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LH Platter mit der Marketingleiterin Nationalpark Hohe Tauern, Sandra Gutternig (Mitte), und der Bürgermeisterin von Kals, Erika Rogl.

Platter: „Entscheidend ist die Wertschöpfung“

12.09.2016

ÖGZ-Interview: Tirols Landeshauptmann Günther Platter über die aktuellen Sommerzahlen und die Herausforderungen im Tiroler Tourismus 

ÖGZ: Wie interpretieren Sie die aktuellen Zahlen zum Tourismus in Tirol? Wird das ein Rekordsommer?
Günther Platter: Die Entwicklung der Ankunfts- und Nächtigungszahlen im ersten Sommerhalbjahr ist erfreulich. Ein Wachstum gegenüber dem Vorjahr um 3,8 Prozent auf 9,3 Millionen Nächtigungen und um 5 Prozent auf 2,7 Millionen Ankünfte sind für mich klarer Beleg für die großartige Arbeit unserer Touristikerinnen und Touristiker und unterstreichen gleichzeitig die Stärke und Bedeutung der Branche für unsere Wirtschaft. Ein Rekordsommer dürfte nicht realistisch sein, auch wenn wir den Höchstwerten der frühen 1990er-Jahre näherkommen. Außerdem: Ankunfts- und Nächtigungszahlen allein sagen nichts über wirtschaftlichen Erfolg aus. Entscheidend ist die Wertschöpfung.

Warum gehen die Zahlen aus China (-8,4 % für den Zeitraum Mai–Juli) zurück? Das ist doch einer der zukünftigen Kernmärkte und wird auch fleißig beworben.
Der chinesische Markt hat in vergangenen Sommersaisonen schöne Zuwachsraten verzeichnet. Heuer spüren wir vor allem die Zurückhaltung jener chinesischen Reisegruppen, die in Paris bzw. Brüssel starten und via Deutschland zu uns kommen.

Steigende Zahlen auf dem heimischen Markt und aus Deutschland: Ist der österreichische Tourismus ein „Krisengewinnler“?
Reiseentscheidungen werden verstärkt vor dem Hintergrund eines steigenden Sicherheitsbedürfnisses getroffen. Davon profitieren Märkte wie Tirol, die als sehr sicher gelten. Das Plus allerdings nur daran festzumachen greift zu kurz. Der Sommer hat im Langfristvergleich über die vergangenen zehn Jahre bei den Übernachtungen um fast 14 Prozent zugelegt. Maßgeblichen Anteil an diesem Wachstum hat daher auch unser hochwertiges Bergsommerangebot.

Wie können Tiroler Touristiker aus erfreulichen Nächtigungszahlen auch eine erfreuliche Wertschöpfung machen? Wie können Sie als Landeshauptmann des wichtigsten österreichischen Tourismuslandes die Rahmenbedingungen hier verbessern?
Wenn es um die Wertschöpfung geht, sind wir alle gemeinsam gefordert – vom Betrieb bis zur Politik. Ich war im Rahmen der Steuerreform einer der Ersten, die auf die einseitigen Belastungen für den Tourismus hingewiesen und Verbesserungen eingefordert haben. Etwa bei der Abschreibung von Gebäuden und bei der Grunderwerbssteuer haben wir Erfolge erzielt und Nachjustierungen erreicht, um insbesondere Mehrbelastungen für Familienbetriebe zu vermeiden. Darüber hinaus haben wir auf Landesebene mit dem Impulspaket wichtige direkte Unterstützungen für die Betriebe auf den Weg gebracht, um Investitionen auszulösen und Belastungen teilweise abzufedern.

Stimmen Sie dieser Aussage zu? Es kommt nicht darauf an, möglichst viele Besucher nach Tirol zu locken, sondern darauf, was die Gäste bei uns ausgeben.
Ich möchte diese Aussage etwas anders formulieren: Was für uns zählt, ist qualitatives Wachstum. Es geht landesweit gesehen längst nicht mehr um größere Kapazitäten. Der massive und weiter steigende Wettbewerb auf internationaler Ebene erzeugt nicht zuletzt im Sommer einen enormen Preisdruck. Daher ist die weitere Profilierung unseres Angebots und gezielte Werbung unter Gesichtspunkten der Profitabilität und Wertschöpfung enorm wichtig.

