Die Warnung richtete sich an das Fachpublikum, das sich im Rahmen der Fafga 2026 in Innsbruck zu einer „KI-Journey“ versammelt hatte. Auf dem Podium diskutierten neben Köhler auch Tirols Digitalisierungs- und Tourismuslandesrat Mario Gerber sowie P8-Geschäftsführer Georg Hofherr als Moderator. Köhler ist Gründer und Geschäftsführer des Berliner Unternehmens Bluplanet, das sich als sogenannte AI Factory positioniert und Unternehmen bei der operativen Umsetzung von Künstlicher Intelligenz begleitet.
Zentraler Bezugspunkt seines Vortrags war eine historische Erzählung in drei Akten. Um 1810 transportierten Unternehmen in den Vereinigten Staaten natürliches Eis aus nördlichen Seen über weite Strecken in die Städte des Südens, um Lebensmittel und Getränke kühlen zu können. Die Branche beschäftigte nach Köhlers Angaben rund 90.000 Menschen. Mit der von Carl von Linde entwickelten Technologie zur künstlichen Eiserzeugung entstand daraus wenig später eine neue, ebenso große Industrie der Eisfabriken, weil die lokale Produktion günstiger war als der Transport. Um 1950 verdrängte schließlich der Kühlschrank auch diese Fabriken, weil die Kühlung direkt ins Haus zog.
Die entscheidende Frage laute, so Köhler, welche Eisstecher selbst Eisfabriken gebaut hätten und welche Eisfabrikanten später in die Produktion von Kühlschränken eingestiegen seien. Die Antwort in beiden Fällen: praktisch niemand. Das geschah, weil die etablierten Unternehmen an ihren bestehenden Geschäftsmodellen festhielten, obwohl sie die neue Technologie kannten. Köhler zog daraus die These, dass sich dieses Muster bei jeder bisherigen Transformationswelle wiederholt habe, vom Mainframe-Computing über Internet, Cloud Computing und Mobile bis zur gegenwärtigen KI-Transformation, und dass die Branche aktuell vor einem vergleichbaren Kühlschrankmoment stehe.
Drei Kräfte verschieben den Markt
Untermauert wurde die Ausgangsdiagnose mit weiteren Kennzahlen, die Köhler unter Quellenangabe auf seinen Folien zeigte: 90 Prozent der Führungskräfte erwarteten demnach, dass generative Künstliche Intelligenz ihr Geschäft binnen drei Jahren verändern werde, 70 Prozent der Routineanfragen würden bereits heute ohne menschliches Zutun durch KI beantwortet, und 20 Prozent der Buchungsgespräche mit KI-gestützter Personalisierung fänden schon direkt im Hotel statt.
Für den Tourismus machte Köhler drei Triebfedern aus, die den Markt derzeit neu verteilen. Erstens verändert sich die Kundenschnittstelle: Klassische Suchmaschinenoptimierung verliere an Bedeutung, weil viele Kunden inzwischen über Chatassistenten wie ChatGPT, Claude oder Gemini nach Reisezielen und Unterkünften suchten statt über klassische Suchmaschinen. Wer für diese Systeme nicht lesbar sei, könne auch nicht gefunden werden, so Köhler mit Verweis auf die genannten 11 Prozent AI-ready aufgestellter heimischer Hotelbetriebe. Zweitens löse Personalisierung den klassischen Katalog ab: Gäste erwarteten heute individuell zugeschnittene Angebote statt standardisierter Pakete nach Zielgruppen. Drittens kippe die Kostenstruktur, weil Künstliche Intelligenz Routineaufgaben und Verwaltungstätigkeiten übernehme und dadurch Kosten senke, was wiederum die Wettbewerbsfähigkeit derjenigen erhöhe, die diese Möglichkeiten nutzten.
Als Beleg für das Tempo der Entwicklung verwies Köhler auf die Einführungsgeschwindigkeit von ChatGPT: Während das Telefon rund 30 Jahre und das Internet etwa sieben Jahre gebraucht habe, um 100 Millionen Nutzer zu erreichen, habe ChatGPT nach seinem Marktstart am 30. November 2022 dafür nur zwei Monate benötigt. Geschwindigkeit sei damit selbst zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor geworden. Entlang der gesamten Customer Journey, von der Inspirationsphase über die Buchung bis zum Aufenthalt vor Ort, verschiebt sich die Rolle des Personals: Agentensysteme übernehmen die Routine, während der Hotelier oder die Hotelière wieder mehr Zeit für Gastfreundschaft gewinne. „Er gewinnt mehr Zeit, um wieder Gastgeber zu sein“, brachte Köhler die Entwicklung auf den Punkt.
