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Wunschbild oder Horrorvorstellung? Es kommt auf die Perspektive an.

Die deutschen Touristiker haben jetzt ein Manifest

08.12.2020

Die deutschen Touristiker haben sich jetzt auch so etwas wie einen Plan T gegeben – und sind selbst ganz begeistert. Überlegungen zu einem anderen Tourismus.

Anfang Dezember haben deutsche Touristiker das „Manifest“ verkündet. Sie nennen es Impulse4travel. Initiiert haben es die Touristiker selbst (so etwas wie ein Tourismusministerium gibt es in Deutschland nicht), also die Berater von Tourismuszukunft – Realizing progress und der Verband Internet Reisevertrieb e.V. (VIR), nachdem man ein knappes halbes Jahr mit rund 300 Experten aus der Branche geredet hat. Präsentiert wurde es im Rahmen eines „Zukunftstages“ am 4. Dezember, einer Online-Konferenz, natürlich. Die ÖGZ war dabei.

 

Lebensräume

 

Die Deutschen sind auf das Gleiche gekommen wie wir in Österreich: Tourismus ist mehr als Nächtigungszahlen. Tourismus soll als „Gestalter und Impulsgeber einer offenen und nachhaltigen Welt“ auftreten, als „Lebensraumgestalter“. Dann würde er auch von der Politik und anderen Stakeholder mehr wahrgenommen, war der Tenor unter den deutschen Touristikern. Man fühlt sich gegenüber der Autolobby klar im Nachteil. Und schaut vermutlich etwas neidisch auf die Lobby, die der Tourismus bei uns hat.

Man redet also auch in Deutschland von der „Tourismusgesinnung“, man will Bewohner jetzt mehr einbeziehen und denkt darüber nach, wie man die Branche attraktiver für Mitarbeiter machen kann. Da geht es wie bei uns auch um Wohnkosten (Sylt!) und Infrastruktur. Auch in Deutschland laufen der Branche die Leute weg – gerade jetzt in der Coronakrise.

 

Werteorientierung

 

Und man fürchtet sich schon jetzt vor dem Preiskampf, der ausbrechen wird, wenn Reisen wieder möglich ist. Darum redet man gerne über Nachhaltigkeit und Qualitätstourismus, über noch besser auf Kundenbedürfnisse zugespitzte individuelle Angebote, man redet über Sinn und Seele und Wertschätzung und „konsequente Werteorientierung“. Weil man genau weiß, dass die Billigflieger und Pauschaltouristen von Aldi und Hofer wiederkommen werden. Weil sich viele Menschen mehr nicht leisten können. Und nach Corona noch weniger Geld in der Kasse sein wird – vor allem in Ländern wie Italien oder Spanien.

Auch wenn wir jetzt eher „Undertourism“ haben, spätestens 2023 werden wir wieder vom Overtourism reden. Einfach auch, weil sehr viele davon bisher (gut) leben – und nicht von Nachhaltigkeit. Oder einem wirklich fairen Umgang mit Mitarbeitern und Lieferanten. „Tourismus war ein Selbstläufer, billig ist best“, sagt selbstkritisch Michael Buller vom VIR. „Da sind wir eindeutig zu weit gegangen.“

 

Neu denken

 

Viele werden daran nichts ändern wollen oder können. Die TUI, der weltweit größte Reiseanbieter, hat schon wieder mit Schnäppchenangeboten begonnen (und lässt sich vom deutschen Staat ordentlich stützen). Billigflieger als patriotische Tat? Last Minute wird nicht verschwinden. „Die Preisdiskussion ist elitär“, warnt Hedorfer.

Trotzdem sind sich alle einig, dass eine nachhaltige Zukunftsgestaltung nötig ist, um mittelfristig wirtschaften zu können und dabei nicht die eigene Lebensgrundlage (Natur) kaputt zu machen. Deshalb hofft man, dass jetzt die Zeit da ist, um endlich alte Zöpfe abzuschneiden, neu zu denken, mehr auf Kooperation denn auf Wettbewerb zu setzen, auf Ausbildung statt Preisdumping, mehr Offenheit, mehr Ethik, mehr gutes Gewissen.

Die Chefin der deutsche Zentrale für Tourismus Petra Hedorfer meint sogar in Fernmärkten mehr Nachfrage für nachhaltige touristische Angebote ausgemacht zu haben. Auf alle Fälle steigen die digitalen Ansprüche der Gäste – gerade zu Krisenzeiten. Sie wollen möglichst in Echtzeit wissen, wie die Lage vor Ort ist. Das müssen ihnen die Destinationen, Betriebe und Reisevermittler bieten. „Reisen wird noch erklärungsbedürftiger werden“, sagt Detlef Schroer von Schauinsland.

 

Die zweite Krise

 

Hotelierin Carmen Dücker von der BWH Hotel Group fordert eine Wertediskussion im Tourismus: „Wofür stehen wir? Warum sind wir relevant? Inwiefern nützen wir der Region? Wir müssen unsere Werte selbst verändern und das kommunizieren.“ Sie fürchtet sich vor einer zweiten Krise nach der ersten. „Dann wird es keine staatlichen Hilfen mehr geben“, warnt sie.

 

Der vielleicht interessanteste Beitrag kam von einem Chatteilnehmer: Seine Krisenstrategie sieht so aus:

1. Partner vor Ort finden (der einsame Prophet ist im eigenen Dorf nichts wert).

2. Status Quo schonungslos analysieren.

3. Mit dem Partner vor Ort sprechen (mind. zwei Workshops).

4. Maßnahmen vorbereiten.

5. Umsetzen!

 

www.impulse4travel.de/manifest

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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