Lasst uns über die Wirtschaft der Zukunft reden

Interview
20.06.2017

Von: Thomas Askan Vierich
„Was gestern war, interessiert nicht mehr“, sagt ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer. „Nicht meine Kollegen, nicht unsere Mitarbeiter, nicht unsere Gäste, auch nicht meine Bank.“
Michaela Reitterer plädiert dafür, einander mehr zuzuhören, statt immer nur zu sagen, was nicht geht.
Michaela Reitterer plädiert dafür, einander mehr zuzuhören, statt immer nur zu sagen, was nicht geht.

Womit kann man in der Hotellerie Geld verdienen?
Michaela Reitterer: Mit allem, was du gut machst! Wenn du dich damit auseinandersetzt, was du sein möchtest mit deinem Hotel. Welchen Gast du ansprechen möchtest.

Kann man sich den Gast aussuchen?
Ja, indem man eine Kommunikation mit ihm aufbaut, Stichwort Direktbuchung. Hier wird die Digitalisierung zu einem Tool, denn in der Hotellerie ist die Customer-Journey bereits digital – zumindest bis der Gast bei uns ist und wenn er wieder abgereist ist. Da müssen wir ihn digital begleiten. Aber in der Sekunde, in der er das Hotel betritt, muss es menscheln. Je mehr Digitalisierung wir einsetzen, umso größer ist das Bedürfnis auf der anderen Seite nach echter menschlicher Emotion.

Was würden Sie jemandem raten, die zwar gut im menscheln ist, aber nicht bei der Digitalisierung? 
Ich könnte natürlich sagen, sie sollen an unserem Lehrgang für Online-Revenue-Marketing teilnehmen ...

Was lernt man dort?
Das ist eine gute Einstiegsdroge und liefert ein stabiles Fundament. Es geht in vier Tagen darum, wie man seine Preise, aber auch die Customer-Journey gestaltet vom Moment an, wo der Gast uns im Internet sieht. Wie erzeuge ich hier Emotionen, Vertrauen und Vorfreude!

Das fängt bei der Homepage an. Und die ist bei vielen Betrieben durchaus noch ausbaufähig, oder?
Absolut. Wir müssen uns vom Glauben verabschieden, dass man mit einer Homepage vier, fünf Jahre auskommt. Die muss laufend optimiert werden! Die Gästeerwartungen ändern sich. Heute geht es um Bilder und Videos. Damit lädt man die Customer-Journey mit Emotionen auf. 

Soll sich ein Hotelier bei dem Thema professionelle Hilfe holen?
Die Bilder und Videos kannst du selbst machen, aber deine Homepage muss so aufgebaut sein, dass du oder deine Angestellten diese Sachen einfach hochladen können. Das muss ohne großen Aufwand gehen. Die Verzahnung mit den sozialen Medien ist ganz wichtig. Dafür brauche ich Fachkräfte im Haus. Deshalb ist es gut, dass wir jetzt mit dem Hotelkaufmann/frau auch Lehrlinge darin ausbilden. 

Wird diese neue Ausbildung schon gut nachgefragt?
Ja. Aber sie hat natürlich noch Luft nach oben. Dazu dient ja auch unser Tag der offenen Hoteltür: den Jugendlichen zu zeigen, um was es in einem Hotel wirklich geht. Dass es da mehr gibt als Koch, Kellner oder Rezeption.

Dass jemand mit einem Faible für digitale Techniken im Hotel Karrie-re machen kann?
Ja! Und man bekommt noch dazu einen sicheren Job. Wir bilden einen Beruf aus, den es in fünf Jahren garantiert noch gibt …

Was kann man als Hotelier beim Thema Bezahlung verbessern? 
Wir müssen uns endlich aus dieser Diskussion befreien. Hier reguliert sich der Markt. Wer weniger zahlt, bekommt keine oder nur ganz schwer Leute. Wir diskutieren immer nur über den Lohn der Hilfskraft. Gut ausgebildete Leute bekommen auch einen guten Lohn – jenseits des Tariflohns. Aber wir schaffen auch Jobs für Ungelernte, ohne Lehre, ohne Berufsschule. 

