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Als Geschäftsführerin ist Karin Leeb im Hochschober gemeinsam mit ihrem Mann für 115 Mitarbeiter verantwortlich.

Die Avantgarde der Nachhaltigkeit

18.05.2017

Das Hochschober auf der Turracher Höhe ist nicht nur ein Vorzeigebetrieb in Sachen Nachhaltigkeit, sondern setzt auch auf die durchaus umstrittene Gemeinwohlökonomie. Was das bringt, fragten wir die Chefin Karin Leeb.

Gemeinwohlökonomie

Ist ein Wirtschaftsmodell, das ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung als Grundlage begreift und sich selbst als Alternative sieht zum neoklassischen Modell, nachdem Unternehmen in erster Linie Profit maximieren sollen. Von Österreich ausgehend, hat sich ein internationales Netzwerk von Privatpersonen und hunderten Unternehmen gebildet, die diesem Gedanken anhängen. Als Alternative zu einem Nachhaltigkeitsbericht erstellen einige eine Gemeinwohlbilanz. In dieser wird das Wirken des Unternehmens auf ökologische und soziale Faktoren bewertet. Ziel ist es, diese Werte von Jahr zu Jahr zu verbessern. 

Viele Unternehmen sind nachhaltig, weil sie ihren Energieverbrauch und ihr Abfallmanagement optimieren, auf E-Mobilität umsteigen oder in die Mitarbeiter investieren. Den Anhängern der sogenannten Gemeinwohlökonomie ist das allerdings zu wenig. In den vergangenen Jahren hat sich ein internationales Netzwerk an Unternehmen gefunden, das für eine gänzlich neue Form des Wirtschaftens eintritt – darunter auch Hotelbetriebe wie das Auersperg in Salzburg, das Landhotel Yspertal, der Gleichenberger Hof oder das Hochschober auf der Turracher Höhe. Ihnen geht es nicht nur um die Verantwortung gegenüber der Umwelt. Sie wollen den Konkurrenzgedanken und das Profitstreben – die in vielen Lehrbüchern als Quelle des Fortschrittes dienen – durch Wertschätzung, Teilen, Empathie oder Kooperation ersetzen. Das klingt für Kritiker nach Sozialromantik.

Vorzeigebetrieb

Als Romantikerin oder gar Kommunistin sieht sich Hotelière Karin Leeb aber gar nicht. Mit dem Hotel Hochschober erreicht sie eine Auslastung von mehr als 93 Prozent und gilt in der Region als Vorzeigebetrieb. 
Im ÖGZ-Interview erklärt Leeb, warum für ihr Unternehmen das Profitstreben nicht an erster Stelle steht, dass sie sich von den Kritikern ihrer Bewegung falsch verstanden fühlt und warum sie glaubt, dass nachhaltiges, verantwortungsvolles Unternehmertum die einzige Lösung für die derzeitigen Herausforderungen ist.  

Frau Leeb, was ist für Sie unternehmerischer Erfolg?
Karin Leeb: Ganz sicher nicht, wenn man ein gutes Banken-Rating hat. Schon mein Vater sagte, es gibt in Unternehmen eine zweite Bilanz, die wichtiger ist als das Rating. Weil eine Bankbilanz nichts darüber aussagt, ob der Unternehmer mit seinen Kindern Zeit verbringt, die Mitarbeiter zufrieden sind, wie es bei den Lieferanten und Handwerkern ist, ob die ausgequetscht werden. Das Denken haben aber im Grunde auch meine Großeltern schon gehabt, die das Hotel gründeten. Unsere Familie hat CSR und Nachhaltigkeit schon Jahre vor dem Zeitpunkt betrieben, als diese Begriffe populär wurden. Soziale, ökologische und gesellschaftliche Verantwortung sind darum auch unsere Grundpfeiler. 

 Sie haben sich 2009 der Gemeinwohlökonomie (GWÖ) angeschlossen und legten 2014 Ihre erste Gemeinwohlbilanz. Wieso?
Wir hatten früher schon Nachhaltigkeitsberichte erstellt. Ich glaube, dass solche klassischen Berichte mittlerweile von vielen großen Konzernen zum Greenwashing missbraucht werden. Für mich ist daher die Gemeinwohlökonomie ein logischer Schritt weiter. Auf betriebswirtschaftlicher Ebene ist eine Gemeinwohl-Bilanz ein Nachhaltigkeitsbericht, der neben den Umweltaspekten auch sehr stark soziale Aspekte wie Mitarbeiter betont. Mir gefällt, dass das Konzept der Gemeinwohlökonomie nicht nur eine betriebswirtschaftliche, sondern auch eine volkswirtschaftliche Komponente hat, die global gedacht ist. 
 
