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Alpine Go-go-Tänzerinnen an der Gratwanderung des guten Geschmacks.

Zwischen Hüttengaudi und Luxus

18.12.2018

Ischgl kann Party, damit verkauft sich die Region international. Doch daneben tut sich auch eine Luxusschiene mit Haubenküche auf. Die ÖGZ hat sich vor Ort umgesehen, ob das gutgehen kann.

 

Gespräch im  Panorama-Restaurant auf der Idalp mit TVB- Direktor Andi Steibl und den Vorständen der Silvretta Seilbahn AG (Markus Walser, Günther Zangerl, Hannes Parth v. l. n. r.).

Stampfende Elektrobeats aus den Boxen, auf der hölzernen Bar tanzen dazu junge Frauen in engsitzenden karierten Kleidungsstücken, die gerade noch als Dirndln durchgehen. Die Go-go-Tänzerinnen heizen der Après-Ski-Meute ein. Gejohle, Wodka-Red-Bull, Jägermeister und alles, was sonst noch dazu gehört, gibt es im „Schatzi“, dem Party-Tempel des Hotel Elizabeth an der Ischgler Talstation, aufgetischt. Party! – Dafür ist Ischgl auch über das Paznauner Tal hinaus bekannt. Ein paar Minuten reichen, um einen Eindruck zu gewinnen. 

Es geht weiter, durch den sogenannten Dorftunnel, in den eigentlichen Kern von Ischgl: ein Dorf, 1.500 Einwohner und rund 12.000 Fremdenbetten. Overtourism? Zwar hat man vor zwei Jahren ein – von manchen spöttisch kommentiertes – abendliches Skischuhverbot verhängt, um die Lärmbelästigung auf den Pflastersteinen in Grenzen zu halten. Aber im Großen und Ganzen ist jeder Gast willkommen. Denn kaum jemand hier lebt nicht irgendwie vom Tourismus. Ischgl, das ist eine Marke, auf die Einheimische stolz sind.

Das andere Bild Ischgls

Wenige hundert Meter vom „Schatzi“ entfernt, sitzt Ischgls oberster Markenpfleger Andi Steibl. Wir treffen den Chef des Tourismusverbandes Ischgl im Hotel Yscla, in dem der als Koch des Jahres ausgezeichnete Drei-Hauben-Koch Benjamin Parth für die Küche verantwortlich zeichnet. Steibl wirkt auf den ersten Blick wie ein Zwilling der Kitzbüheler Ski- und Schlagerlegende Hansi Hinterseer, mit dem er auch den Witz teilt. Das, obwohl Steibl eigentlich Wiener ist, doch selbst das haben ihm die Tiroler nach 16 Jahren verziehen. Steibl, das Gesicht hinter dem Tourismusboom, nippt an einem Glas Chateau-Wein. Auch das ist Ischgl. 18 Hauben auf acht Lokale verteilt, diese Dichte gibt es kaum sonst wo! In Ischgl erfindet man durch die Hauben-Gastronomie ein neues Markenbild. 

Ibiza der Alpen oder Gourmetdestination – was ist Ischgl nun? Die Antwort: beides, oder eine Kombination daraus. „Wir sind sicherlich keine Billigdestination“, sagt Steibl. Die Preise stimmen jedenfalls, von Unternehmerseite aus gesehen: Im Vier-Sterne-Bereich verlangt man pro Person und Nacht von 115 bis 155 Euro. Das Partyimage kreierte man übrigens einst eher zufällig. Mitte der 1990er-Jahre suchte Ischgl nach einer Idee, die Leute Ende April noch auf die Piste zu holen und kam darauf, Konzerte zu veranstalten. Anfangs mit Jazz Gitti und Besuchern auf Bierbänken, 1995 kam mit Elton John erstmals ein Topstar auf die Idalp. Mittlerweile gibt es auch ein Eröffnungs- und ein Osterkonzert. In den gut 20 Jahren hat man dazugelernt, nicht nur beim genauen Durchschauen der Verträge mit den Stars (für die man Gagen im höheren sechsstelligen Eurobereich ausgibt), sondern auch bei der Organisation. Einmal habe ein privater Busunternehmer einfach Reisen zum damals kostenlosen Eröffnungskonzert als seine eigene Veranstaltung verkauft, erinnert sich Steibl. Danach sei man übergegangen, Eintritt zu verlangen. Zum Abschlusskonzert in der Silvretta-Arena reicht immer noch ein Skipass. 

Auf der Idalp – wo am 30. April 2019 Lenny Kravitz vor rund 26.000 Leuten auftreten wird – wartet tags darauf der scheidende Seilbahnpräsident Hannes Parth (der Onkel von Haubenkoch Benjamin) zum Pressegespräch. 

Gewinne reinvestiert

In den vergangenen 36 Jahren seien 544 Millionen (inflationsbereinigt: 707 Millionen) Euro in die Skiinfrastruktur investiert worden, sagt er stolz. Der Hintergrund: Seit dem Start in den 1960er-Jahren ist die Seilbahn AG im Besitz der Gemeinde Ischgl sowie weiterer Talgemeinden und Tourismusvereine. Eine Dividende wurde nie ausgeschüttet, der Gewinn stets reinvestiert. Vom Seilbahn-Umsatz her ist man eines der Top-5-Gebiete weltweit. In den kommenden fünf Jahren sollen auf der Schweizer Seite bei Salaas 40 weitere Pistenkilometer dazukommen – dann läge man bei 280 Kilometern, nur ganz knapp hinter dem Arlberg als größtes zusammenhängendes Gebiet. Auch was die Gastronomie betrifft, hat man die Regie selbst in die Hand genommen: Ein Bedienrestaurant in einem Skigebiet ist nicht wirklich kostendeckend zu betreiben. Was früher verpachtet wurde, wird heute selbst betrieben, um den Gästen den erwarteten Standard zu bieten. 

Was sind die größten Herausforderungen? Parth blickt zu seinem Vorstandskollegen und designierten Nachfolger Günther Zangerl. Zwar sei in den vergangenen Jahren die Zahl der Skifahrer im Alpenraum zurückgegangen, doch allein in Europa seien 50 Millionen Nichtskiläufer interessiert, es einmal auf Brettern auszuprobieren. Ebenso viele potenzielle Gäste soll es laut Marktstudien in China geben. Die wollen freilich nicht nur Skifahren, sondern den gesamten Winterzauber erleben. Skitouren, Schneeschuhwandern, Schlittenfahrten, Langlauf und Paragleiten bietet man an. In den kommenden Jahren wird es auch eine Therme geben. Um künftig bestehen zu können, scheint Ischgl gut aufgestellt, da die Destination Halligalli und Luxus gleichermaßen kann. Man muss eben nur zusehen, dass sich beide Gruppen nicht zu sehr in die Quere kommen.

Autor/in:
Daniel Nutz
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