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Michael Lehofer, Harry Gatterer (mit Gipsbein) und Hanno Settele (von links nach rechts) diskutierten mit dem Publikum.

What if: Der Individualist füllt keine Hotels

07.12.2016

Geistige Nahrung statt zeitgeistige Events servierte das Ötztal zum Saison-Auftakt: Zukunftsforscher Harry Gatterer und Psychologe Michael Lehofer skizzierten den Tourismus im Jahr 2035.

 

Die Trends 2035

Die wichtigsten Grundlagen der touristischen Angebotsentwicklung, wie sie Gatterer, Lehofer und Settele in Hochgurgl skizzierten, zusammengefasst:
•    Nützen, was da ist, und keinen künstlichen Raum schaffen
•    Persönliche Ansprache gibt das Gefühl von Bindung, einem Grundbedürfnis des Menschen
•    Der Begriff „Gast“ ist besser geeignet als „Tourist“
•    Gäste, die andere Werte und Ideologien vertreten, werden Standard
•    Auf Individualität ausgelegte Angebote verfehlen hier die Nachfrage

"Was wäre, wenn …“, fragte man im Hochgurgler „Crosspoint“ zwar auch in Englisch, die Tiroler Note kam bei der erstmalig veranstalteten Tourismus-Diskussion „What if…?“ aber nicht zu kurz. Lebenserwartungen von 100 Jahren, steigende Gästezahlen aus Kulturen, auf die wir nicht eingestellt sind, und ein völlig neues Urlaubsverständnis stellen auch den Wintertourismus vor existenzielle Fragen. Apropos Winter: Weder die Bergbahn-Sperre, die für eine kurzfristige Verlegung der Denkwerkstatt durch Gastgeber Oliver Schwarz (Ötztal Tourismus) sorgte, noch der Beinbruch von Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts Wien/Frankfurt, bremsten die von 100 Gästen (darunter ÖW-Geschäftsführerin Petra Stolba) besuchte Veranstaltung. Die Aufgabenverteilung dabei war klar, auch wenn manche Antworten in der knapp zweistündigen Diskussion vage bleiben mussten: Gatterer versuchte die wissenschaftliche Basis für Veränderungen zu skizzieren, während der Leiter der Neuropsychiatrie am LKH Graz Süd-West, Dr. Michael Lehofer, die individuelle Konsequenzen dieser Trends darstellte. 

Demografie & neue Märkte

„Jedes zweite Baby, das heute auf die Welt kommt, erreicht die magische Altersmarke 100“, eröffnete ORF-Journalist und Dokumentarfilmer Hanno Settele als Chefnavigator die Reise in die Zukunft. Konkret bedeute das eine schleichende Auflösung der Trennung zwischen Arbeit und Freizeit: Auch im Urlaub werde sinnvolle Aktivität wichtiger. Während hier die Anregungen für Gastgeber noch ausblieben, sorgte der zweite Input – im Jahr 2035 werden 75 % der Flugreisenden nicht aus der westlichen Welt stammen – für einige Vorschläge. Denn aktuell „sind wir auf kollektivistisch geprägte Kulturen nicht eingestellt“, sagte Gatterer: Die Kombination aus Hedonismus und Individualismus stelle nur den Urlaubswunsch der westlichen Wohlstandswelt dar. 

Anhand des jedem bekannten Beispiels für im Urlaub gern besuchte Lokale („da waren wirklich nur Einheimische drinnen“) wurde dann der Spagat für die Hotellerie deutlicher. Einerseits müssten Gäste aus nicht westlichen Kulturen mit Angeboten abgeholt werden, die ihnen vertraut sind, anderseits darf die heimische Kultur nicht verloren gehen. „Ob es einen Tischtennis-Tisch für Kinder gibt, während die Mama in der Sauna ist, wird da nebensächlich“, unterstrich Lehofer die Wichtigkeit von Gruppenräumen für diese neuen Gästeschichten. Gleichzeitig sei so gewährleistet, dass etwa ungewohnte Rituale von russischen Touristen nicht andere Hotelbewohner abschrecken. „Werte sind etwas, das über Jahrhunderte geschaffen wurde, die kann man nicht so einfach ändern. Aber was man tun kann, ist, Regeln einzuführen. Auch wenn der eine oder andere Gast dadurch wegfällt.“

Keine Touristen

Individualismus sei in Zukunft vielleicht passé, doch vielfach „müssen wir auch im Tourismus persönlicher werden“, leitete Dr. Lehofer dann als Kenner der Psyche zu einer Grundsatzdebatte über. Ein künstlich geschaffener Raum für Touristen, wie Gatterer es nannte, scheitere zunehmend daran, dass niemand mehr „Tourist“ sein wolle. Erstaunlich viele Wortbildungen, nicht nur die „Touri-Hütte“, seien negativ behaftet, war sich das Auditorium einig. Doch es geht nicht nur um die Semantik, so das Ötztaler Vordenker-Trio: „Nicht, was der Tourist erlebt, sei künftig die Frage, sondern was erleben die Menschen hier?“ Im Zeitalter der Plattformen ginge es weniger um das Denken in Produkten („Was kann ich tun, um mein Hotel voll zu bekommen?“). So wie sich Amazon nicht als Händler verstünde, zog Gatterer einen Vergleich, agiere auch Airbnb nicht wie ein Touristiker: „Die sind eine reine Plattform und wollen vernetzen: Sie denken nicht in touristischen Produkten.“

Für Tirol Werbung-Chef Josef „Joe“ Margreiter widersprach vor allem der Boom der Kreuzfahrten – bei denen man sich deutlich als Tourist wahrnähme – diesem Ansatz. Hier sei man aber quasi mit seinem eigenen Wohnzimmer unterwegs, sah Harry Gatterer hier eher eine gelungene Verbindung aus Individualismus (Wahl und Einrichtung der Kabine) und kollektivem Erleben. Dennoch blieb einiger Spielraum offen, wohin sich die Freizeitwirtschaft Tirols entwickeln wird. 

Wie es mit „What if …“ weitergeht, darüber herrscht hingegen weitgehend Klarheit: „Es gab in den Nachgesprächen etliche spontane Ideen“, freut sich Mitinitiator Thomas Weninger (Qyint Imagemanufaktur) über das Feedback. Geht es nach den Gastgebern, soll es eine Marke zum Saisonauftakt werden. Der Wandel wird uns so schnell ohnehin nicht loslassen.

Autor/in:
Roland Graf
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