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"Wir brauchen nichtrückzahlbare Zuschüsse"

10.06.2020

Die ÖGZ sprach mit der Obfrau des Fachverbands Hotellerie, Susanne Kraus-Winkler, über die Bilanz der ­Wiedereröffnung, leere Saunen und wo es in der Kommunikation mit der Regierung hakt.

Susanne Kraus-Winkler im Gespräch mit der ÖGZ.
Zur Person

Susanne Kraus-Winkler ist geschäftsführende Gesellschafterin der Loisium Hotels und Obfrau des Fachverbands Hotellerie in der Österreichischen Wirtschaftskammer (WKO).

ÖGZ: Durchwachsen könnte man das erste Wochenende in der Hotellerie bezeichnen. Rund die Hälfte der Betriebe sperrte auf. Manche berichten von guten Auslastungen, aber bei weitem nicht alle. Wie war der Start in Ihren Hotels?
Susanne Kraus-Winkler: Für unsere Loisium Hotels war der Start sehr gut. Das liegt vor allem daran, dass wir viele Stammgäste aus dem Inland haben. Für die meisten Wellness- und Thermenhotels war es ein gutes Pfingstwochenende, und auch Kollegen an den Seen waren recht gut gebucht. Ich höre von den Kollegen im Westen, die teilweise noch nicht geöffnet haben, dass sie auf die Grenzöffnungen beziehungsweise auf den deutschen Ferienbeginn warten. Dann wissen wir, wie der Sommer letztlich wirklich laufen wird. 

Mal ehrlich, wie viele Hotels verdienen derzeit etwas?
Die Stadthotellerie, die Gruppenhotels und auch die Seminarhotels haben kaum Nachfrage und daher massive Probleme, das wird sich absehbar auch so schnell nicht ändern. Wir brauchen volle Reisefreiheit, Vertrauen in sicheres Reisen und ein Ende der Wirtschaftsflaute. In der Stadthotellerie liegt die Auslastung bei jenen, die offen haben, bei fünf bis 15 Prozent. Um operativ positiv zu sein, benötigt es mindestens 50 Prozent Auslastung. Auch wenn Pfingsten bei vielen gut lief, ist die ganze Branche noch weit von einer wirtschaftlichen Bettenauslastung entfernt. 

Die Covid-Maßnahmen ermöglichen eigentlich keinen Normalbetrieb. Was könnte man Ihrer Meinung nach verbessern, um den betrieblichen Alltag und auch den Service für den Gast zu verbessern?
Bei vielen Dingen wissen ja selbst die Virologen nicht, was genau die Auswirkungen sind. Es werden daher oft nur unter Druck und kurzfristig Erleichterungen an die Wirtschaft zugestanden. Für die Maskenpflicht bei den Mitarbeitern stellt sich die Frage, ob es zumindest im Freien Erleichterungen geben könnte. Die Abstandsregeln sind derzeit sinnvoll, limitieren aber auch das Angebot und damit die Wirtschaftlichkeit. Grenzöffnungen in beide Richtungen sind sehr wichtig. Bei allem Verständnis für die Sicherheitsmaßnahmen müssen die Hoteliers einfach wissen, ob die Gäste Urlaub machen können, ohne dass sie zu Hause in Quarantäne gehen müssen.  

Derzeit kann man ja eigentlich keine Sauna betreiben. Tun Sie es?
Wir kämpfen wie viele andere Wellness- und Thermenhotels auch mit der derzeitigen 10-m²-Regel, die virologisch vielleicht gar keinen Sinn ergibt. Meist gab es Zeitlimits beziehungsweise musste kontrolliert werden, ob die Leute in einem Haushalt leben, wenn sie enger sitzen. Das ist alles stressgeplagt und organisatorisch schwierig. Hier sollte es bald sinnvollere Erleichterungen geben. 

