Das ist die Quintessenz der aktuellen Entwicklung. Die MICE-Industrie (Meetings, Incentives, Conventions, Exhibitions/Events) entwickelt sich hierzulande nämlich 2026 grundsätzlich positiv. Wobei es vor allem bei den Umsätzen hapert. Die tatsächlichen Veranstaltungs- und Reisevolumina sind hingegen hoch. Und noch etwas ist deutlich: Die Rolle von Wien als internationale Kongressdestination, die sich zum Teil stark vom gesamtösterreichischen Markt unterscheidet.

Wien dominiert …

Laut „mira“ (Meeting Industry Report Austria), der gemeinsam von der Österreich Werbung (ÖW) und dem ACB (Austrian Convention Bureau) erstellt wird, gab es ACB-Präsidentin Renate Androsch-Holzer zufolge im Vorjahr 27.041 Veranstaltungen (-1,2 % gegenüber 2024). Das ist aber nur eine Seite der Medaille, denn die übrigen Faktoren waren beeindruckend: Mit rund 1,9 Millionen Teilnehmer:innen (+3,5 %) und daraus resultierend 4,3 Mio. Nächtigungen (+15,4 %) gab es deutliche Zuwächse.

Werbung
Weltkultur kulinarisch interpretiert
eatArtists der Österreich Werbung bringt Kunstgeschichte auf den Teller: Vier Kreative aus Patisserie, Schokoladenmanufaktur und Spitzengastronomie erschufen von Kunst inspirierte Gerichte.

Wobei die Kongresse +4,3 % auf 7.835 kletterten, die 14.472 Firmentagungen bei +0,8 % landeten. Für die COO (Chief Operating Officer) der ÖW, Sandra Neukart, – sie präsentierte gemeinsam mit Renate Androsch-Holzer Ende Mai dieses Jahres die aktuelle „mira“-Studie – stellt die Meeting-Industrie damit einen „stabilen und dynamischen Bestandteil des österreichischen Tourismus“ dar.

Allerdings – so „mira“ – findet mit 33,4 % aller Kongresse die Mehrheit in Wien statt. Das Bundesland Salzburg folgt mit 19,2 % an zweiter Stelle bereits mit Respektabstand. In OÖ, das an dritter Stelle liegt, wurden 2025 rund 10,2 % aller Kongresse abgehalten.

Diese herausragende Rolle der Bundeshauptstadt bei Kongressen spiegelt sich auch in den Statistiken der ICCA (International Congress and Convention Association) und der UIA (Union of International Associations) wider. So positioniert die ICCA Wien heuer auf Platz 4 (Vorjahr Platz 1), während das UIA-Ranking Wien sogar auf Platz 1 listet (Vorjahr Platz 2).

… vor dem Rest Österreichs

Demgegenüber liegt Österreich (inkl. Wien) bei der ICCA aktuell auf Platz 16. Bei der UIA wird es auf Rang 3 gerankt. Im letzten Jahr vor der Pandemie, also 2019, belegte es bei der UIA Rang Nummer 10. Die verschiedenen Positionen sind auf die unterschiedliche Zählweise zurückzuführen. Die ICCA verzeichnet nur Veranstaltungen, die regelmäßig stattfinden, zwischen mindestens drei Ländern rotieren und mindestens 50 Teilnehmer:innen haben. Die UIA erfasst im Gegensatz dazu auch Veranstaltungen sowie Meetings, die nur einmal stattfinden oder regelmäßig am selben Ort abgehalten werden.

Für Wien ist dieser Unterschied besonders relevant, denn Österreichs Bundeshauptstadt beherbergt zahlreiche internationale Organisationen und Institutionen. Wien ist deshalb Austragungsort von Meetings, die nicht unter die strengen ICCA-Rotationskriterien fallen, von der UIA aber berücksichtigt werden.

David Strolz, Renate Androsch-Holzer und Helmut Slezak
David Strolz, Renate Androsch-Holzer und Helmut Slezak © LinkedIn, RAM Consulting & messe-ried.at

Zurück zum ACB: Die heuer im Frühjahr vorgenommene Blitzumfrage lieferte einen positiven Ausblick auf die kommenden Jahre. Gemäß Renate Androsch-Holzer bewerteten für heuer rund 72 % der dabei befragten Betriebe die Buchungslage gegenüber dem Vorjahr als „besser“ oder „entsprechend den Erwartungen“. Dieser Ausblick wird im kommenden Jahr (78 %) und 2028 (dann sind es bereits 82 %) deutlich besser.

Allerdings steigt laut ACB-Umfrage vor allem der Wettbewerbsdruck. Auch die kurzfristiger werdenden Buchungen stellen Anforderungen an Flexibilität und Planungssicherheit dar. Diese Kurzfristigkeit und die mit dieser Entwicklung einhergehende Problematik betonte auch der Geschäftsführer des Congress Centrum Alpbach Thomas Kahn – er ist im ACB-Vorstand für Kongress-, Messe- & Veranstaltungszentren zuständig –, in seinem Interview mit T.A.I. (mehr darüber auf Seite 30).

Premiere für Wertschöpfungsstudie

Neu für den MICE-Bereich ist die erstmals durchgeführte Wertschöpfungsstudie. Sie erhebt die entsprechenden Daten für die gesamte österreichische Meeting Industry. Die Datenerhebung läuft heuer, die Ergebnisse sollen im Frühjahr 2027 veröffentlicht werden. Auftraggeber sind das Wirtschaftsministerium, der Fachverband Freizeit- und Sportbetriebe der WKÖ (Wirtschaftskammer Österreich), die ÖW und das ACB. „Wir freuen uns, damit einen entscheidenden Beitrag zur Sichtbarkeit der Tagungswirtschaft zu leisten“, so ACB-Präsidentin Renate Androsch-Holzer. Untersucht werden Kongresse, Firmentagungen und Seminare entsprechend der Systematik von „mira“.

