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Für Gewerkschafter mehr denn je ein Reizthema - und für immer mehr Mitarbeiter auch.

„Wir können Gäste begeistern, aber nicht unsere Mitarbeiter“

21.11.2018

Arbeitsklima-Index: Nach zwei besseren Jahren ist die Mitarbeiterzufriedenheit im Tourismus im Vergleich zu anderen Branchen wieder zurückgefallen.

Zu hohe Belastungen, zu wenig Karrierechancen, schlechter gesellschaftlicher Status, Klagen der Jüngeren über einen schlechten Führungsstil; auf der anderen Seite gute Arbeitsmarktchancen und eine generell höhere Zufriedenheit bei Mitarbeitern in der Hotellerie: So könnte man das Ergebnis des aktuellen Arbeitsklima-Index im Tourismus zusammenfassen, den wieder IFES im Auftrag der AK Oberösterreich erstellt hat.

Keine schönen Zahlen. Und sie sind oft schlechter als in den beiden Jahren zuvor. Die Gründe sind überwiegend bekannt, Lösungen werden diskutiert und greifen auch. Aber offenbar in viel zu wenigen Betrieben. Manche Probleme scheinen auch systemimmanent zu sein. Sehen wir uns die Details an.

Moderator des Vormittags in der River Box im ÖGB-Hauptquartier an der Donau in Wien war ÖHT-Geschäftsführer Wolfgang Kleemann. Am Podium saßen neben Studienautor Georg Michenthaler Hausherr Berend Tusch, Fachbereichsvorsitzender Tourismus bei vida, und ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer. Kurzfristig absagen musste leider der bekannte Wiener Gastronom Mario Plachutta. Das war doppelt schade, weil gerade für die Gastronomie viele kritische Fragen aufgeworfen wurden.

Hotellerie besser als Gastronomie

Am unzufriedensten sind laut Umfrage Frauen (2 Punkte hinter den Männern), Jüngere, Kellnerinnen und Kellner und vor allem Reinigungskräfte. Zufriedener zeigten sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung, im Management und Köchinnen und Köche. Die Hotellerie schnitt um 5 Punkte besser ab als die Gastronomie. Die Probleme in der Gastronomie hätten laut Studienautor und auch laut der vielen anwesenden Gewerkschaftler und Betriebsräte vor allem mit der Bezahlung zu tun: keine Nachtzuschläge, keine Überstundenabgeltung und jetzt auch noch der 12-Stundentag (obwohl die Befragung noch vor dessen Einführung stattfand) schlagen auf’s Gemüt. Dazu die bekannt hohen Anforderungen an die psychische (Stress) und physische Gesundheit. Saisoniers, Tagespendler aus dem Ausland und schlecht Deutsch sprechendes Personal wurde gar nicht befragt. „Dann wäre das Ergebnis vielleicht noch schlechter ausgefallen“, sagte Georg Michenthaler. 342 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden in Face-to-Face-Gesprächen interviewt.

Wenig Geld und kaum Aufstiegsmöglichkeiten

Das Einkommen in der Hotellerie ist besser, auch wenn in der Kettenhotellerie in den unteren Lohnstufen überwiegend streng nach KV bezahlt wird. Da sind die Privathoteliers oft großzügiger. Im Tourismus generell und besonders in der Gastronomie werden die Karrierechancen besonders von jüngeren Mitarbeitern sehr schlecht (-8 im Vergleich zu anderen Branchen, ein wirklich sehr schlechter Wert) eingeschätzt. Man könne zwar leicht den Betrieb wechseln, besser wird es dann aber oft auch nicht. Die Jüngeren beklagen auch den Führungsstil in der Branche, das sei in anderen Branche nicht so, sagte Michenthaler. Die Jüngeren wünschen sich auch eine bessere Zeiteinteilung, auch bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ein Punkt, der bei ihnen wichtiger ist als bei älteren Arbeitnehmern.

Jüngeren etwas bieten

Im Tourismus werden generell mehr Überstunden geleistet als in anderen Branchen, 26% aller Befragten in der Gastronomie geben an „häufig“ länger arbeiten zu müssen. In der Hotellerie sind das nur 13 Prozent. Generell klagen hier mit 27% im Vergleich zu 11% wieder vermehrt die 15-29-Jährigen. Michenthaler nennt das „dramatisch“. Auch weil der generelle gesellschaftliche Trend zeige, dass Jüngere weniger arbeiten wollen (und dabei auch Lohneinbußen in Kauf nehmen), weil ihnen andere Dinge (Familie, Hobbys, Gesundheit) wichtiger sind.

Das ist ein Fakt, mit dem man als Arbeitgeber umgehen muss. „Man muss ihnen etwas anbieten“, forderte Berend Tusch. „Ausbildung“, war die Antwort der ÖHV-Präsidentin. Und das gelte zum Beispiel auch für das Reinigungspersonal. Hier wandte Michenthaler ein, dass Incentives und Weiterbildung, wenn sie finanziell folgenlos bleiben, oft eher als Belastung gesehen werden. Wolfgang Kleemann ergänzte, dass die Betriebe in der Hotellerie immer mehr Geld in Mitarbeiterunterkünfte investierten, im laufenden Jahr so viel wie noch nie.

Schlechtes Image – selber schuld?