Als Praxisbeispiel nannte Köhler den indischen Konzern Tata, der über seine Fluggesellschaft ein KI-Agentensystem zur Bearbeitung von Kundenanfragen einsetzt. Das System sei kein klassischer Chatbot mit automatisierten Textbausteinen, sondern löse eigenständig Vorgänge wie Umbuchungen und Erstattungen, die früher Wochen gedauert hätten, inzwischen innerhalb von Stunden. Bei täglich 40.000 Anfragen wähle bereits die Hälfte der Kunden den KI-Kanal, 97 Prozent der Anliegen würden vollautomatisiert gelöst, seit dem Start seien 13 Millionen Konversationen zusammengekommen.
Auch die Größenordnung von Unternehmen verändere sich grundlegend, so Köhler. Produktivität und Unternehmenswert würden zunehmend nicht mehr über die Mitarbeiterzahl definiert, sondern über den Wert des Outputs. Ein einzelner Mitarbeiter könne unter Einsatz von KI heute fünf- bis zehnmal produktiver arbeiten, die Markteinführungszeit neuer Produkte verkürze sich um bis zu 70 Prozent. Köhler äußerte die Erwartung, dass in den kommenden zwei Jahren erste Unternehmen mit nur einem Mitarbeiter einen Jahresumsatz von einer Milliarde erwirtschaften könnten, weil Agentennetzwerke ganze Geschäftsfelder automatisierten. Diese Entwicklung werfe gesellschaftspolitische Fragen auf, etwa nach der Finanzierung des Staatshaushalts, wenn klassische Lohnsteuereinnahmen zurückgingen. In mehreren Ländern werde deshalb bereits über eine Robotersteuer beziehungsweise eine Wertschöpfungsbesteuerung diskutiert.
Fünf Schritte zur Umsetzung und die Rolle der Unternehmenskultur
Für die praktische Umsetzung nannte Köhler fünf Schritte, die sich aus seiner Erfahrung mit vorangegangenen Transformationswellen bewährt hätten. Am Anfang stehe ein klar formulierter Grund für die Veränderung, verantwortet auf Führungsebene. Zweitens brauche es eine neue Unternehmensvision auf Basis der neuen Technologie und gegebenenfalls die Überarbeitung des Geschäftsmodells, verbunden mit der Bereitschaft, sich von etablierten Strukturen zu lösen. Drittens sei eine strukturierte KI-Agenda notwendig statt punktuellem Experimentieren. Viertens erfordere der Einsatz von Künstlicher Intelligenz eine belastbare Plattform-Readiness, also geklärte Fragen zu Datenschutzgrundverordnung, EU-KI-Verordnung, IT-Sicherheit und Governance, bevor Prototypen in den produktiven Einsatz übergehen. Fünftens folge die eigentliche Umsetzung, die als Führungsaufgabe an einer verantwortlichen Stelle gebündelt werden sollte, statt auf mehrere Abteilungen verteilt zu werden.
Als ebenso entscheidend wie die technische Umsetzung beschrieb Köhler die Unternehmenskultur. Bei früheren Transformationswellen, etwa bei der Einführung von Cloud-Software, habe der Erfolg zur Hälfte von der kulturellen Begleitung abgehangen, etwa von der Sorge der Belegschaft vor neu entstehender Transparenz. Unter Bezug auf ein Peter Drucker zugeschriebenes Zitat betonte er: „Culture is strategy for breakfast.“ Führungskräfte müssten die Technologie selbst anwenden, um sie zu verstehen, Mitarbeitende befähigen und Erfolge sichtbar feiern.
Den Begriff AI Factory definierte Köhler nicht als physische Infrastruktur, sondern als Zusammenspiel aus drei Komponenten: fachlicher Beratung, spezialisierten Fachkräften und einer strukturierten Methode. Während klassische Softwareentwicklung früher ein bis drei Jahre bis zur Einführung im Unternehmen benötigt habe, ließen sich heute Prototypen innerhalb weniger Tage und produktionsreife, Compliance-konforme Anwendungen innerhalb weniger Monate realisieren.
