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Wirtshausporträt: Der Johanneskeller und sein Wunder

11.03.2021

Das Fundament jedes Lokals ist sein Besitzer. Peter Lammer ist das Herzstück des Johanneskellers in Salzburg. Dabei hatte ein Unfall das Arbeiten in der Küche eigentlich unmöglich gemacht. Seine Geschichte hat 
unsere Autorin mitgerissen.

Dass Peter Lammer nach einem Motorrad­unfall in seinem Wirtshaus wieder arbeiten wird, hat er nicht mehr für möglich gehalten.
Die Bewegungshilfe Standing Ovation hilft bei Entlastung der unteren Extremitäten. Durch einen fahrradähnlichen Sitz wird das Arbeiten erst möglich.
Der Pinguin mit Maske bekam von uns seinen Namen: „Sir Currygoscherl“.
Steckbrief

Name: Johanneskeller (im Priesterhaus)
Inhaber: Peter Lammer, Silvia Löcker
Seit: 2013
Mitarbeiter: 8
USP: Flair, Herzlichkeit
Küchenschwerpunkt: österreichische Küche, 
vegetarische und vegane Speisen
Sitzplätze: 4 Räume, Sitzplätze pro Raum 15/20/23/35
Sitzplätze Gastgarten: 30
Sitzplätze Terrasse: 40
Öffnungszeiten: Montag–Samstag 17–24 Uhr, warme Küche 17–22 Uhr, feiertags geschlossen
Adresse: Johanneskeller, Richard-Mayr-Gasse 1, 
5020 Salzburg
Website: Facebook „Johanneskeller Priesterhaus“
Standing Ovation: www.standingovation.at

Was sich sofort einprägt, wenn man die Räumlichkeiten durch den Hintereingang betritt: unverfälschte Herzlichkeit. Und österreichischer Groove, der Lust auf viele, viele kurzweilige Abende inmitten dieses Ambiente macht.
Nach einem Jahr mit der allgegenwärtigen Pandemie ist Peter Lammer, einem von zwei Inhabern des Johanneskellers in der schönen Stadt Salzburg, das Lachen trotzdem noch nicht vergangen. „Zum Glück“, denke ich beim Zuhören, denn es wärmt. Und es lässt mich verstehen, warum Gäste unterschiedlicher Couleur in der Richard-Mayr-Gasse 1 vorbeischauen. Wieder und wieder und immer wieder. Das heißt: Wenn gerade kein Ausnahmezustand in Gastronomiebetrieben herrscht. Gäste, das ist übrigens eine gerngesehene Spezies, die sich – zumindest bevor das Virus vor allem Wirte und Wirtinnen regelrecht zum Schafott getrieben und zu Teilzeitbettlern degradiert hat – bei Bier oder Wein, Schnaps und Kartenspielen, Soda Zitrone mit Verlängertem, Apfelstrudel und heißer Schokolade, einem Glas Wasser oder nur kurz (darf ich bitte Ihre Toilette benutzen) österreichweit in Lokalen und deren Gastgärten zur Mentalhygiene getroffen hat. 

Sich von ganz unten wieder ganz nach oben zu kämpfen erfordert Courage, eisernen Willen und gute Freunde, zuweilen auch die richtigen Geschäftspartner, wie zum Beispiel Hannes Wagner, den Geschäftsführer des Priesterhauses. Eine wertschätzende, partnerschaftliche Zusammenarbeit, die den Wirt strahlen lässt. Der wundervolle Gastronom und vierfache Vater Peter Lammer hat mit mir bei Kaffee und Kuchen über große und kleine Wunder gesprochen.

Was ist „Standing Ovation“?

Ein Gespräch über ihn und den Johanneskeller? Sehr gern, hat er geantwortet. Wir sollen auch sprechen über: „Standing Ovation“, eine „geniale Erfindung, welche mir seit 2016 meine Autonomie, meine Existenz und gleich auch meine Lebensfreude sichert“, schreibt Peter Lammer bereits vor unserem Gespräch. Er kommuniziert mit mir seit Beginn unseres Gesprächs auf der charmanten Ebene des „Du“. Bis auf uns und eine Pinguinfigur, die zu Beginn des Gesprächs noch namenlos und mit einem Mund-Nasen-Schutz versehen auf einem Tisch stand, ist der Johanneskeller leer.
Seit Monaten habe ich – wie viele andere auch – kein Lokal mehr betreten. Es ist ein befremdliches und gleichzeitig vertrautes Gefühl. Eine Schank zu sehen, die Bar, eine Kaffeemaschine für die Energiespende und den Wirt oder Kellner, der sie bedient. Zwei frisch gebrühte Kaffees, wir schenken uns Milch ein. Was ist denn nun Standing Ovation, möchte ich wissen. Ich habe mich vorab nicht informiert, möchte es mir erzählen lassen: Im Jahr 2010, im Alter von 44 Jahren, hatte Lammer einen Motorradunfall, nach dem er fast vollständig eingegipst im Krankenhausbett gelegen ist. Es folgten: Operationen, Schmerzen, Rehabilitation, weitere Operationen, Erhöhung der Schmerzdosen, Verschlechterung der psychischen Gesundheit.

Nie wieder eine Tätigkeit im Stehen

Die Prognose lautete: Nie wieder wird er einen sogenannten Stehberuf ausüben können. Für jemanden, der sich mit Leib und Seele der Gastronomie verschrieben hat, gleicht das einem Todesurteil. Nach einem langen Leidensweg ein Telefonanruf: „Bernhard, ich brauch dich“, lautete ein Satz, der die bedeutenden Weichen für alles Weitere legen sollte. Bernhard Tichy (keine Verwandtschaft mit dem Wiener Speiseeisriesen) ist u. a. Bergsportführer und Industriekletterer in einem Hochrisikobereich. Es galt, eine Steh- und Sitzhilfe zu kon­struieren, die es Menschen in Gastronomieberufen möglich machte, sowohl schmerzfrei als auch sitzend arbeiten zu können. Das Ziel war, ein Gerät zu konstruieren, das die Wirbel entlastet und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen einen Weg zurück in die Normalität und Berufswelt ebnet. Lammer sollte so wieder Chef in seiner Küche sein können. Es folgte das Trial-and-Error-Prinzip, und das mehrmals. Nach jedem Misserfolg kam das Wiederaufstehen. Immer und immer wieder. Bei Konzeption, Produktion und Umsetzung war und ist Tichy bis zum heutigen Tag ein treuer Freund an Peter Lammers Seite. Nach nur drei Monaten war der erste Prototyp fertig. Das verfeinerte Endergebnis ist beeindruckend: Die beiden nennen es „Standing Ovation“. Keine langwierigen An-, Auszieh- und Anschnall- oder Fixiermechanismen, sondern einfach aufsitzen, Höhe anpassen und drauflosarbeiten. Man darf hoffen, dass Lammers und Tichys patentierte Erfindung noch vielen, vielen Menschen helfen wird. Bei Krankenkassen usw. kann um Finanzierung im privaten sowie im beruflichen Bereich angefragt werden.

Peter Lammer und sein Johanneskeller im Priesterhaus: Fünf Stunden nach unserem Gespräch vermisse ich ihn bereits. Den Wirt. Und sein Lokal. Eine Anmerkung am Ende: Den Pinguin durfte ich höchstpersönlich taufen. Am 22. Februar d. J. erhielt er den Namen „Sir Currygoscherl der I. vom Johanneskeller“.

Autor/in:
Anna Herzig
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