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Omar Ghurra schafft mit  „Aleppo Sweets“ am Wiener  Praterstern ein einzigartiges  Angebot an Süßwaren.

Gastrounternehmer mit Fluchthintergrund

11.10.2018

Unternehmensgründung ist für viele Flüchtlinge der einfachste Weg in die Beschäftigung. Die Gastronomie ist dabei populär. Genaue Zahlen dazu gibt es aber nicht.

Syrische Süßigkeiten im "Aleppo Sweets".
Branchenworkshops in Wien

6.–16. 11. 2018 
Gastronomie

20.–30. 11. 2018 
Konditorei/Bäckerei

4.–14. 12. 2018 

Friseurinnen und Friseure

Die IT-Schulung (mit Refugees
Code) wird auch im Herbst starten.
Genauer Termin steht noch nicht fest. 

Ein Land der Unternehmensgründer ist Österreich keines. Laut einer Studie* liegt die Alpenrepublik international nur im Mittelfeld. Was auffällt, ist, dass immer öfter (plus 15,6 Prozent) aus einer Notsituation heraus gegründet wird. Also, um Arbeitslosigkeit zu umgehen. Speziell gilt das für anerkannte Flüchtlinge. Ist erstmal die Arbeitserlaubnis da, gibt es oft ein Problem: Die im Heimatland erworbenen Ausbildungen werden oft nicht oder nur zögerlich anerkannt (Stichwort: Nostrifizierung).
Viele Menschen mit Fluchthintergrund gehen in die Selbstständigkeit. Man hört ihre Geschichten von Migrationsforschern, man kommt selbst drauf, wenn an der Ecke ein syrischer Imbiss eröffnet, vor allem in der 
Gastronomie gebe es viel Gründungen, heißt es. Doch wie viele sind  es? – Das wollte die ÖGZ in Erfahrung bringen. 
Über den Zusammenhang von Gründungen und Menschen mit Fluchthintergrund gibt es aber schlichtweg keine Statistik. Die Wirtschaftskammer (WKO) erhebt lediglich die Staatsangehörigkeit von Gründern von Einzelunternehmen. 2017 gründeten beispielsweise 55 Afghanen und 47 Syrer, rund 19 Prozent davon in der Gastronomie – ob es sich dabei um Menschen mit Fluchthintergrund handelt, kann die Statistik allerdings nicht sagen.

Süße Spezialitäten 

Einer, der 2017 gegründet hat, ist Omar Ghurra. In seinem Laden „Aleppo Sweets“ herrscht am späten Nachmittag geschäftiges Treiben. Menschen aller Nationalitäten kommen hierher, um Baklava, Kunafa oder andere Süßigkeiten zu kaufen. „Es kommen mehr Österreicher, aber Araber kaufen meist mehr ein, oft kiloweise“, sagt Omar Ghurra. Sobhi, der angestellte Verkäufer im „Aleppo Sweets“, hat alle Hände mit dem Verkauf zu tun, findet aber zwischendurch Zeit, um seinem Chef mit der Übersetzung ins Deutsche zu helfen. 
Omar Ghurras Geschichte handelt von Verlust, Gewalt und vom Zurücklassen von Besitz. Eines seiner sechs Kinder verlor er 2012 bei einem Bombenangriff auf seine Heimatstadt Aleppo. Dann kam die Flucht. Zuerst in die Türkei, dann kam er 2014 nach Österreich. „Weil ich von Menschen auf der Flucht gehört habe, dass das ein tolles Land sein soll“, sagt er. Der positive Asylbescheid kam, seine Familie folgte ihm nach Österreich.

Unternehmerfamilie

Ob der Schritt in die Selbstständigkeit schwergefallen sei? „Nein“, antwortet Omar Ghurra. Seine Familie hätte nie etwas anderes gemacht. In der Türkei betreiben seine Verwandten einige Süßwarenbäckereien. Er selbst ist in dem Gewerbe großgeworden. Im Dezember 2017 hat er darum seinen eigenen Laden eröffnet – demnächst mit kleiner Gastronomie, wie er erzählt. Und was sagt eigentlich die Konkurrenz? Es ist zu hören, dass alteingesessene – z.B. türkische Konditoren – der neuen Konkurrenz unliebsam gegenüber stehen. Da gebe es keine Probleme, sagt jedoch Omar Ghurra. Er beobachte vielmehr, dass einige seiner Mitbewerber vorbeikommen, um sich etwas von der – zweifelsfrei hochstehenden – Qualität von „Aleppo Sweets“ abzuschauen. 
Wie soll es bei ihm weitergehen? Der Laden soll wachsen. Und wenn man Omar Ghurra so zuhört, bekommt man das Gefühl, dass ihm das alles zu langsam geht. Er würde gerne sein Sortiment verdoppeln, dafür reicht hier der Platz aber nicht. Ghurras hat gelernt, sich in Geduld zu üben. Er ist dankbar, dass ihm seine Familie bei der Gründung finanziell geholfen hat, auch die Dokumente hatte er fast lückenlos beisammen. Dann hat ein Freund noch prompt das Innendesignkonzept für „Aleppo Sweets“ entwickelt. Doch nicht bei allen potenziellen Gründern mit Fluchthintergrund geht es so einfach. Was sind die Herausforderungen?

Hilfestellung

„Wer seine Ausbildung oder Berufserfahrung im Ausland erworben hat, muss diese in Österreich anerkennen lassen. Oft sind diese Prüfverfahren schwierig, wenn keine Dokumente aus dem Heimatland verfügbar oder nicht mehr zugänglich sind. „Wir unterstützen und beraten Unternehmensgründer bei ihren individuellen Fragen rund um das Thema Selbstständigkeit“, sagt Elisabeth Zehetner-Piewald vom Gründerservice der WKO. 
Auch die Wirtschaftsagentur Wien bietet Hilfe an. In Wien gibt es seit 2015 gezielte Beratung für Flüchtlinge, seit 2016 auch spezielle Beratungsangebote auf Arabisch und Farsi. „Uns war es wichtig, rasch auf die erhöhte Nachfrage zu reagieren. Das Angebot hat keinen eigenen Namen, da wir keinen Unterschied zwischen den unterschiedlichen Herkunftsländern machen. Jede Person, die gründen will, kann an allen unseren Angeboten teilnehmen – diese sind durchgängig kostenlos“, sagt Tülay Tuncel vom Start-up-Service der Wirtschaftsagentur. 
Insgesamt wurden 253 Flüchtlinge beraten und durch Workshops unterstützt. Es gab zwölf Gründungsworkshops – mit 160 Teilnehmenden (acht in Arabisch und vier in Farsi). Der nächste Termin für angehende Gastronomen findet am 6. November statt (siehe Kasten).

* Studie der FH Joanneum in Graz

Autor/in:
Daniel Nutz
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