Prestigegründen nötig: „Wir sollten dafür sorgen, dass der Tourismus auch innerhalb der EU den nötigen Stellenwert bekommt.“ Einem weisungsgebundenen Staatssekretariat erteilte Lukas indes eine Absage.
Auch Thomas Reisenzahn forderte schließlich in seinem Eingangsstatement für ein etwaiges Tourismusministerium eine Kompetenzenabklärung, ist sonst aber offen für alle Ideen. Für ihn ist alles wichtig, was dem Gast nützt. Denn: „Gäste sehen die Grenzen der Bundesländer nicht. Außerdem haben wir uns von einer Arbeits- in eine Freizeitgesellschaft entwickelt. Warum also sollte es nicht gleich ein Freizeitministerium geben?“
Starke Stimme ist gefragt
Vehemente Zustimmung für ein eigenes Ministerium gab es auch aus den Reihen des Publikums. Walter Bachofner, Cafetier in Wien und Ausschussmitglied der Fachgruppe Wien der Kaffeehäuser in der Wirtschaftskammer Wien, ist von der Wichtigkeit überzeugt: „Spanien und Frankreich haben beispielsweise ein Tourismusministerium. Sind die so viel dümmer als wir? Also, wir wollen es und wir brauchen es!“ Seltene Einigkeit gab es diesbezüglich auch seitens der Personalvertretung. HGPD-Vorsitzender Rudolf Kaske erinnerte daran, dass Sportler durch ihre mentale Stärke zu Gewinnern werden. Auch andere Branchen hätten diese, um damit Politik zu machen. Natürlich mache auch die Touristik Politik, nur mit dem Unterschied, dass jeder in eine andere Richtung ziehe. Gerade das Beispiel Ferienordnung habe bewiesen, wie dringend die Branche eine starke Stimme in Brüssel bräuchte: „Wir sollten mit einer Stimme statt mit neun, zehn oder hundert Stimmen sprechen.“

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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