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Wo bleiben die Jungen?

04.02.2015

Zeitungsverlage und Kaffeehäuser haben das gleiche Problem: Bei älteren Menschen sind sie beliebter als bei den Jungen. Was man tun kann, um jüngere Menschen zum Lesen in die Lokale zu locken, wurde im Rahmen der Woche des Zeitunglesens diskutiert.

Text: Natalie Oberhollenzer

 

DOld Boys’ or Young Girls’ Things: Jugend für Zeitungen und Kaffeehäuser begeistern? Zu diesem Thema diskutierten Herausgeber und Journalisten gemeinsam mit Markus Muliar, Chef des Café Markusplatz im Rahmen der Woche des Zeitunglesens im Wiener Kaffeehaus. Nicht umsonst wurde dieses Café als Treffpunkt ausgewählt. Denn Muliar bietet den Gästen in seinem Lokal eine Reihe an Publikationen an. Allein 15 Tageszeitungen, darunter Prestigeblätter wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder die Süddeutsche, dazu internationale Magazine wie die von vielen Damen der Innenstadt heißbegehrte amerikanische Vogue und sogar russische Modemagazine stehen zur Auswahl. Dazu hat er noch ein Bücherregal einbauen lassen. „Wenn ich diese Medien nicht aufliegen hätte, würde ich ganz viele Gäste verlieren“, ist sich Muliar sicher. Für ihn ist das Kaffeehaus nicht nur ein Ort des Lesens, sondern auch des Austausches: „Meine Gäste kommen über die Tische, über die Logen hinweg ins Gespräch – auch weil sie das in der Zeitung Gelesene besprechen möchten. Das ist ganz wichtig, weil das immer mehr verloren geht“.
Grundsätzlich stellt er in Frage, dass heute alles Profit bringen muss, dass sich alles selber tragen muss, so auch eine jede Zeitung. „Wenn eine Publikation nicht gewinnbringend ist, dann wird sie gestanzt. Dasselbe lässt sich aufs Kaffeehaus übertragen. Denn was bringt mir ein Gast, der zwei Stunden bei einem Espresso sitzt?“ Für ihn ist so ein Gast dennoch wertvoll. Denn es gehe ja auch darum, dass sich dieser Kunde selbst zehn Euro spart, weil er die ganzen Zeitungen nicht selbst kaufen muss. Und das nächste Mal trinkt er eine Flasche Sekt mit Freunden.

 

Overflowed but underinformed
Eines fällt jedoch auf: Junge Menschen finden sich unter dieser zeitunglesenden Klientel eher wenig. Die gehen, so der Canon unter den Diskutanten, lieber ins McDonalds oder andere Gaststätten, in denen der Aufenthalt an sich nichts kostet. Bestellen sich einen Kaffee um einen Euro und surfen auf ihren Smartphones oder Tablets herum. „Diese Generation bezeichnet das Lesen von Facebook-Posts und das Streamen von Videos als Zeitunglesen“, weiß Herbert Lackner, Chefredakteur des Magazins „Profil“. Oder das „Konsumieren“ des Nachrichtenstroms auf Twitter. „Jeder erfährt etwas anderes, und das nicht aus der klassischen Tageszeitung.“ Im Grunde genommen seien das Kaffeehaus und die Tageszeitungen mit demselben Phänomen konfrontiert: Ihnen kommt das junge Publikum abhanden. Ein Problem, dass Datum-Journalist Stefan Apfl darauf zurückführt, dass Lesen als Kulturtechnik in Schulen nicht mehr unterrichtet wird. „Die Leute lesen Headlines und Kurztexte im ‚Österreich’ und in ‚Heute’.“ Es gebe GAP und Biorama-Herausgeber Thomas Weber zufolge auch keinen sozialen Druck mehr, informiert zu sein. Dafür schauen sich junge Menschen heute gemeinsam Scherzvideos auf Youtube an. „Overflowed but underinformed“, mit diesen Worten wird der Informiertheitsgrad der modernen Jungen gerne beschrieben. Unterrichtet darüber, was auf der Welt passiert, doch ohne die Hintergründe zu kennen.

 

Digital-Abos, ja oder nein?
Und was kann das Kaffeehaus tun, um junge Menschen zunächst einmal ins Lokal und dann auch noch zum Zeitunglesen zu bringen? Der Vorschlag von Apfl: Gaststätten können digitale Inhalte bieten, die den Leser sonst etwas kosten würden. Sie können Digital-Abos von namhaften Medien beziehen und dem Kunden, der mit seinem IPad ins Lokal kommt, das Login-Passwort für die digitale Bibliothek verraten. „Denn früher oder später wird sich das auch aufhören, dass die Leute die ganzen Infos im Internet gratis bekommen“, ist sich Apfl sicher.

Eine weitere Idee wäre ein Angebot von Ladestationen im Kaffeehaus. „Oft gibt es zwar Stecker, aber an Orten, an denen man das Handy oder IPad nicht unbeaufsichtigt liegen lassen will. Aber wenn mir der Ober anbieten würde, es aufzuladen und mir versichert, dass ich es wieder zurückbekomme, dann wäre das ein guter Service.“ Muliar erklärt, dass man sich bereits mit solchen Ideen auseinandersetze. Bis dato habe man sich aber bewusst gegen ein WLAN-Angebot entschieden, eben weil man will, dass die Leute auf gedrucktem Papier lesen. Aus finanzieller Sicht ist es allemal eine Überlegung wert auf Digital-Abos umzustellen – zumal sie wahrscheinlich weniger kosten als die einen spürbaren Teil der Betriebskosten eines Kaffeehauses ausmachenden Printprodukte. Und: Die Nachrede, ein innovationsbefreiter Raum zu sein, würde man sich dann als Kaffeehausbetreiber auch nicht länger anhören müssen.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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