Wie sieht es mit der Positionierung des Tiroler Tourismus aus? Man hat den Eindruck, es geht im Winter immer noch nur um Skifahren in möglichst immer größeren Skigebieten – und im Sommer immer nur um Wandern und Radfahren: Ziehen andere Themen einfach nicht bei einer genügend großen Zielgruppe? 
Es ist nun einmal so, dass im Sommer mehr als 80 Prozent der Tiroler Gäste wandern gehen und im Winter ein ähnlicher Anteil Ski fährt. Daher stehen diese Aktivitäten prominent in der Auslage und werden entsprechend stark wahrgenommen. Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch andere Themen kommunizieren. Erst unlängst haben wir bei den Olympischen Sommerspielen in Rio das Kletterland Tirol in die Auslage gestellt, auf der heurigen ITB in Berlin war es das Kulturland Tirol, um nur zwei Beispiele aus der jüngeren Zeit zu 
nennen. 

Wie kann man einen Ausgleich zwischen touristischem Ausbau der Infrastruktur und Belangen des Naturschutzes finden? Beides ist wichtig – schließt sich aber teilweise aus.
Tirols Touristiker sind sich der Bedeutung unserer Natur sehr wohl bewusst. Denn sie ist eine der wichtigsten Ressourcen für den heimischen Tourismus und neben den Bergen der wichtigste Grund, warum Gäste in unser Land kommen. Es mag sein, dass es bei manchen Einzelprojekten zu Interessenkonflikten kommt. Grundsätzlich sehe ich aber ein sehr gutes Miteinander. Zumal wir gerade bei Skiliften klare Spielregeln, die sogenannten Seilbahngrundsätze, haben.

Wird man in 20 Jahren noch Ski fahren? Braucht diese Zielgruppe weitere, größere Skigebiete? Werden bestehende zurückbauen müssen – aus Schneemangel?
Ich bin zwar kein Prophet, aber ich traue mich zu sagen, dass wir auch in 20 Jahren in Tirol noch sehr gut Ski fahren werden. Unsere Seilbahnunternehmen gehören zu den Besten weltweit und haben gerade bei der Beschneiung dank hoher Investitionen einen sehr hohen Standard erreicht. Damit haben sie es geschafft, selbst bei den schwierigen Bedingungen der vergangenen beiden Winter das Skifahren zu ermöglichen. Was die Größe der Skigebiete angeht, spielt diese bei der Auswahl der Gäste natürlich eine Rolle. Daher lassen unsere Seilbahngrundsätze auch weiterhin Zusammenschlüsse zu. Gleichzeitig sind die kleinen Lifte in den Gemeinden ebenfalls wichtig. Denn sie sind es vielfach, die unseren Nachwuchs auf die Piste bringen.

Wo wird oder müsste aus Ihrer Sicht dringend investiert werden, um die Zukunft Tirols als Tourismusland sicherzustellen?
Neue Mobilitätslösungen, die sowohl eine einfache Erreichbarkeit der Destination als auch bequeme Möglichkeiten vor Ort umfassen. Wichtig: Für den Gast ein möglichst einfach konsumierbares Angebot. Hier sind wir mit Tirol auf Schiene auf einem gutem Weg, den wir fortsetzen. Gleichzeitig gilt es auch, die Investitionskraft in Richtung touristische Infrastruktur aufrechtzuerhalten, um weiterhin attraktive Erlebnismöglichkeiten zu schaffen. Im Hinblick auf die Rad-WM nehmen wir in den Jahren 2017/18 beispielsweise insgesamt 5 Mio. Euro in die Hand, um unser Radwegenetz auszubauen und neue Singletrails zu schaffen.

Interview: Alexander Grübling, Thomas Askan Vierich

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