Für Wien gibt es übrigens bereits Wertschöpfungsdaten. Die WIFO-Untersuchung unter 819 Kongress- und Firmentagungsteilnehmer:innen und 62 Veranstaltern lief von Mai 2025 bis März 2026. Sie ergab durchschnittliche Ausgaben eines Meeting-Gastes von rund 560 Euro (gegenüber rund 380 Euro bei einem durchschnittlichen Wien-Gast), also um 47 % mehr. Das WIFO errechnete zudem 1,48 Mrd. Euro Bruttowertschöpfung in ganz Österreich, die von der Wiener Meetingindustrie ausgingen, rund 19.300 Beschäftigungsverhältnisse sowie 610 Mio. Euro Steuern und Sozialversicherungsabgaben.

Live-Erlebnisse nehmen zu

Für den MICE-Bereich relevant ist auch die „emba“ (event marketing board austria). Der Zusammenschluss österreichischer Live-Marketing-Agenturen zählt aktuell 27 Mitglieder. Die Bedeutung von Live-Erlebnissen nimmt dabei laut „emba“ zu. Nach Ansicht des Vorstandsvorsitzenden David Strolz (er ist geschäftsführender Inhaber von Strolz­events) gewinnen „angesichts der zunehmenden digitalen Reizüberflutung durch ‚Social Media‘, KI-generierte Inhalte und algorithmische Werbung gemeinsam erlebte Markenerlebnisse an Bedeutung.“ Live-Marketing sei deshalb zunehmend ein direkter Weg, emotionale Bindung zwischen Marken und Menschen herzustellen.

Networking und persönlicher Austausch bleiben also wichtig. Das zeigt auch die „emba“ mit ihrem „Klassentreffen 2026“, das Agenturen, Dienstleister, Kunden und Nachwuchs zusammenbringt. Dieses jährliche Branchentreffen – eingeladen sind nicht nur „emba“-Mitglieder, sondern die gesamte Branche – findet heuer am 19. Oktober 2026 in der Ottakringer Brauerei Wien statt.

Stabile Wirtschaftsgröße bei den Messen

Als dritter freier Verband, der die MICE-Industrie Österreichs abdeckt, haben sich die „Messen Austria“ etabliert. Sie haben mit Helmut Slezak, Geschäftsführer der Messe Ried, zu Jahresbeginn einen neuen Präsidenten erhalten. Helmut Slezak schätzt die Entwicklung des österreichischen Messemarktes 2026 insgesamt positiv bis stabil ein, trotz der weiterhin schwierigen Konjunktur. Sie stellt laut „Messen Austria“ das größte Risiko dar: Vor allem ausstellerseitige Einsparungen können die Nachfrage nach Standflächen und Messeauftritten belasten. Die Branche erwartet daher keinen völlig ungebremsten Boom.

Die führenden Mitglieder der „Messen Austria“ sind die Wiener Messe und Congress (VIECON), das Messezentrum Salzburg, die Messe Wels, die Messe Congress Graz und die CMI (Congress Messe Innsbruck). Die Mitgliedsmessen verzeichneten (ohne Wien) im Vorjahr mehr als 2,6 Mio. Besucher, hatten über 20.000 ausstellende Unternehmen sowie 1.366 Gastveranstaltungen, wie Kongresse und Produktpräsentationen, aber auch Konzerte sowie Bälle. Helmut Slezak spricht von einer „stabilen Wirtschaftsgröße“ und verweist auf hohe Nachfrage und Investitionen.

Kein „MICE-Boom“, aber viele Vorteile Österreichs

Für 2026 kann man also nicht von einem „MICE-Boom“ sprechen. Vielmehr dürfte es sich heuer um ein robustes, zunehmend wertorientiertes Wachstum handeln. Die OeNB (Österreichische Nationalbank) erwartet etwa für Österreich – die neuesten Daten dazu stammen von Mitte September – für heuer lediglich ein reales BIP-Wachstum in Höhe von +0,5 % (2027 soll es +1,3 % betragen und 2028 +1,2 %). Gleichzeitig beträgt die erwartete Inflation 2026 noch rund 3 %. Klassische Firmenveranstaltungen, Seminare und Incentives bekommen das zu spüren. Dazu kommen die steigenden Kosten. Denn sie verschleiern teilweise die tatsächliche Mengenentwicklung.

Wichtig ist, dass MICE nicht verschwindet, sondern wertvoller und selektiver wird, denn „Face-to-face“-Meetings gewinnen gegenüber rein digitalen Formaten an strategischer Bedeutung. Die Technologie und die KI (Künstliche Intelligenz) verändern Planung und Vermarktung, nicht aber das Bedürfnis nach Begegnung. Die Vorteile für Wien und Österreich bleiben dabei erhalten: Die zentrale europäische Lage, die gute Bahnanbindung, gepaart mit Sicherheit sowie der erstklassigen Infrastruktur, Kultur sowie der Kombination von Kongress und Destinationserlebnis.

Wir freuen uns, damit einen entscheidenden Beitrag zur Sichtbarkeit der Tagungswirtschaft zu leisten.

ACB-Präsidentin Renate Androsch-Holzer