In der anschließenden Fragerunde ging Köhler auf die Frage ein, ob Unternehmen künftig eher fertige Software kaufen oder selbst entwickeln sollten. Bei großen Konzernen mit etablierter Plattformstrategie, etwa auf Basis von SAP, Microsoft oder Salesforce, gehe der Trend eher dahin, neue KI-Module an bestehende Systeme anzudocken. Mittelständische Unternehmen entschieden sich zunehmend hälftig zwischen Kauf und Eigenentwicklung, während kleine Unternehmen mehrheitlich auf maßgeschneiderte Eigenentwicklung setzten, unter anderem aus Kostengründen. Das Paradigma habe sich insgesamt verschoben: „Wir bauen nicht mehr für den Kunden, wir bauen mit dem Kunden.“
Zur Zukunft klassischer Buchungsplattformen äußerte sich Köhler zurückhaltend, aber grundsätzlich skeptisch. Alles, was heute als Mittler zwischen Anbieter und Endkunde stehe, werde langfristig durch direktere Beziehungen zwischen beiden Seiten ersetzt, sofern Anbieter über eigene, für KI-Systeme lesbare Daten und Angebote verfügten. Wie sich das im Fall etablierter Plattformen konkret entwickle, sei angesichts von deren umfangreichen Datenbeständen jedoch schwer vorherzusagen.
Datenhoheit, Regulierung und die Rolle des Landes Tirol
Aus dem Publikum kam die Frage nach dem Verhältnis von europäischer Regulierung und Innovationskraft. Köhler differenzierte zwischen der Frage der Datenresidenz, die angesichts der Unsicherheit rund um das transatlantische Datenschutzabkommen Safe Harbor gerade politisch diskutiert werde, und der grundsätzlichen Bürokratiefrage. Datenschutzgrundverordnung und EU-KI-Verordnung hält er grundsätzlich für richtig und notwendig, problematisch sei aus seiner Sicht weniger die Regulierung selbst als der hohe Aufwand für deren Nachweis, Berichterstattung und Zertifizierung. Europäische Unternehmen könnten sich zudem kurzfristig nicht von großen amerikanischen Cloud- und KI-Anbietern lösen.
Landesrat Mario Gerber, der in der Tiroler Landesregierung auch das Ressort Digitalisierung verantwortet, ordnete die Entwicklung aus politischer Sicht ein. „KI ist gekommen, um zu bleiben“, so Gerber, der zugleich betonte, dass die Zukunft des Tiroler Tourismus weiterhin auf authentischer, oft familiär geprägter Gastfreundschaft beruhe und Künstliche Intelligenz dafür wieder mehr Zeit schaffen solle. Als Grundlage jeder KI-Anwendung nannte er strukturierte Daten: „Haben wir keine Daten, nützt die beste künstliche Intelligenz nichts.“ Tirol habe deshalb bereits vor Jahren den Data Hub Tirol gegründet, der international und auch von der Europäischen Union für seine strukturierte, anonymisierte Datenaufbereitung ausgezeichnet worden sei, etwa zu Schneelage, Besucherströmen und Straßenverhältnissen. Über die Tirol Werbung werde zudem ein Tool entwickelt, mit dem Betriebe prüfen können, wie sichtbar sie für KI-Systeme sind, ergänzend zur laufenden Digitalisierung der Landesverwaltung, etwa bei Bau- und Betriebsanlagenverfahren.
Zur Person
Thorsten Köhler ist Gründer und Geschäftsführer der Bluplanet Global GmbH mit Sitz in Berlin, die 2021 gegründet wurde und sich als sogenannte AI Factory für die operative Umsetzung von Künstlicher Intelligenz in Unternehmen positioniert. Zuvor war Köhler nach eigenen Angaben einer der ersten Mitarbeiter im deutschsprachigen Raum von Cisco Systems, wo er nach Unternehmensangaben unter anderem als Operations Director in der Geschäftsleitung tätig war, sowie in leitender Vertriebsfunktion bei Dell/EMC. Anschließend baute er das Unternehmen USL beziehungsweise Your SL auf, das sich zu einem der größten Salesforce-Reseller und Transformationspartner im deutschsprachigen Raum entwickelte, bevor es 2016 von Salesforce übernommen wurde. In der Folge übernahm Köhler bei Salesforce in San Francisco und New York eine internationale Führungsrolle in der Betreuung großer Transformationsprojekte bei Konzernkunden, darunter Coca-Cola und Siemens Energy. Seit 2021 beschäftigt er sich mit dem operativen Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Unternehmen.