Wen bekommt man leichter: Leute für Hilfsjobs oder für qualifizierte Tätigkeiten?
Unser Problem sind die Saisonierskontingente. Die jetzige Regelung ist Schwachsinn. Es werden immer weniger Saisoniersplätze angeboten. Wir brauchen die Rot-Weiß-Rot-Karte für Koch und andere Berufe. Das System ist völlig veraltet und entspricht nicht mehr dem realen Ost-West-Gefälle. Die Arbeitslosenraten in den vom Tourismus stärker geprägten westlichen Bundesländern sind viel geringer als im Osten. Alles in einen Topf zu werfen ist völlig falsch.

Was kann die Hotellerie beim Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie tun?
Drei Wiener Hotels diskutieren gerade, wie sie einen gemeinsamen Kindergarten führen können. Karl Reiter bringt in seinen drei Hotels im Burgenland die Kinder der Mitarbeiter in der Kinderbetreuung der Hotels unter. Die werden dort gemeinsam mit den Kindern der Gäste betreut. Das Problem sind die kleinen Einheiten in der Hotellerie. Die kann man nicht mit denen in der Industrie vergleichen. Deshalb tun wir uns hier einfach schwerer. In Tirol schließen die meisten Kindergärten freitags um 14 Uhr. Das kann ja wohl nicht sein! Man fordert flexiblere Arbeitszeiten, bietet aber keine flexiblere Kinderbetreuung an.

Bei der Flexibilisierung der Arbeitszeiten stößt die Hotellerie ja auch schnell an ihre Grenzen. 
In meinem Hotel arbeitet eine junge alleinerziehende Mutter Teilzeit. Die würde gerne am Montag zwölf Stunden arbeiten, weil an dem Tag das Kind beim Papa ist. Da könnte sie viele administrative Arbeiten für die ganze Woche erledigen. Geht aber gesetzlich nicht als Teilzeitkraft. Selbst als Vollzeitkraft dürfte sie das nur, wenn ich einen Betriebsrat hätte oder mir eine Bestätigung vom Arbeitsmediziner hole. 

Welches Hotel hat einen Betriebsrat!?
Nur die großen Häuser in der Stadt. Und die Kettenhotellerie. Das geht also völlig an der Realität unserer mittelständischen Hotellerie vorbei. Meine Chefrezeptionistin pendelt 50 km one Way. Die würde an manchen Tagen gerne einfach mal länger arbeiten. Dann könnte sie vielleicht am folgenden Tag freimachen und bräuchte nicht pendeln. Sie darf es aber nicht.

Schafft die mittelständische Hotellerie das noch? Oder wird sie von der Kettenhotellerie verdrängt?
Ich glaube, auf dem österreichischen Markt haben alle Platz, die es gut machen. Allerdings müsste man speziell die private mittelständische Hotellerie entlasten – vor allem beim Moloch Bürokratie.

Was sollte man da zuerst angehen?
Wenn du eine rechtsgültige Betriebsgenehmigung hast und du übergibst deinen Betrieb unverändert: Dann sollte es nicht notwendig sein, eine neue Bescheinigung zu beantragen. Außerdem haben wir die Verpflichtung, eine Unzahl an Statistiken zu führen und abzuliefern. Da sollten uns diejenigen, die diese Daten haben wollen, etwas entgegenkommen und die Möglichkeit schaffen, diese Daten elektronisch abzufragen. 

Sie haben das Scheitern der Novelle zur Gewerbeordnung begrüßt – und sich nicht nur Freunde gemacht …
Wir haben nicht das Scheitern begrüßt, sondern die Chance, es jetzt noch besser zu machen! 

