Die Zahlen, die WienTourismus-Geschäftsführer Norbert Kettner gemeinsam mit Bürgermeister Michael Ludwig, Wirtschaftskammer-Präsident Walter Ruck und Vienna Convention Bureau-Leiterin Anita Paic präsentierte, sind tatsächlich von einer anderen Größenordnung als alles, was Wien im Kongresstourismus bisher verzeichnet hat. 7.196 Kongresse und Firmentagungen, ein Plus von neun Prozent gegenüber 2024. Fast 795.000 Teilnehmende, ein Fünftel mehr als im Vorjahr. Und 2,5 Millionen Nächtigungen, ein Plus von 27 Prozent. Dazu eine Wertschöpfung von 1,7 Milliarden Euro für den Gesamtstaat, 348 Millionen Euro Steuereinnahmen, 19.300 Ganzjahresarbeitsplätze.
Für die Wiener Hotellerie und Gastronomie bedeuten diese Zahlen konkret: Bereits jede achte Übernachtung in der Stadt geht auf ein Meeting zurück. Meeting-Gäste geben im Schnitt rund 560 Euro pro Tag aus, ein Drittel mehr als der durchschnittliche Wien-Gast und mehr als doppelt so viel wie der typische Österreich-Reisende. Sie bleiben länger, 4,4 Nächte im Schnitt gegenüber 2,34 beim Freizeittouristen, und sie nächtigen bevorzugt im Vier- und Fünf-Sterne-Segment. Kurz: Kongressgäste sind die Klientel, um die sich jede Destination prügelt.
Das strukturelle Klumpenrisiko
Was die Bilanz nicht auf den ersten Blick verrät: Der Wiener Kongresserfolg ist in erheblichem Maß auf einige wenige Großformate konzentriert. Obwohl internationale Kongresse nur zwölf Prozent aller Meetings ausmachen, generieren sie 61 Prozent aller Nächtigungen. Vier Veranstaltungen allein, der Europäische Radiologenkongress mit 22.400 Teilnehmenden, die EGU General Assembly mit 20.000, der EADV-Dermatologiekongress mit 17.000 und die erstmals in Wien stattfindende Audiomesse High End mit ebenfalls 20.000 Besuchern, dominieren den Kalender 2026 überproportional. Fällt ein solches Format künftig aus, verschiebt sich oder siedelt den Austragungsort wieder ab, entstehen Lücken, die sich unmittelbar niederschlagen.
Kettner räumt die geopolitische Anfälligkeit des Modells indirekt ein: Auf die Frage nach Auswirkungen des Nahost-Konflikts auf die Buchungslage hielt er fest, dass es derzeit keine Rückgänge gebe, aber: „Wir sind aktiv und beschäftigen uns, wie wir Wien positionieren.“ Gleichzeitig berichtet das Vienna Convention Bureau bereits von Anfragen, bei denen Veranstaltungen, die ursprünglich im Nahen Osten geplant waren, nach Wien verlagert werden. Das ist kurzfristig ein Vorteil, strukturell aber ein Hinweis darauf, wie stark internationale Krisenlagen den Standort beeinflussen können, nämlich in beide Richtungen.
Wien kontra Rest-Österreich
Ein zweiter blinder Fleck der Bilanz betrifft die geografische Verteilung. Siebzig Prozent aller relevanten Meetings in Österreich finden in der Bundeshauptstadt statt, wie Kettner selbst betonte. Für Bundesländer wie Tirol oder Salzburg, die im Freizeittourismus stark aufgestellt sind, bedeutet das: Im Kongresssegment existiert faktisch kein konkurrenzfähiges Gegengewicht zu Wien. Die entsprechende Infrastruktur, große Kongresszentren, internationale Direktflugverbindungen, das Netz aus Hotels und spezialisierten Venues, ist in Wien konzentriert. Bürgermeister Ludwig formulierte das offen: „Am meisten profitiert der Bund, am zweitmeisten die anderen Bundesländer und Gemeinden rundherum.“ Von den 348 Millionen Euro Steuereinnahmen fließen 223 Millionen Euro an den Bund und 125 Millionen an Länder und Gemeinden; Wien selbst behält davon „lediglich“ 39 Millionen Euro.
Für die Betriebe in Wien sind die Perspektiven komfortabel. Die Akquisepipeline des Vienna Convention Bureau reicht bis 2031, derzeit laufen weltweit mehr als 300 Bewerbungen für Meetings bis ins Jahr 2038. Für 2026 sind bereits 60 Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmenden fixiert, darunter vier Großkongresse mit je über 10.000 Besuchern. Die Grundauslastung für die nächsten Jahre ist damit gesichert: ein struktureller Vorteil gegenüber dem volatileren Freizeittourismus.
Bemerkenswert ist auch der Nebeneffekt: Ein Drittel der Meeting-Gäste verband den Aufenthalt mit Urlaub oder Familienbesuch, mehr als die Hälfte dieser Gruppe verlängerte den Aufenthalt. Das generiert zusätzliche Wertschöpfung, die in der offiziellen Bilanz nur am Rande auftaucht. 93 Prozent der Befragten würden Wien weiterempfehlen, 90 Prozent wollen wiederkommen. Das sind Werte, die kein Marketingbudget erkaufen kann.