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Glosse "Echt, jetzt?": Aktion leere Teller

26.08.2020

Manche glauben ja, wir leben bald im chinesischen Jahrhundert. Nachdem die Amerikaner das 20. Jahrhundert und Europa, vor allem England, das 19. Jahrhundert kulturell und wirtschaftlich dominiert hatten. Dann müssen wir uns warm anziehen. Dann ist eine Corona-App mit all ihren datenschutzrechtlichen Problemen ein Fliegenschiss.

Jüngstes Beispiel aus dem Land der unbeschränktem Möglichkeiten seine Bürger zu drangsalieren: Um der grassierenden Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken, hat jetzt Staatschef Xi Jinping die „Leere-Teller-Kampagne“ ins Leben gerufen: „Sorgt für ein gesellschaftliches Klima, in dem Verschwendung als beschämend gilt und Sparsamkeit lobenswert!“, hat er verlautbart.

Und das setzen seine Gastronomen im Land pflichtschuldig um. Sie ernennen „Essensverschwendungsaufseherinnen“, die die Gäste ermahnen, zum Beispiel bei Gruppen von sechs Personen nur fünf Gerichte zu bestellen – und nicht wie sonst in China üblich so viele Gerichte, dass sich die Tische biegen. Manche Lokale beurteilen ihre Angestellten bereits danach, ob sie es schaffen, ihre Gäste vor zu vielen Bestellungen abzuraten. Ein Lokal hat sogar seine Gäste gewogen und ihnen dann mittel App geraten, was sie essen sollten. Das war dann aber selbst den chinesischen Gästen zu blöd und sie starteten einen Shitstorm. Letzteres ist offenbar auch im zensurierten  chinesischen Internet möglich.

Manche erinnern diese Maßnahmen auch an die Sparsamkeitsprogramme unter Mao. Damals erfolgten diese allerdings unter anderen Vorzeichen: Mao musste etwas gegen die Hungersnot tun, die er seinem Volk 1966 mit seiner Kulturrevolution eingebrockt hatte. Heute sind in China südkoreanische Videoclips sehr populär, in denen sich Menschen damit brüsten unfassbare Mengen an Fleisch zu vertilgen. Beim „leeren Teller“ gehe angesichts einer angestrebten chinesischen Autarkie auch um die „Staatssicherheit“, schrieb die Parteizeitung „Renmin Ribao“. Und was das bedeutet, wissen nicht nur die Hong Konger.

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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