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Klimakrise: Wie sich der Tourismus wandeln muss

01.10.2020

In Zeiten der Corona-Pandemie rücken die notwendigen Maßnahmen gegen die Klimakrise in den Hintergrund. Wieso beide Krisen zusammenspielen und was das für die Tourismusbranche bedeutet, haben wir uns angesehen. Fünf Punkte eines möglichen Rettungsplanes.

Die Klimakrise hat konkrete Auswirkungen auf den Tourismus.
EU-Klimaziele

Senkung der Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um mindestens
55 % 

Erhöhung des Anteils von Energie aus erneuerbaren Quellen auf mindestens
32 %

Steigerung der Energieeffizienz um mindestens
32,5 %

Ist denn die Welt zwischen Corona- und Klimakrise überhaupt noch zu retten? Einen Hauch Hoffnung versprühte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei ihrer ersten Rede zur Lage Europas. Sind ja keine einfachen Zeiten, mitten in Corona- und Wirtschaftskrise. 

Aber Krisen stärken den Fokus auf die Zukunft. Die Antwort Europas: Investitionen in den Klimaschutz. Und diese werden – so die Prognose der EU-Kommission – auch auf den künftigen Wohlstand einzahlen. Die Brüsseler Behörde beziffert den Effekt auf 0,5 Prozent des Bruttonationaleinkommens bis 2030, falls zugleich Einnahmen aus einem CO2-Preis zur Verminderung falscher Steueranreize genutzt würden. Klingt gut, denn die Bedrohungen der Klimakrise (man kann nicht exakt von Auswirkungen sprechen, da exakte Szenarien äußerst komplex sind) sind evident. Darüber gibt es schon seit Jahren einen Konsens, zumindest jener Menschen, die die Erkenntnisse der Wissenschaft lesen und verstehen wollen. 

Dennoch: In großen Volkswirtschaften wie den USA oder Brasilien sind mit Donald Trump und Jair Bolsonaro erklärte Leugner des Klimawandels an der Macht. Tun die anderen nichts, helfen auch unsere Anstrengungen nichts, lautet dann schnell das Argument jener, die bei uns auf der Bremse stehen. Wir sind ja Meister der Bekenntnisse. Man siehe etwa den Plan T für die heimische Tourismuswirtschaft. Da ist vieles nett formuliert, er bietet aber keine konkreten Handlungen für mehr Klimaschutz. Wie soll es dann gelingen, die Treibhausgase der Europäischen Union um mindestens 55 Prozent unter den Wert von 1990 zu bringen, wie es Ursula von der Leyen bis 2030 umsetzen will? Und können wir die Wirtschaft (und konkret Tourismus, Hotellerie und auch Gastronomie) wandeln, damit wir klimaneutral werden und dabei nicht unsere Geschäftsgrundlage verlieren? Wir haben einige Überlegungen angestellt: 

Die Corona-Krise als Chance

Das Schlagwort „Krise als Chance“ kann zwar keiner mehr hören, aber wenn man konkret hinschaut, ist hier viel dran. Weltweit hat der Tourismussektor durch die Corona-Pandemie rund eine Billion Euro an Wertschöpfung verloren, rechnet die Welttourismusorganisation UNWTO vor. Es wird auf der ganzen Welt staatliche Investitionen und Hilfen brauchen, um diesen wichtigen Sektor wieder aufzubauen. UN-Generalsekretär António Guterres plädiert für einen klimafreundlichen Wiederaufbau. Wie könnte dieser in Österreich aussehen? Es geht prinzipiell um zumindest zweigleisige Maßnahmen. Einerseits können gezielte Förderungen die CO2-Bilanz aufbessern, andererseits geht es um öffentliche Investitionen in die Mobilitätsinfrastruktur. Die CO2-Bilanz muss bei großen Projekten miteinbezogen werden. Öffentlicher Verkehr ist hier dem Individualverkehr gegenüber zu bevorzugen. Und wie immer gilt es, internationale Lösungen zu finden. Eine Zugnachtverbindung von Berlin nach Rom mit einer Fahrzeit von 14 Stunden wäre machbar. Ähnliches gilt wohl auch zwischen Wien und Paris. Agiert die Luftfahrt aber aufgrund der eigenen Logik global, muss die Schiene noch auf multinationale Beine gestellt werden. 

„Neue“ Mobilität

Die Luftfahrt ist in der Tourismusbranche für einen großen Teil der Emissionen verantwortlich (siehe Grafik auf Seite 4). Die in Australien lehrende Tourismusforscherin Susanne Becken (siehe Interview Seite 11) sieht in der Corona-Krise auch einen Wandel in der Nachfrage der Konsumenten. Sie skizziert das zu lösende Problem darin, dass der Konsum von Urlaubs-Kurztrips den Menschen in der Konsumgesellschaft quasi anerzogen wurde. Wenn immer mehr Menschen dies hinterfragen, führe das zwangsläufig zu einem Wandel in der Nachfrage. Weg von den Kurzreisen, und zurück (hatten wir ja schon) zu den längeren Trips. Das ist ihre Prognose. Allerdings muss uns auch klar sein, dass wir Menschen uns nicht komplett kasteien werden. Hier spielt dann der technologische Fortschritt eine bedeutende Rolle. Flugreisen könnten schon in absehbarer Zeit mit CO2-freien E-Fuels vonstatten gehen. Das ist eine Aussicht, die viele hoffen lässt. Doch Vorsicht: Der technologische Fortschritt wird gemeinhin überschätzt – das ist zumindest die Meinung der Berliner Deklaration „Transforming Tourism“, die von Repräsentanten der Zivilgesellschaft, NGOs und Wissenschaftlern aus 19 Ländern Afrikas, Asiens, Europas und Südamerikas unterzeichnet wurde. 
Die Krux mit dem 

