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Zelebrierte Regionalität

04.03.2020

Mit bodenständiger Wirthausküche aus Produkten der Umgebung führt Jung-Gastronom Thomas Glanzer sein Gasthaus Marinelli in Osttirol erfolgreich in eine neue Ära.

Wirt Thomas Glanzer. Seine Urgroßmutter hat das Gasthaus 1935 gegründet.
Mit viel Naturholz runderneuert, um vom Flair der 70er- und 80er-Jahre wegzukommen.
Station am Schnapswanderweg mit Georg Dorer.
Steckbrief

Name: Gasthaus Marinelli
Inhaber: Thomas Glanzer
Mitarbeiter: 10
Küchenschwerpunkt: Regionale Vielfalt am Teller
(Tiroler Wirtshauskultur, Genusswirt, Drauradwegwirt)
Sitzplätze: innen: 85, Garten: 80

Öffnungszeiten:
ganzjährig von 9 bis 1 Uhr
Küchenzeiten: durchgehend von 11 bis 21 Uhr,
Dienstag und Mittwoch Ruhetag

www.gasthaus-marinelli.at

Nach drei Generationen von Wirtinnen hat mit Thomas Glanzer nun ein Mann das Kommando über das Gasthaus Marinelli in Dölsach in Osttirol übernommen. Seine Urgroßmutter Anna Marinelli gründete das Gasthaus im Jahre 1935 als Bahnhof-Restauration. Ihr folgte Tochter Gabrie-
le und dann deren Tochter Christa. Seit 2013 ist nun ihr Neffe Thomas der Chef.

Optisch erinnert nicht mehr viel an die Ursprünge vis-à-vis des Dölsacher Bahnhofs. Aus dem gezimmerten Häuschen wurde ein stattliches Wirtshaus. Lediglich die offene Veranda-Einbuchtung beim Eingangsbereich ist erhalten geblieben. Heute dient dieser Bereich als wind- und wettergeschützte Raucherlounge, da sie sich ja im Freien vor dem Lokal befindet. 
Schlipfkrapfen und ­Veggie-Burger

Ansonsten hat Wirt Thomas seine Gaststuben in den vergangenen Jahren mit viel Naturholz runderneuert und so den 70er- und 80er-Flair ein wenig ausgekehrt. Das klassische Wirtshaus-Ambiente und auch die grundsätzliche Raumaufteilung blieben dabei aber erhalten. Glanzer hat Koch gelernt und steht auch selbst in der Küche. Die meisten Rezepte seiner Spezialitäten hat er noch von seiner Vorgängerin Tante Christa gelernt. 

Freilich hat er mittlerweile auch schon etliche Eigenkreationen hinzugefügt. Die Speisekarte ist groß und vielfältig und dabei ebenso bodenständig wie kreativ. Das Angebot reicht von Tiroler Knödel über Schlipfkrapfen bis hin zum Veggie-Burger. Weithin bekannt ist man auch für die verschiedenen Cordons bleus, wie etwa das Rucola-Speck-Cordon. Einzigartig dürfte beim Marinelli wohl auch die Auswahl zwischen Osttiroler Schlipfkrapfen und Kärntner Nudeln sein. Beides sind im Grunde die gleichen gefüllten Nudelteigtaschen. Den genauen Unterschied kann man hier am Teller erkunden.

Schautafel der Produzenten 

Was aber alle Gerichte oder besser gesagt deren Zutaten gemeinsam haben, ist ihr Ursprung. Beim Marinelli kommen fast ausschließlich Produkte von Bauern und Erzeuger aus der Umgebung auf den Teller. Alles, was möglich ist, kauft der Wirt in seiner Heimatgemeinde. Beim Marinelli wird diese Regionalität nicht nur gelebt, sondern regelrecht zelebriert. Im Hausgang hinter den Gaststuben gibt es einen kleinen Bauernladen, wo man auch sämtliche Produkte aus dem Ort und die selbstproduzierten Spezialitäten als Mitbringsel käuflich erwerben kann. Darüber hinaus findet man dort auch eine schöne Schautafel mit Fotos und Beschreibungen der wichtigsten Lieferanten und Erzeuger. 