Und damit sind wir schon in der Diskussionsrunde angekommen. In der der bis zum Schluss auf beiden Seiten betont wurde, dass  man bereit sei, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Mit dem 12-Stunden-Tag geht für Berend Tusch die Entwicklung weiter in die falsche Richtung, Pauschalverträge, die eine „Vorabfreiwilligkeit“ einfordern oder geschönte Dienstpläne, die sogar mit Unterstützung der Wirtschaftskammer im Westen kursieren, machen weiter schlechte Stimmung. „Eltern machen den Beruf schlecht, Wochendarbeit ist einfach unattraktiv – was tun wir dagegen?“, fragte der Gewerkschafter – ohne wirklich eine Antwort zu bekommen.

„Wir müssen die Leute zurückgewinnen und mehr junge Leute gewinnen!“ Tusch führte die Baumarktbranche an, wo den Mitarbeitern bereits nach einem Jahr Betriebszugehörigkeit die 6. Urlaubswoche angeboten wird. Man sollte endlich von den 6-Tage-Wochen wegkommen. Michaela Reitterer erwiderte auf alle Forderungen nach einer besseren Bezahlung, dass die Betriebsergebnisse bei steigenden Umsätzen sinken, während die Gehälter um 2,3% steigen. Lohnkosten seien in einer dienstleistungsorientierten Branche ein größeres Problem als in der verarbeitenden Industrie, die zudem vom Staat üppig gefördert werde. Das gelte insbesondere in der Ferienhotellerie.  Außerdem sei das Image der Branche schon immer schlecht gewesen und viele andere Länder hätten die gleichen Probleme wie in Österreich. Auch dort haben die Betriebe zu wenige Mitarbeiter, das gelte sogar schon für Länder wie Vietnam, von wo sie gerade zurückgekehrt war. Stagnierende Saisonierkontingente würden der Branche auch nicht weiterhelfen.

Es muss und kann anders gehen

„Wir können Gäste begeistern, aber nicht unsere Mitarbeiter“, sagte Berend Tusch. Die Metaller haben es jüngst vorgemacht und sich besser bezahlte 11. und 12. Arbeitsstunden und mehr Pausen bei Überstunden erstritten. Das sollte die Tourismusbranche übernehmen: „Wir müssen eine Arbeitszeitreduzierung durchsetzen, besonders in Küche und Service“, forderte Berend Tusch. In der Planung der Dienstzeiten sollte man angesichts des 12-Stundentags und der 60-Stunden-Woche einen fixen Durchrechnungszeitraum von zum Beispiel drei Monaten einführen, um die Überstunden wieder abbauen zu können.

Die „Freiwilligkeit“ sei in der Tourismusbranche ein Problem, waren sich alle einig. Man könne sie nicht wirklich prüfen und wenn man Dienstpläne ausfülle, höre die Freiwilligkeit schnell auf. Tusch forderte in der Gastronomie endlich Zuschläge für Nacht- und Sonntagsarbeit sowie für Überstunden einzuführen (wie in der Hotellerie). Einig war man sich auch, dass man an der Wertschätzung der Mitarbeiter ansetzen muss und kann. Und das werde auch vor allem in der Hotellerie bereits häufiger umgesetzt – mit Erfolg. Tusch wiederholte sein schönes Wort von der „Beziehungsfähigkeit“ der Arbeitgeber: Die müsse besser werden. Auch in Familienbetrieben.

Anmerkungen aus unabhängiger Sicht

Wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Tourismus wie in der Studie geschehen über zu viel „Kundenkontakt“ klagen, dann sollte der Arbeitgeber sie anders einsetzen: im Backoffice, in der Küche. Aber es bleibt Fakt: Die Tourismusbranche ist eher etwas für kommunikative Menschen. Was  man bei allen berechtigten Klagen häufig vergisst: Am Wochenende und spät abends muss auch in anderen Branchen gearbeitet werden – allerdings wird das dort (meistens) finanziell entgolten. Und was spricht eigentlich gegen die Vereinbarung von Familie und Beruf, wenn der eine Elternteil mal am Wochenende und dafür am Montag und/oder Dienstag nicht arbeitet?

Bessere Bezahlung

An der Bezahlung muss die Branche wohl wirklich dringend etwas tun. Zum Mindestlohn wird man bald niemanden mehr für eine systemimmanent eher anstrengende (Service, Küche, Etage) Arbeit finden. Oder nur noch wirklich ungelernte Kräfte – was wieder andere, bekannte und oft beklagte Probleme nach sich zieht. Zur geforderten Wertschätzung sei angemerkt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass eine Verkäuferin im Einzelhandel oder ein U-Bahnfahrer mehr Wertschätzung erfährt als eine Kellnerin oder ein Kellner. Bei Mitarbeitern in der Küche (außer dem Chef) oder auf der Etage sieht das schon wieder anders aus. Aber hier könnten die Betriebe helfen: das Trinkgeld aufteilen, die Köche aus der Küche holen oder mehr offene Küche bauen und das Zimmermädchen erkennbar machen, zum Beispiel mit einer Namenskarte auf dem Nachttisch.

Bei anschließenden Gesprächen mit einigen Gewerkschaftern und Betriebsräten kam eindeutig heraus: Sie wollen einfach wie die Metaller bessere KV-Verträge, bessere Sozialleistungen und vor allem mehr Geld. Um lobende Worte vom Chef oder Weiterbildungsmaßnahmen könne man sich nichts kaufen.

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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