„Systemwandel“ überwinden

Oftmals wird von einem Systemwandel gesprochen. Radikal ausgedrückt, müssten wir einfach alles verbieten, das einen zu großen Schaden für die Allgemeinheit verursacht. Kreuzfahrten? Verbieten! Das mag in den Köpfen vieler so drinnen sein, allerdings werden wohl nicht nur jene, deren Lebensunterhalt davon abhängt, etwas dagegen haben. „Wandel ist schwierig, weil sich die alten Muster in unserer Gehirnstruktur festgesetzt haben. Wir haben 70 Jahre exponentielles Tourismuswachstum in den Köpfen“, sagt etwa der Bad Gleichenberger Tourismusprofessor Harald Friedl – der selbst ein Mit- und Vordenker für einen nachhaltigeren Tourismus ist. Wandel braucht Zeit. Die haben wir halt nicht mehr im Übermaß. Was kann man tun? Die Verhaltensökonomen haben den Begriff Nudging geprägt – es geht letztlich darum, die Leute zu motivieren, klimafreundlich zu handeln, indem man ihnen einen materiellen oder auch immateriellen Benefit (auch gutes Gewissen kann Berge versetzen) aufzeigt. 

Es geht um Storytelling 

Was heißt das oben erwähnte Nudging im Umgang mit unseren Kunden, den Gästen in unseren Hotels oder Gaststätten? Es geht um die Sichtbarmachung. Ein Benefit für Kunden, die die Handtücher nicht jeden Tag erneuert haben wollen, ein Rabatt für Gäste, die öffentlich anreisen. Oder ein „Klimateller“ auf der Speisekarte, den man mit gutem Gewissen ob der eigenen Ökobilanz konsumieren kann. All das sind bereits etablierte Beispiele. Nudging heißt aber auch Bildung und Bewusstseinsmachung. Ein gutes Beispiel hierfür gibt es im deutschen Handel. Der zu Rewe zählende Diskonter Penny hat unlängst in Berlin einen „Nachhaltigkeitsmarkt“ eröffnet. In diesem will der Discounter bei acht konventionell und ökologisch erzeugten Eigenmarken-Produkten neben dem Verkaufspreis auch den „wahren Preis“ angeben. Sprich, den Preis des Produktes mit all seinen Umweltkosten. Ein Liter Milch kostet laut Preisschild im Regal 79 Cent, der „wahre Preis“ ist dann mit 1,75 Euro ausgewiesen. Beim Fleisch liegt der „wahre Preis“ meist beim Doppelten des Verkaufspreises. Übrigens ändert sich für den Kunden erst mal nichts: Er muss an der Kasse den herkömmlichen Preis zahlen. Die Intention laut Rewe-Manager Stefan Magel: „Wir müssen dazu kommen, die Folgekosten unseres Konsums sichtbar zu machen.“

Weg vom Wachstumsdogma 

Wir messen unseren Wohlstand gemeinhin in der Vermehrung des Bruttoinlandsproduktes. Dabei ist es egal, ob ein Geschäft oder eine Transaktion der Umwelt nützt oder schadet, ob sie glücklich macht oder am Unglück anderer Leute verdient. Forderungen nach einer Abkehr von diesem Dogma gibt es so lange, wie es die auf Wachstum basierte Konsumgesellschaft gibt. Die Tourismusforscherin Susanne Becken (Interview nächste Seite) analysiert etwa den wahren Nutzen, den Fremdenverkehr für eine Volkswirtschaft hat, indem sie auch negative Effekte miteinbezieht. Sie sagt: Das große Wachstum in den letzten Jahren lag hauptsächlich an Billigangeboten und war letztlich für die Allgemeinheit in vielen Fällen eher schädlich als gut. Das Thema wird mittlerweile überall unter dem Schlagwort Overtourism diskutiert. 

Dass das Ganze nicht leicht wird und mit Veränderungsschmerzen verbunden ist, hatten wir bereits erwähnt. Aber der Weg ist alternativlos. Seit Beginn der Industriellen Revolution verbrennen die Menschen fossile Energieträger. Zuerst war es Kohle, dann immer mehr Öl und Gas. Bis 2050 muss in Europa eine Wende zur Klimaneutralität geschafft werden. Österreichs Umweltministerin Leonore Gewessler hat sich dafür bereits das Jahr 2040 zum Ziel gesetzt. Schaffen wir es, dann brechen tatsächlich neue Zeiten an. Dann wären wir im postfossilen Zeitalter gelandet. 

Aussicht

Ist die Welt noch zu retten, fragte dieser Text am Anfang. Dazu am Ende eine kleine Geschichte: Wie kann ich die Welt retten, fragte ein Suchender seinen Zen-Meister. Indem du dich selbst rettest. Und wie rette ich mich selbst, erwiderte der Schüler. Die Antwort des Meisters: Indem du die Welt rettest. Jede/r kann daraus seinen eigenen Schluss ziehen ... 

Autor/in:
Daniel Nutz
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