Der Wirtschaftsbund setzt die GWÖ mit Kommunismus gleich. Sind Sie eine Kommunistin?
Die polemische Kampagne des Wirtschaftsbundes ist zwar schon ein paar Jahre her, ärgert mich aber immer noch. Im Kommunismus gab es die Planwirtschaft. Wenn jemand Planwirtschaft macht, dann ist es eher die Kammer als ein Betrieb wie das Hochschober. Wir funktionieren ja nicht anders als ein normales Unternehmen. Wir müssen genauso Gewinne erzielen, unsere Kreditraten zahlen, unsere Mitarbeiter bezahlen, Rücklagen bilden usw. Wir leben ja keine sozialromantische Utopie. Mein Ansatz ist, dass Geld und Gewinn nicht das einzige und ausschließliche Ziel sein können und sollen. 
 
Eine Idee der GWÖ wäre doch, dass Gewinne an alle Mitarbeiter ausgeschüttet werden?
Das wäre die volkswirtschaftliche Komponente, sozusagen eine Idee für den Idealzustand. Wir sind da noch nicht so weit. Die Kritik ist ja, dass es um Umverteilung von Eigentum geht. Aber in der heutigen Zeit müssen wir uns alle über die Verteilung von Wohlstand und von materiellen Gütern Gedanken machen. Ich glaube, dass das Ziel des Wirtschaftens sein muss, das Gemeinwohl zu vergrößern. Unternehmer sollten Gewinne bis zu einem gewissen Maß machen dürfen, und der Rest sollte eben der Allgemeinheit zugute kommen. Dabei geht es aber nicht um Sozialromantik. Unsere westliche, scheinbar heile Welt fühlt sich jetzt von Klima- oder Wirtschaftsflüchtlingen bedroht. Wenn wir diese Probleme nicht lösen, wird es keine soziale Sicherheit, keinen Wohlstand und kein Wachstum geben. 
 
Wie nachhaltig ist ein Hotel, das einen Teil des Gebirgssees beheizt?
Das ist eine gute Frage! Was wir machen, ist nicht unbedingt nachhaltig. Nicht nur im Hochschober, sondern in der Branche und in der ganzen Wirtschaft gibt es Widersprüche. Es gehört zu der Bewegung der Gemeinwohlökonomie, dass man sich das kritisch anschaut, sich dessen bewusst ist und versucht, hier an Lösungen zu denken. Letztlich bieten wir aus Nachhaltigkeitssicht das bestmögliche Angebot für Urlauber, die einen Wellnessurlaub in einer Skiregion machen wollen. Wir ruhen uns nicht aus, sondern denken laufend weiter über Verbesserungen nach.   
 
Zurück zu Ihren Mitarbeitern. Sie bieten neben einem kostenlosen Zugang zum Wellnessangebot eine Menge Weiterbildung, auch Mitsprache, an. Wie sieht das aus? 
Wir gehen nicht her und entscheiden basisdemokratisch darüber, welche Preisgestaltungen wir umsetzen. Das wäre radikal und extrem. Aber es geht um Transparenz und Mitbestimmung. Es geht um Dinge, wo Mitarbeiter betroffen sind. Und wo sie befähigt sind, mitzureden, dass man sie da auch fragt. Das ist ein aufwändiger Prozess, den man lernen muss. 
 
Flache Hierarchien kann man sich in der New Economy vorstellen, aber weniger in Ihrer Branche. Wie setzen Sie das um? 
Es gibt bei uns eine klassische Hierarchie wie in den meisten anderen Unternehmen: Eigentümer, Abteilungsleiter etc. Was wir anders leben, ist, dass jeder Dinge macht, die diese Hierarchien aufbrechen. Beispielsweise ist jeder für sein Büro selbst verantwortlich. Ganz klassische Hilfsarbeiten, bei denen sich alle abputzen, gibt es nicht. So wird diese Tätigkeit einfach mehr wertgeschätzt. Lehrlinge werden nicht zu klassischen Hilfsarbeiten eingesetzt. Wir wollen letztlich eine lernende Organisation sein: Der Mitarbeiter darf was fragen und darf auch Widerstände äußern. Das Schlimmste sind hörige und untertänige Mitarbeiter. Wenn Mitarbeiter sich trauen können, etwas kritisch anzusprechen, nützt uns das. Wenn wir etwas wollen und Mitarbeiter nicht, dann wird das ausdiskutiert. 
 
Gibt es dabei auch einen betriebswirtschaftlichen Output?
Unser wirtschaftlicher Erfolg – wir haben jährlich mehr als 60.000 Nächtigungen, eine Auslastung von 93 Prozent bei einem Gesamterlös von 197 Euro pro Nächtigung – hängt mit unserem nachhaltigen Stil der Unternehmensführung zusammen. Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer beträgt bei uns 4,3 Jahre, und 50 Prozent der Mitarbeiter sind mehr als drei Jahre bei uns. Bei uns kommen Innovationen mitunter direkt von den Mitarbeitern. Ein Beispiel: Ein Mitarbeiter hatte die Idee, dass wir auf den Wanderwegen, wo es keine Hütten gibt, Schatzkisten mit Getränken auf den Weg stellen, die dann mit unserer Zimmer-Key-Card geöffnet werden können.

Autor/in:
Daniel Nutz
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