Trinkgeld ist grundsätzlich eine recht unkomplizierte Angelegenheit. Wer als Gast mit dem Service zufrieden war, ließ ein paar Euro liegen oder rundete beim Bezahlen auf. Die Falkensteiner-Hotelgruppe hat sich etwas überlegt, das seit 2022 in mehreren Häusern zum Einsatz kommt: Pro Zimmer und Nacht werden zehn Euro als freiwilliges Trinkgeld vorgeschlagen. Bei einem einwöchigen Aufenthalt ergibt das 70 Euro zusätzlich zur Hotelrechnung. Der Betrag kann reduziert, erhöht oder vollständig gestrichen werden. Nach Angaben des Unternehmens nutzen rund 70 Prozent der Gäste diese Möglichkeit, im Schlosshotel Velden sollen es sogar 80 Prozent sein.
Die Idee sei ursprünglich von Gästen gekommen, erklärt Alexandra Geyer, Unternehmenssprecherin der Falkensteiner Michaeler Tourism Group. Immer weniger Urlauber hätten Bargeld dabei, gleichzeitig böten Hotels mit umfangreichen Inklusivleistungen kaum Gelegenheiten, einzelnen Beschäftigten persönlich Trinkgeld zu geben. Falkensteiner reagierte darauf mit einer Pauschale, über die bereits vor der Anreise sowie beim Check-in und Check-out informiert wird. Inzwischen wurde das Modell auch in den kroatischen Hotels der Gruppe eingeführt.
Trinkgeld auch für MitarbeiterInnen hinter den Kulissen
Ein wesentlicher Unterschied zur klassischen Trinkgeldvergabe liegt in der Verteilung. In jedem teilnehmenden Hotel entscheidet ein Komitee aus Beschäftigten verschiedener Abteilungen, nach welchem Schlüssel das Geld aufgeteilt wird. Geschäftsführung und Management sind daran laut Falkensteiner nicht beteiligt. Dadurch sollen auch jene Mitarbeiter profitieren, die kaum direkten Kontakt mit Gästen haben, etwa in der Küche, im Housekeeping oder in der Haustechnik. Das Unternehmen versichert, sämtliche Trinkgeldeinnahmen an die Belegschaft weiterzugeben. ÖHV-Präsident Walter Veit begrüßt das Modell, insbesondere die Einbeziehung jener Beschäftigten, die üblicherweise weniger Trinkgeld erhalten. Wie sich das im Arbeitsalltag auswirkt, schildert Barbara Kusternik-Salcher, Supervisor der Frühstücksküche im Falkensteiner Schlosshotel Velden. Sie arbeite überwiegend hinter den Kulissen und habe deshalb wenig direkten Gästekontakt. Durch die gemeinsame Verteilung werde ihre Arbeit dennoch wahrgenommen und finanziell gewürdigt. Eine nachvollziehbare Überlegung, schließlich trägt auch der Koch zum gelungenen Aufenthalt bei, ohne dass ihm der Gast dafür persönlich Geld zusteckt.
Die Sache mit der Freiwilligkeit
Weniger eindeutig ist die Perspektive der Gäste. Die Kronen Zeitung berichtete Ende Oktober über Kritik am Falkensteiner-Modell. Auch der Wellnessführer Relax Guide beanstandet laut Medienberichten die Praxis, einen Trinkgeldbetrag auf der Rechnung vorzusehen, den Gäste aktiv streichen lassen müssen. Das kann unangenehm werden, besonders wenn die Entscheidung unmittelbar an der Rezeption getroffen wird. Wer möchte schon beim Auschecken darüber diskutieren, warum ihm der Service keine zusätzlichen 70 Euro wert war? Falkensteiner verweist auf die umfassende Information der Gäste und betont, dass eine Verrechnung nur mit deren Zustimmung erfolge. Je nach Hotel würden 20 bis 30 Prozent die vorgeschlagene Pauschale ablehnen. Die Gäste könnten außerdem weiterhin auf herkömmliche Weise Trinkgeld geben. Auf der Website des Hotels & Spa Carinzia wird die Möglichkeit zur Stornierung ausdrücklich beschrieben. Dort heißt es allerdings auch, dass sich das Hotel erlaube, die zehn Euro als freiwilliges Trinkgeld auf die Rechnung aufzubuchen. Gerade diese Formulierung macht deutlich, weshalb das Verfahren unterschiedlich wahrgenommen wird: Der Gast entscheidet über eine bereits vorgeschlagene Rechnungsposition, statt selbst einen Betrag festzulegen.
Die Zustimmung von 70 Prozent ist deshalb zwar ein bemerkenswerter Wert, sagt aber wenig über die tatsächliche Begeisterung der Gäste aus. Die Idee, das Trinkgeld gerechter im Hotel zu verteilen, verdient Beachtung. Wie viel davon tatsächlich in der Küche, im Housekeeping oder an der Rezeption landet, wissen die Gäste allerdings nicht. Sie sehen zunächst einmal zehn Euro pro Nacht auf ihrer Rechnung.