Was genau?
Die Darstellung unserer Geschäftsfälle ist nicht praxistauglich. Denn wir gehen bei der 15-Prozent-Grenze, ab der ein Gewerbeschein fällig wird, nicht von den Jahresumsätzen aus, sondern von den Geschäftsfällen. Man sagt uns, dass wird eh ned so heiß gegessen ... Hier gibt es für uns keine Rechtssicherheit. Wir bekennen uns zum Gewerbeschein für die Hotellerie, vor allem natürlich, wenn man Lehrlinge ausbildet. Aber es kann doch nicht sein, dass ich meine Verwandtschaft zum Bahnhof führen darf, aber wenn ein Gast drinsitzt, muss ich einen Gewerbeschein lösen. Und ich brauche einen anderen Gewerbeschein, wenn ich jemanden zum Flughafen oder zum Lift bringe! Das hilft uns doch nicht weiter! Ich fordere, nicht alles freizugeben. Aber in Zeiten, in denen neue Player auf den Markt drängen, sollte man es denen, die in Österreich Steuern zahlen und Arbeitsplätze schaffen, nicht noch schwieriger machen.

Sie plädieren auch für eine nennenswerte Erhöhung des Budgets der Österreich Werbung …
Das Budget ist seit 15 Jahren nicht erhöht, nicht einmal an die Inflationsrate angepasst worden. Also ist es real um etwa 30 Prozent gesunken.

Wo müsste die ÖW investieren?
In die Internationalisierung! Ein Wachstum im Tourismus kann nur aus entfernteren Märkten wie China kommen. Und dafür braucht man Mittel und Mitarbeiter, egal ob ich jetzt chinesische Blogger bezahle oder Leute bei uns. Bezahlen muss ich sie. Auch die Digitalisierung kostet Geld. Wenn ich möchte, dass in den sozialen Medien für Österreich Stimmung gemacht wird, dann kostet das einfach Geld. Das war alles vor 15 Jahren noch gar nicht absehbar. Wir können nicht nur immer fordern, aber kein Geld dafür bereitstellen.

Wo soll das Geld herkommen?
Wie bisher auch von den Pflichtmitgliedsbeiträgen der Unternehmen an die Wirtschaftskammer und durch unsere Steuern via Wirtschaftsministerium. Die Wirtschaftskammer wollte sich ja vor ein paar Jahren zurückziehen, hat sich aber Gott sei Dank eines Besseren besonnen. Vor vielen Jahren hat es auch die Forderung gegeben, von jedem Gast einen Euro für die internationale Bewerbung der Marke Österreich zu nehmen. Warum nicht? Für mich als Interessenvertreterin ist es wichtig, dass die Österreich Werbung mit den Mitteln ausgestattet wird, die sie für ihre Arbeit braucht. Die Einnahmen der Kammer und das Steueraufkommen aus dem Tourismus sind ja auch seit 2002 gestiegen! Wir sollten uns zusammensetzen und überlegen, wie wir das machen können. Und nicht immer nur darüber sprechen, wie wir es nicht machen. Das ist das Gebot der Stunde und das gilt auch für viele andere Bereiche.

Wären Sie auch für die Einführung eines Tourismusministeriums?
Für ein Land, in dem die Tourismus- und Freizeitwirtschaft mit 16 % am BIP der zweitwichtigste Wirtschaftszweig ist und ein entscheidendes Mittel gegen die Landflucht darstellt, wäre das schon ein Zeichen. Zumindest sollte der Tourismus in Österreich ein Gesicht haben. Und wenn es kein eigenes Ministerium ist, dann zumindest jemand, der sich ausschließlich darum kümmert. Das kann ein Staatssekretariat sein, eine Taskforce oder eine Regierungsbeauftragte. Man kann den Tourismus nicht immer nur so wegwischen und sagen, die sollen ihre Hausaufgaben machen. Der Tourismus braucht eine Stimme: Es muss in der Regierung jemanden geben, der bei jedem Gesetzentwurf die Frage stellt: Habt ihr euch überlegt, was das für den Tourismus bedeutet? Bislang wird immer nur gefragt, was das für die Landwirtschaft oder die Industrie bedeutet. 

