Hotels verkaufen Vertrauen. Das ist kein Marketingsprech, es ist die Grundlage des Geschäftsmodells. Wer ein Zimmer bucht, kauft die Überzeugung, an einem Ort sicher und gut aufgehoben zu sein. Diese Überzeugung ist fragil, sie hängt an der Marke, der Geschichte und den Menschen, die für beides stehen. Wenn einer dieser Menschen derjenige ist, der das Erbe verkörpert, wird ein persönlicher Fehler schnell zu einer institutionellen Frage.

Thomas J. Pritzker, 75, Milliardär und Erbe des Hyatt-Konzerns, hat am 16. Februar 2026 seinen sofortigen Rücktritt als Executive Chairman von Hyatt Hotels Corporation erklärt. Er wird auch nicht mehr zur Wiederwahl in den Aufsichtsrat bei der Hauptversammlung im Mai antreten. Als Nachfolger wurde Mark S. Hoplamazian, bisher Präsident und Chief Executive Officer des Unternehmens, unmittelbar in das Amt des Chairman berufen. Der Anlass für Pritzkers Abgang ist ein denkbar sensibler: seine langjährige, nachgewiesene Verbindung zu Jeffrey Epstein, dem verurteilten Sexualstraftäter und Netzwerker der amerikanischen Wirtschafts- und Politikelite, der 2019 in Untersuchungshaft starb.

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In einem Brief an den Hyatt-Aufsichtsrat schrieb Pritzker, er habe „terrible judgment“ (schlechtes Urteilsvermögen) bewiesen, indem er den Kontakt zu Epstein und dessen Komplizin Ghislaine Maxwell nach dessen Verurteilung im Jahr 2008 aufrechterhalten habe. „There is no excuse for failing to distance myself sooner“, fügte er hinzu. Es sei keine Entschuldigung, sich nicht früher distanziert zu haben. Der Satz wiegt schwer.

Eine Familiengeschichte

Um zu verstehen, warum dieser Rücktritt mehr bedeutet als der Abgang eines Topmanagers, muss man verstehen, was die Pritzkers für Hyatt sind (und was Hyatt für die Pritzkers ist). Die Familie steht seit sieben Jahrzehnten im Zentrum des Unternehmens. Hyatt begann 1957, als Jay Pritzker, sein Vater, das erste Hyatt House Motel in der Nähe des Flughafens Los Angeles erwarb. Was daraus wurde, ist eine globale Hotelgruppe mit heute mehr als 1.500 Häusern und Resorts in 83 Ländern auf sechs Kontinenten.
Thomas Pritzker ist sozusagen die Kontinuität des Unternehmens in Menschengestalt. Seit 1980 trägt er Verantwortung bei Hyatt, zunächst als Präsident, dann als Chairman und CEO, schließlich seit 2004 als Executive Chairman. Darüber hinaus steht er der Pritzker Organization vor, dem Family Office, das die vielfältigen Investitionen der Familie bündelt. „For 70 years, Hyatt has been part of our family’s identity and our family has been part of Hyatt’s identity“, schrieb er selbst in seinem Rücktrittsbrief. Die Familie ist nach wie vor Mehrheitsaktionärin. Ihr Abzug aus der Unternehmensführung ist eine Zäsur.

Distanzierung als Führungsleistung

Pritzkers Selbstzeugnis, er habe schlechtes Urteilsvermögen bewiesen, ist in der Sprache der Corporate Governance eine erstaunlich direkte Formulierung. Üblicherweise werden solche Abgänge in eine weichere Sprache gekleidet. Pritzker wählte das Gegenteil. Er benannte das Versagen beim Namen und zog persönlich die Konsequenzen daraus.
Gleichwohl ist die Frage, die dieser Fall aufwirft, eine strukturelle: Was bedeutet moralische Urteilskraft für die Führung eines Hotelkonzerns? Hyatt steht für Luxus, globale Präsenz und das, was in der Branche gern als „care“ bezeichnet wird (ein Begriff, der in der Unternehmenskommunikation des Konzerns übrigens omnipräsent ist) und der Fürsorge für Gäste, Mitarbeitende und Partner gleichzeitig meint. Ein Versprechen, das ganz oben beginnen muss, wenn es unten ankommen soll.
Dass Pritzker den Kontakt zu Epstein nach dessen Verurteilung 2008 nicht abbrach, sondern ihn über Jahre fortführte, zeigt das eigentliche Problem. Nähe zu Macht erzeugt Macht. Und Macht verlangt Distanzierungsfähigkeit, gerade dann, wenn der Gegenüber bereits moralisch und juristisch diskreditiert ist. Die Entscheidung, sich zu distanzieren, ist eine Führungsleistung. Sie muss aktiv getroffen werden, bevor sie erzwungen wird.
Die Verbindung zu Epstein berührt genau den gegenteiligen Bedeutungsraum, für den Hyatt steht: Machtmissbrauch, Ausbeutung, moralische Blindheit gegenüber offenkundigen Warnsignalen. Diese Diskrepanz ist der eigentliche Kern der Geschichte und sie ist für die Tourismusbranche sensibler als für andere Branchen, weil das Versprechen, das sie verkaufen, sehr persönlich ist.

Hyatt wird den Rücktritt seines langjährigen Vorsitzenden verkraften. Das Unternehmen ist professionell geführt, Hoplamazian kennt die Strukturen seit Jahren. Die Marke wird weiterhin für ihre mehr als 1.500 Häuser stehen, die Buchungszahlen werden sich nicht verändern. Kurz- und mittelfristig ist Hyatt als Konzern robust genug, um den Reputationsschaden zu absorbieren.
Aber Reputation ist kein Börsenkurs, der am nächsten Tag korrigiert wird. Sie ist ein Kapital, aufgebaut über Jahrzehnte. Jede Irritation frisst an diesem Kapital, auch wenn sie sich nicht sofort in Bilanzkennzahlen zeigt. Das gilt umso mehr für unsere Branche, die auf emotionale Bindung und Vertrauen setzt.