Für die Eigenerzeugnisse sorgt Evi, die Mama des Wirtes. Auf der Produktionsliste stehen ausgefallene Sachen wie Rosenblüten-Marmelade oder Fichtenwipfel-Likör und nicht zu vergessen der „Pedal“-Kräutersirup. Den aus Minze, Zucker und Kräutern hergestellten Sirup gibt es natürlich auch im Lokal als Erfrischungsgetränk, mit Soda oder Wasser aufgespritzt.  

Kulinarik statt Stammtisch

„Die Kulinarik spielt mittlerweile die Hauptrolle bei uns im Wirtshaus“, erklärt der Gastronom. Zwar sei das Marinelli auch früher schon bei Tante Christa ein Geheimtipp für gutes bodenständiges Essen im Lienzer Talboden gewesen. Aber vor 15 Jahren machte der Getränkeumsatz, vor allem der Stammtischhocker oder der klassischen Feierabend-Biertrinker noch mehr als fünfzig Prozent der Gesamtumsätze aus. Mittlerweile geht die Entwicklung eindeutig in Richtung Restaurant-Betrieb. Wenngleich auch heute noch zahlreiche Stammgäste einfach nur auf einen Kaffee oder ein Glas Wein vorbeikommen. Während unseres Gespräches an einem Donnerstagvormittag trifft am Nebentisch auch gleich eine Runde Pensionisten zum Kartenspielen ein. „Diese treuen Stammtischhocker haben wir schon noch, aber sie werden weniger, und der Unterschied bei den Generationen ist hier deutlich zu spüren“, erklärt Glanzer. Er habe zwar viele junge Stammgäste, aber die kommen nicht mehr wie früher mit ihren Kumpeln zum Biertrinken, sondern mit ihrer Freundin oder der Familie zum Essen.

Ein weiterer Wachstumsmarkt, auf den Glanzer erfolgreich setzt, sind Familien-Feierlichkeiten. „Bei Geburtstagen, Hochzeiten, Taufen und sonstigen Festlichkeiten steht auch meist die Kulinarik im Zentrum. Wir können da mit unserer regionalen, bodenständig-kreativen Küche punkten und Gäste aus der ganzen Region anlocken“, freut sich der Wirt. 

Im Sommer spielt auch der Tourismus eine nicht unwesentliche Rolle. Das Marinelli ist auch Drauradweg-Wirtshaus und steht mit seiner Ganztagesküche bei den hungrigen und durstigen Radtouristen hoch im Kurs.

Wirtshaus to go

Beim Marinelli gibt es auch Essen zum Mitnehmen. Seine Spezialitäten, die telefonisch bestellt und dann abgeholt werden, bewirbt Glanzer auch mit einem äußerst kreativen Werbespot im heimischen Kino in Lienz. Seine jüngsten Projekte sind der Schnapswanderweg, eine Erlebniswanderung, die er mit einem Schnapsbrenner und einem Schmied gemeinsam anbietet, und die Errichtung eines 24-Stunden-Bauernladens in einem mit Holz verkleideten Container vor dem Gasthaus. Dort gibt es dann alle bäuerlichen Produkte in Selbstbedienung mit Self-Service-Kassa. Zum Eintritt benötigt man eine Bankomat- oder Kreditkarte. Damit werden kriminelle Elemente ausgesperrt. Beim Einscannen der Waren vertraut Glanzer allerdings ganz auf die Ehrlichkeit seiner Gäste. 

Bei aller Tüchtigkeit und Fleiß wollen Thomas und seine Frau Magdalene, die auch voll im Betrieb mitarbeitet, ihre Familie nicht zu kurz kommen lassen. Damit Töchterchen Emily (6) und Jamie (1 ½) von ihren Eltern was haben, gibt es seit einigen Jahren zwei Ruhetage, und zumindest die neuen Herbstferien gehören den Privatleuten Glanzer. 

Autor/in:
Dieter Mayr-Hassler
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