Ist es für die Hotellerie hilfreich, wenn ständig neue Rekordzahlen vermeldet werden und die Probleme eher unter den Tisch gewischt werden? Manchmal hat man das Gefühl, die ÖHV ist die einzige Organisation, die ab und zu mal auf die Euphoriebremse steigt. Und sie muss dafür Prügel einstecken …
Man kritisiert uns gerne dafür und stellt uns als Raunzer hin. Aber ich könnte mich leicht mit einem Schild am Flughafen hinstellen und meine Zimmer zur Hälfte anbieten. Dann wäre ich jede Nacht voll, aber trotzdem bald tot.

Werden die Nächtigungszahlen durch Dumpingpreise erkauft?
Ja, viele Kollegen haben sich nicht getraut, die Mehrwertsteuererhöhung weiterzugeben. Jedes Wirtschaftsunternehmen wird daran gemessen, was unterm Strich übrig bleibt. Nur nicht die Hotellerie. Bei uns geht es immer nur um die Auslastung der Zimmer und um den Umsatz! Wir müssen Auslastung x Preis rechnen – anstatt lediglich die Nächtigungen zu zählen.

Ist es tatsächlich so, dass in Wahrheit viele Hotelbetriebe kurz vor dem Aus stehen?
Viele hangeln sich vom 15. bis zum 30. des Monats. Und gehen für den dringend benötigten Cashflow mit dem Preis runter. So bleiben notwendige Investitionen und Innovationen auf der Strecke.

Aber die Österreichische Hotel- und Tourismusbank (ÖHT) sagt, es wurde schon lange nicht mehr so viel im Tourismus investiert!
Der Wirtschaftsbericht des Wirtschaftsministeriums zeigt die geförderten Investitionen für jedes Jahr auf. Dort steht ganz klar: 2016 wurde mehr investiert als 2015, aber immer noch weniger als in jedem Jahr seit Beginn der Wirtschaftskrise, wenn wir die ÖHT-Förderungen als Indikator hernehmen. Aber das sind die oberen 25 Prozent, denen es besser geht. Wem es schlecht geht, der taucht hier gar nicht auf. Die brauchen ein Exitszenario, um ihren Betrieb zum Beispiel zu einer Mitarbeiterunterkunft zu machen. Denn die bräuchten wir dringend vor allem im Westen. Das geht aber nicht, weil das wieder ein anderes Gewerbe ist, das verändert die Steuersituation, und wieder sind wir dort angelangt, dass etwas nicht geht oder nur sehr schwer. 
Daher mein Appell an die nächste Regierung: Lasst uns über die Wirtschaft der Zukunft reden! Was gestern war, interessiert nicht mehr. Nicht meine Kollegen, nicht unsere Mitarbeiter, nicht unsere Gäste, auch nicht meine Bank. Bitte helft uns dabei, dass wir den Österreichern und unseren ausländischen Gästen das bieten können, was wir ihnen versprechen: einen erholsamen Urlaub. Wir wollen nichts geschenkt haben. Helft uns einfach dabei, unseren Job zu machen. Hört euch einfach öfter mal an, welche Möglichkeiten es gibt, gemeinsam etwas zu verändern.

11 Wünsche der ÖHV an die Politik

Handlungsfeld Arbeitsmarkt
• Rot-Weiß-Rot-Karte für Tourismus
• praxisnahe Arbeitszeitflexibilisierung im Interesse von Arbeitgebern und Arbeitnehmern statt Overprotection, die auch die Arbeitnehmer ablehnen
• Arbeitnehmermobilität steigern
• Steigerung der Lehrabschlüsse und mehr Fachkräfte

Handlungsfeld Steuern
• USt-Senkung
• Heranführen der AfA an die wirtschaftliche Lebensdauer
• Nennenswerte Lohnnebenkostensenkung

Handlungsfeld Bürokratie
• Reduktion des Bürokratieaufwands
• GewO ganz neu schreiben: liberalisieren, freie Gewerbe

Handlungsfeld Markt
• Nennenswerte Erhöhung und Indexierung des ÖW-Budgets
• Übergaben und Betriebsaufgaben erleichtern durch Freigrenzen/Investitionsförderung als Anreiz für Nachnutzer