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Jakob Baran steht vor seinem  Klubraum. Rauchen dürfen drinnen nur Mitglieder.

Sisha-Bars: Gibt es noch eine Chance?

19.12.2019

Rund 500 heimische Shisha-Bars stehen wegen des Rauchverbots vor dem Aus. Der Betreiber und Verbandsobmann Jakob Baran kämpft wie besessen für die Zukunft der Branche und der Shisha-Kultur. Beim VfGH blitzte er ab. Aber eine kleine Chance hat er noch

Jakob Baran, Vorsitzender der Shisha-Bar Betreiber Österreichs
Demo der Shisha-Bar-Betreiber und Shisha-Freunde in Wien.

Jakob Baran schaut heute angeschlagen aus. Dabei ist der 27-Jährige rein körperlich ein ziemlicher Riegel. Früher war er Footballspieler. Einmal wurde er sogar nach Amerika eingeladen, um sich von den Scouts großer Profiteams auf die Beine schauen zu lassen.
Eine Verletzung verhinderte aber eine Sportlerkarriere. So wurde Baran Gastronom. Vor fünf Jahren kratzte er sein Erspartes zusammen, bat seine Familie um Hilfe bei der Finanzierung und eröffnete schließlich eine Shisha-Bar. „Am Anfang habe ich gearbeitet wie ein Blöder. Mehr als 60 Stunden jede Woche“, sagt Baran im Gespräch mit der ÖGZ. Aber es habe sich ausgezahlt, Wasserpfeifen wurden zu einem Trend, sein Lokal im Wiener Donauzentrum wurde Treffpunkt von allen Schichten der Gesellschaft und war meistens ziemlich voll. Bis vor kurzem. 
Barans derzeit ziemlich mitgenommenes Äußeres ist eine Konsequenz des seit November gültigen Rauchverbots. „Wenn du 70 Prozent des Umsatzes verlierst und acht deiner 15 Mitarbeiter kündigen musst, dann schläfst du nicht gut“, sagt er und nimmt einen Schluck seines Getränks. Das Lokal hinter ihm ist weitgehend leer, dabei ist es bereits nach Büroschluss – „normal war es um diese Zeit bereits voll“, erzählt er. So wie Baran geht es rund 500 Shisha-Bars in ganz Österreich. Gäste bleiben aus, die Umsätze brechen ein, und Mitarbeiter müssen zur Kündigung angemeldet werden. Die Luft für die Betreiber wird dünner: zwei, drei Monate kann man so etwas durchhalten, danach geht den meisten Gastronomen in so einer Situation der Atem aus. 

Man lässt uns sterben 

„Die Politik lässt uns einfach sterben“, sagt Baran zornig. Er selbst habe insgesamt 300.000 Euro in sein Lokal gesteckt. Die letzte Investition liegt gerade erst ein Jahr zurück. „Als es damals von der ÖVP-FPÖ-Regierung unter Kurz und Strache hieß, dass das Rauchverbot nicht kommt, habe ich darauf vertraut, dass ich mich darauf verlassen kann“, sagt Baran. Jetzt habe er keine Rücklagen. Gehe das Lokal den Bach runter, werde es für ihn persönlich eng. 
Baran ärgert, dass das nun geltende Rauchverbot in einer dem Wahlkampf geschuldeten Hauruck-Aktion entstanden war. „Du kannst ja nicht einmal deine laufenden Mietverträge binnen drei Monaten kündigen“, sagt Baran. Gegen ein Rauchverbot in der Gastronomie habe er nichts, sagt er. Doch man dürfe nicht eine ganze Branche damit auf einen Schlag auslöschen. Schließlich gehe es um unternehmerische Existenzen, aber auch um etwa 6.000 Arbeitsplätze, die an den Shisha-Bars hängen. Darum ärgert ihn auch, dass die SPÖ als Arbeitnehmerpartei hier bislang unnachgiebig ist. „Überall in Europa und sogar in den für ihre strengen Nichtrauchergesetze bekannten USA gibt es Ausnahmen für Shisha-Bars“, so Baran.

