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Wirte zwischen den Fronten

30.01.2007

Kaum ein Thema spaltet die Menschen mehr als das Thema Rauchen. Nichts wirkt dermaßen demaskierend und bietet Einblick in eine Gesellschaft der Inkompetenz, Verlogenheit und mangelnder Zivilcourage. Nirgendwo führt man dermaßen aggressive Scheingefechte gegen Menschen, die nicht als Verursacher gelten wollen, und glaubt damit ein Problem in den Griff bekommen zu können.

Immer mehr von jenen vorgetragen, die einst selbst zu den größten Schädlingen der Menschheit -um die Diktion der militanten Rauchgegner zu benutzen - zählten, den im Alter geläuterten ehemaligen Rauchern und jetzigen Nichtrauchern. Dies wirkt ebenso glaubwürdig als wenn ein anonymer Alkoholiker die Welt zum Fruchtsafttrinken bekehren wollte.

Und tatsächlich haben sich zwei in sich unabhängige Gruppen gebildet, die jede für sich als Retter der Menschheit auftreten. In der Wahl der Mittel geht man dabei nicht immer zimperlich vor. Da wird gelogen, dass sich die Balken biegen, da weiß jeder auf die Zahl genau, wie viel Menschenleben dem Passivrauchen zum Opfer fallen. Da werden Symposien abgehalten, mit hochdotierten Meinungsbildnern Seminare und Informationsveranstaltungen angeboten, die sich jeweils mit dem Einen, ihrem Problem auseinandersetzen.

So zum Beispiel am 24 November 2006 in der Wirtschaftskammer NÖ eine durchaus gelungene Veranstaltung zum Thema Jugend und Alkohol. Schulklassen waren gekommen um ein Projekt vorzustellen, andere wiederum mixten coole Drinks - ohne Alkohol versteht sich -, ein Primararzt, der mit dem Problem Jugend und Alkohol vertraut ist, gab Statistiken bekannt, und ein ranghoher Polizist erzählte aus seinen täglichen Erfahrungen mit betrunkenen Kindern.

Und dann die Pause. Der Herr Primar lobte die engagierte Jugend gemeinsam mit dem ranghohen Polizisten und dabei rauchten beide - neben den hochmotivierten Schülern -ihre Zigarette. In einem der Öffentlichkeit zugängigem Gebäude, in dem das Rauchen zu dieser Zeit schon gesetzlich verboten war.

Natürlich sprach ich die Herren auf ihr Verhalten an, was sie nicht daran hinderte weiterzurauchen.

Oder jene Veranstaltung am 15.3.2004, die mit europaweit angereisten Fachleuten inklusive namhaften Vertretern des Anton Proksch Institutes in den Sälen des Ministeriums für Gesundheit und Frauen ihr Wissen um das Suchtmittel Alkohol preisgaben. Ich war eingeladen, die Situation der Gastronomie darzulegen, und siehe da, in den Pausen wurde von nahezu der Hälfte aller Anwesenden geraucht, obwohl überall klar ersichtlich ein Rauchverbot zu lesen war. Ja, ich habe auch damals den über 200 anwesenden Teilnehmern ihre Doppelmoral vorgehalten, ich gebe zu, dass ich mich dabei nicht beliebt gemacht habe.

Und da bekomme ich noch einen Anruf eines Wirtes aus St. Pölten, der mir folgende abstruse Situation erklärt:
4 Journalisten, jeweils 2 von einer großen österreichischen Tageszeitung und eines Nö Wochenblattes sitzen, nachdem sie explizit danach gefragt haben, im abgetrennten Nichtraucherraum und rauchen eine Churchill. Darauf angesprochen erwidern sie dem Wirten: "Was wir täglich schreiben deckt sich nicht immer mit unseren Lebensgewohnheiten."! Was soll ich machen, soll ich sie rauswerfen? So die Frage meines Kollegen.

Und fast zeitgleich attackiert eine Journalistin einer anderen österreichischen Tageszeitung die neue Frau Bundesministerin unter dem Titel "Na Mahlzeit "und spricht dieser die Kompetenz ab, nur weil diese für mehr Eigenverantwortung und weniger Staat eintritt. Und welch Verbrechen - sie steht zu ihrer molligen Figur und schätzt das Nationalgericht der Österreicher, den fetten und daher etwas saftigeren Schweinsbraten. Spätestens als man ihr die Kinderlosigkeit vorwarf hatte ich geglaubt, dass vor allem jene emanzipierten Kräfte, die ständig eine Erhöhung der Frauenquote in Politik und Wirtschaft verlangen, solidarisch aufspringen und dermaßen diskriminierende Aussagen in die Schranken weisen. Doch ich irrte mich, zum einen weil die eine Partei der anderen schon aus reiner Disziplin und Clubdenken nicht zur Hilfe eilt, und zum anderen in der Politik scheinbar zur größten Freude die Schadensfreude gereicht.

Und was das Verhalten einzelner Parlamentarier angeht, mögen diese vielleicht gerade sich selbst noch verstehen, das ordinäre Wahlvolk begreift indes kaum mehr.
Deren Beispiele gibt es genug: Wenn sich der Obmann einer Oppositionspartei als Kettenraucher gibt und dies als sein Recht einer freien Willensentscheidung darstellt und sich gleichzeitig für den Schutz der Nichtraucher ausspricht, dann kommt mir das so vor als würde dieser Mann selbst nicht in der Lage sein, diesen Schutz zu gewähren.