Werden Sie als oberste Hoteliersvertreterin denn von der Regierung gehört, dringen Sie da durch, können Sie was bewegen? 
Mit dem Tourismusministerium sind wir in einem sehr guten, engen Kontakt. Die Entscheidungsfindung ist aber schwierig, da Tourismus-, Gesundheits- und Finanzministerium bei vielen Themen unterschiedliche Perspektiven haben. Da geht vieles oft für uns einfach nicht schnell genug. Derzeit hängt es vor allem bei den fehlenden finanziellen Unterstützungen. Wir haben seit Wochen unsere Forderungen im Finanzministerium vorgelegt, der Kanzler spricht immer von vollem Verständnis, aber hinter ihm tut sich einfach nichts. Langsam ist es hier Spitz auf Knopf, wir wissen sonst einfach nicht mehr, wie wir überhaupt überleben können, denn spätestens im Herbst wird sich die nächste große Liquiditätsfalle auftun. 

Viele Unternehmer finden die staatliche Unterstützung unzureichend und zu bürokratisch. In der Schweiz gab es unbürokratisch Kredithilfe, und Unternehmer bekommen etwa 3.500 Franken im Monat. Bei uns bekommt man das nicht. Können Sie als Branchensprecherin damit zufrieden sein?
Alles, was von der Regierung beschlossen wurde, wurde meist schnell entwickelt. Da war nicht alles optimal. Die Regierung hat versprochen, sie bemühe sich jetzt um Verbesserungen. Aber das dauert einfach zu lange. Wir warten bei vielen Forderungen Wochen auf Antworten und Lösungen. Und inzwischen steht den Unternehmern das Wasser bis zum Hals. Die Schweiz hat vor allem bei Überbrückungskrediten schnell reagiert. Das hat anfangs gut geholfen. Jetzt haben auch die Schweizer Kollegen große Sorgen, wie sie das zurückzahlen. Ich weiß nicht, was die Schweiz künftig noch vorhat, aber ohne nichtrückzahlbare Zuschüsse wird es auch dort nicht gehen. 

Was versuchen Sie bei der Regierung durchzubringen?
Die Möglichkeit der Stundungen von Steuern und SV-Beiträge waren wichtig, aber diese müssen jetzt verlängert werden, wir haben ja gerade erst wieder geöffnet oder planen zu öffnen. Gleiches gilt für die Kurzarbeit. Wir werden auch 2021 kein normales Geschäftsjahr haben. Was auch fehlt, ist ein Kreditmoratorium bis 2021, wir haben die Überbrückungskredite und die laufenden Kredite zurückzuzahlen. Wie soll das gehen, wenn wir mindestens zwei verlorene Jahre haben? Wir brauchen nichtrückzahlbare Zuschüsse auf Basis der Umsatzverluste für die Liquiditätsabsicherung der Betriebe. Viele können ja heuer und teilweise auch nächstes Jahr kein oder wenig Geschäft machen. Aus den geringen Sommerumsätzen können viele nicht den Winter finanzieren. 

Viele sagen, wenn sie nach den Regeln des ordentlichen Kaufmanns handeln würden, müssten sie eigentlich zusperren ... 
Der Tourismus galt immer als eine der stabilen Branchen. Durch die Pandemie-Auswirkungen werden aber viele gesunde Betriebe unverschuldet überschuldet sein. Wir brauchen daher für die Bilanzen 2020 und 2021 Lösungen, wie diese Insolvenzgefahr ausgesetzt werden kann. Diese Lösungen werden wir von der Regierung auch vehement einfordern müssen.

Die Wirtschaftskammer hat Rücklagen von 1,4 Milliarden Euro. Angeblich auch liquide Mittel. Was spricht dagegen, einen Teil der Mittel jetzt für Unternehmenshilfen zu verwenden?
Soweit ich informiert bin, handelt es sich hierbei nicht um Barvermögen, sondern beispielsweise um Liegenschaften wie die Gebäude der Wirtschaftskammern, die nicht so schnell in Barmittel umzufunktionieren wären. Ich kann selber nur für meinen Fachverband sprechen, wir haben unsere Rücklagen auf einem Minimum gehalten, sprich, mein Fachverband könnte gerade mal fünf Monate der Mitarbeiter- und Bürokosten abdecken, wenn wir null Zahlungen aus den Fachgruppen der Länder erhalten. Wir haben die letzten Jahre äußerst sparsam gearbeitet. Im Fachverband Hotellerie mache ich mit einem Team von aliquot vier Vollzeitmitarbeitern die gesamte Fachverbandsarbeit, und das, glaube ich, auf einem fachlich sehr intensiven und hohen Niveau.

Autor/in:
Daniel Nutz
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