»Überall in Europa und sogar in den für ihre strengen Nichtrauchergesetze bekannten USA gibt es Ausnahmen für Shisha-Bars.«
Jakob Baran
VSBÖ

Als Footballer spielte Baran in der Verteidigung – da ging es oftmals darum, keinen Zentimeter Raum herzugeben. Seine Shisha-Bar nannte er nach dem Spitznamen des für seinen Kampfgeist bekannten deutschen Fußball-Torhüters Oliver Kahn, „Titan“. Heute kämpft Baran an vorderster Front für seine und die Zukunft der 490 anderen Shisha-Lokale. Als Obmann der „Vereinigung der Shisha-Bar Betreiber Österreichs“ (VSBÖ) setzt er derzeit alle Räder in Bewegung. Bei den Politikern rannte er meist gegen geschlossene Türen. Das Thema wäre ihnen offensichtlich nicht wichtig genug, wie Baran meint. Mit einer Klage für eine Ausnahme vom allgemeinen Rauchverbot ist er erst unlängst beim Verfassungsgerichtshof (VfGH) abgeblitzt. 
Jetzt versucht man andere gesetzliche Nischen auszunützen. Analog zu den vom Rauchverbot ausgenommenen Zigarrenklubs gründete der VSBÖ einen Shisha-Klub. Die Idee: Gegen einen Mitgliedsbeitrag kann man in einem abgetrennten „Klubraum“ seine Pfeife dampfen – ohne, dass dort Getränke oder Speisen serviert werden. 26.000 solcher Mitgliedschaften gebe es bereits, sagt Baran. Auch in seinem Lokal gibt es einen Raum. Immer wieder treten Gäste ein und fragen nach den Modalitäten. Sie zahlen und verschwinden dann mit einer Wasserpfeife in der Hand hinter einer Glastüre in ein in violettes Licht gehaltenes Separee. Die Anwälte des VSBÖ sehen diese Praxis rechtlich abgesichert. Das Wiener Marktamt hat eine andere Meinung und hat bereits Strafen gegen Shisha-Raucherklubs ausgesprochen. Auch die Wirtschaftskammer rät Gastronomen aufgrund der unklaren Rechtssituation davon ab, solche Klubs zu betreiben. 

Ab ins Ausland?

Für Baran ist das nicht mehr als eine Notlösung, um etwas Zeit zu gewinnen und nicht gleich zusperren zu müssen. Die ersten Insolvenzfälle gibt es bereits. Ändere sich an der Gesetzeslage nichts, werden ab Jänner ganz viele weitere folgen, sagt Baran. Von Betreibern in den Grenzregionen hört man immer wieder, dass sie ihre Bars in Österreich schließen und in der Slowakei, Tschechien oder Bayern neu eröffnen wollen. Was er selbst macht, sollte die Politik nicht doch noch eine Ausnahme von Shisha-Bars vom Rauchverbot beschließen? Er habe keine Ahnung – jedenfalls werde er aber nicht versuchen, sein Lokal auf eine „normale“ Bar umzustellen. Das würde seiner Meinung ökonomisch nicht funktionieren: „Wer braucht an dem Standort noch eine Bar?“ Andererseits hängt er emotional zu sehr am Geschäft, als dass er einfach umsatteln wolle.   
Baran ist mit der Shisha in seiner Zeit als Sportler in Berührung gekommen. Eher das soziale Miteinander als die individuelle Gesundheit fördernd, traf man sich immer wieder nach dem Training in Shisha-Bars. „Was mir daran gefiel, war, dass dort alle gesellschaftlichen Gruppen zusammenkommen, egal welchen Alters oder welcher Nation“, erzählt Baran. „Ich vertraue, dass die Politik bei uns zur Vernunft kommt und die Shisha-Kultur in Österreich nicht sterben lässt“, sagt er. 
Am Freitag, dem 13. Dezember hat der VSBÖ darum zu einer Demonstration in Wien aufgerufen. Ein paar hundert Sympathisanten kamen. Auf der Straße wurde Shisha gedampft und Glühwein getrunken. Und auf der Bühne traten prominente Unterstützer auf. Nazar, der Wiener Rapper mit iranischen Wurzeln, versprühte gute Laune. Später trat der renommierte Verfassungsjurist Heinz Mayer auf die Bühne. Er glaube nicht, dass der Gesetzgeber die Absicht hatte, mit dem Nichtrauchergesetz eine Branche zu zerstören, dies sei gewissermaßen als Nebeneffekt ungewollt passiert. Die Politik habe aber die Chance, dieses Gesetz zu verbessern, so Mayer. 
Hinter Mayer auf der Bühne steht Baran. Seine Hoffnung baut er auf eine neue, vielleicht türkis-grüne Bundesregierung, die Ausnahmen vom Rauchverbot und eine weitere Existenz der Shisha-Bars durchsetzen könnte. Viel Zeit bleibt allerdings nicht.