In einem Satz dargestellt:

"Schützt die Nichtraucher vor mir, denn ich kann und will es selbst nicht tun"

Und wie glaubwürdig sind denn jene 30 % der Abgeordneten des steiermärkischen Landtages, die trotz der Tatsache, dass sie dem Laster des Rauchens frönen, für ein generelles Rauchverbot eintreten, wo nur Insider wissen, dass diese sich dem Clubzwang unterordnen mussten.

Wie glaubwürdig ist denn eine Ärztekammer, die immer lauter ein generelles Rauchverbot in Österreichs Gastronomiebetrieben einfordert, wenn es ihnen nicht einmal gelingt, ein Drittel ihrer rauchenden Ärzte zum Aufhören zu bewegen?

Dem Fass den Boden schlägt jedoch der Präsident der Wiener Ärztekammer aus, wenn er über seinen Pressedienst am 17.1.2007 verlauten lässt, dass es von nun ab in den Räumen der Ärztekammer verboten ist zu rauchen und noch hinzufügt, dass er aus Gründen der Glaubwürdigkeit dies veranlasst hätte. Für wie dumm hält er denn die Österreicher, oder ist es ihm tatsächlich nicht bewusst gewesen, dass er schon seit 1.1.2005 per Gesetz dazu verpflichtet gewesen wäre laut & 11 des österreichischen Tabakgesetzes.Kann es denn wirklich sein, dass er als Chef des Hauses in der Weihburggasse 12 - 14 über 24 Monate einen Gesetzesbruch geduldet hat, der seit 1.1.2007 mit bis zu 720 .- € sogar unter Strafe gestellt wurde? Wenn dem Herrn, der seit Monaten immer lauter das generelle Rauchverbot in gastronomischen Betrieben einfordert also seine eigene Glaubwürdigkeit noch etwas wert ist, empfehle ich ihm die Selbstanzeige mit der Bitte um Verhängung der Höchststrafe.

Und während sich immer mehr Menschen als Retter der unmündigen Menschheit outen, übersehen wir, dass dieses Treiben bewusst oder unbewusst beobachtet wird.
Beobachtet von jenen, um deren Zukunft wir uns scheinbar Sorgen machen.
Unsere Kinder und Jugendliche sind es, denen wir ein miserables Beispiel abgeben.
Mit Verboten scheint man dem Alkohol und Nikotin begegnen zu können, und wir vergessen dabei unsere eigene Jugendzeit, wo wir auch dem Reiz des Verbotenen erlegen waren.

Und so schockiert es mich, dass in Berufsschulen 67 % und wahrscheinlich ein hoher Anteil von Schülern auch in anderen Schulen regelmäßig rauchen und immer mehr von ihnen zu illegalen Drogen greifen. Bedrückend ist auch die Meldung, dass eine immer größer werdende Zahl von Mädchen, aus genau jenen Ländern, in denen man ein restriktiveres Alkoholgesetz und Rauchverbot hat, sich im kollektiven Bewusstlossaufen - dem sogenannten "binge drinking", zusammenfinden

Darüber wundere ich mich jedoch nicht bei so viel Inkompetenz, Verlogenheit und mangelnder Zivilcourage

Was können wir dann tatsächlich dagegen tun und wäre es nicht schon längst an der Zeit, die Gründe dieser Entwicklung zu hinterfragen? Liegt es vielleicht daran, dass wir verlernt haben, das Gespräch zu führen? Warum sagen wir nicht unserem rauchenden Gegenüber, dass sein Verhalten während des Essens stört? Warum greifen die Menschen immer mehr nach legalen und illegalen Drogen? Warum steigt die Scheidungsrate in schwindelerregende Höhen und bildet somit einen Grund, dass unsere Kinder sich immer mehr von uns entfernen?

Wir haben es verlernt, den Dialog zu führen. "Zusammenstreiten " hat man es früher genannt. Das beginnt in der Familie und setzt sich am Arbeitsplatz und im privaten Bereich fort.

Stattdessen konsultieren jene, die es sich leisten können, regelmäßig den Psychiater, der gegen entsprechendes Honorar das tut, nach dem wir uns so sehnen: er führt ein Gespräch oder vermittelt zwischen Partnern die sich durch die Jahre von einander entfernt haben, weil keiner mehr nach den Bedürfnissen des anderen gefragt hat.
Und dann gibt es noch diejenigen die das Glück haben, im Beisl ums Eck oder dem Dorfwirtshaus jene Unterhaltung zu finden, die ihnen sonst versagt bliebe - unsere Alten alleinstehenden Menschen - denen man dort noch mit dem nötigen Respekt begegnet.

Diese sollen wir Wirte also in Zukunft vor die Türe stellen, wenn sie sich eine Zigarette anzünden wollen?

Wer so ein Gesetz einfordert ist zynisch und muss aller Laster erhaben sein, ansonsten läuft er Gefahr, selbst in die Unglaubwürdigkeit abzusacken.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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