 

Wie geht es den Shisha-Bar-Betreibern? Wir haben Betroffene auf der Demo befragt

Florian Zizlavsky, Café Central Bar, St. Pölten

„Früher habe ich eine normale Bar geführt. Die Leute sind drinnen gesessen und haben mit den Handys gespielt. Als ich den Ratschlag meiner Tochter folgte und die Shisha einführte, merkte ich, dass die Leute plötzlich miteinander reden. Ich werde auf jeden Fall weitermachen, weil ich für den Sommer einen großen Außenbereich habe. Es ist aber schade, dass die Shisha-Kultur zugrunde geht.“

Florian Zizlavsky, Café Central Bar, St. Pölten, by t.vierich

 

Saif Nassiri, Shisha Dejavu Nassiri, Wels

„Ich merke, dass 70 Prozent weniger Gäste kommen, weil die Leute auch verunsichert sind. Ich wünsch’ mir, dass die Politik erkennt, dass es bei uns ums Rauchen geht. Ich werde vermutlich einen Klubraum einführen. Aber die Leute wollen gemeinsam zusammensitzen und etwas trinken und nicht hin und her laufen. Letztlich braucht es eine politische Lösung. Für mich und meine Familie ist diese Bar überlebenswichtig.“ 

Saif Nassiri, Shisha Dejavu Nassiri, Wels, by t.vierich
Mohammed Duzdar, Duzis, Wien

„Mein Geschäft wurde vernichtet. Ich musste am 31. Oktober zehn von 28 Mitarbeitern kündigen. Mit Ende des Monats muss ich sieben weitere entlassen. Ich kämpfe noch. Es ist aber frustrierend, dass sich der Gesetzgeber nicht um meine Leistungen als Unternehmer und Arbeitgeber kümmert. Wir haben vor dem Gesetzesentschluss um Gespräche gebeten. Man wollte uns aber nicht einmal anhören. Das macht mich wütend.“

Mohammed Duzdar, Duzis, Wien, by t.vierich

Shisha: Herkunft, Gesundheit und Gesetzeslage 

Die Shisha ist eine Wasserpfeife, die vermutlich im Persischen Reich des 16. Jahrhunderts ihren Ursprung hat und sich schnell über die Arabische Halbinsel und die heutige Türkei ausbreitete. Heute wird sie in der Regel auf Holzkohle mit Tabak mit Fruchtaroma oder ähnlichen Geschmacksrichtungen geraucht oder gedampft, wie der technisch richtige Ausdruck lautet.

Um die Shisha entwickelte sich eine Gemeinschaftskultur. In Westeuropa hielt diese verstärkt erst in den vergangenen zehn Jahren Einzug. Vielfach wurden Shisha-Bars von jungen Menschen mit Migrationshintergrund für sich entdeckt. Der Trend führte aber auch zu einer Vermischung der Alters- und Herkunftsgruppen unter den Gästen.

Die negativen Folgen des Shisha-Rauchens sind evident. Shisha ist nicht – wie manchmal behauptet – gesünder als Zigarettenrauch. In Deutschland wurden wegen zu hoher Kohlenmonoxid-Werte Shisha-Bars sogar kurzzeitig geschlossen. 

Anders als in Österreich gibt es in den Nachbarländern Deutschland, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Italien oder Tschechien die Möglichkeit, in Shisha-Bars zu rauchen, oder es gibt spezielle Ausnahmen zu geltenden Rauchverboten.  

 

Autor/in:
Daniel Nutz
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