Wer Tourismus ausschließlich in Übernachtungszahlen denkt, übersieht zunehmend jene Faktoren, die über einen langfristigen Erfolg entscheiden: Fachkräftemangel, Klimadruck, steigende Infrastrukturbelastung und ein wachsendes Bewusstsein in der einheimischen Bevölkerung für die Kosten des Massentourismus. Auf einer Podiumsdiskussion, zu der das Destinations-Netzwerk Austria (dna) und der Travel Industry Club Tourismus Austria (TICT) gemeinsam geladen hatten, wurde dieser Zusammenhang ins Zentrum gerückt: Touristischer Erfolg setzt gesellschaftliche Akzeptanz voraus und diese entsteht nur, wenn Destinationen Wirtschafts- und Lebensrauminteressen konsequent zusammendenken.
Mathias Schattleitner, Präsident des dna, formulierte den Anspruch seiner Organisation deutlich: „Wer im Tourismus wirtschaftlich erfolgreich sein will, braucht Akzeptanz vor Ort in den Regionen. Destinationsmanagement mit Lebensraumperspektive ist deshalb kein Nebenthema, sondern eine zentrale Führungsaufgabe.“ Es gehe darum, wirtschaftliche Stärke und Lebensqualität strategisch zu verbinden – und genau darin sieht Schattleitner die Verantwortung des Netzwerks: Kompetenzaufbau fördern, den Dialog zwischen Wirtschaft, Politik und Bevölkerung gestalten.
Marco Riederer, Präsident des TICT, ergänzte die Diagnose um eine prozessuale Dimension: „Die Lebensraumperspektive ist kein Schlagwort, sondern ein struktureller Transformationsprozess.“ Dafür brauche es ein neues Mindset, sektorübergreifende Kooperationen und neue Rollenprofile in den Destinationen. Der TICT versteht sich dabei als Plattform für den brancheninternen Austausch und die Entwicklung gemeinsamer Lösungen.
Dass dieser Kurswechsel auch auf politischer Ebene angekommen ist, unterstrich Tourismus-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner. Im laufenden Beteiligungsprozess zur Weiterentwicklung der sogenannten Vision T, die im Sommer 2026 präsentiert werden soll, werde der Perspektivenwechsel „konsequent verankert“. Zehetner: „Tourismus darf nicht isoliert über Nächtigungszahlen definiert werden, sondern muss als Teil des regionalen Lebensraums verstanden werden.“ Die großen Herausforderungen, von Nachhaltigkeit über Arbeitsmarkt bis zur Akzeptanz, ließen sich laut Zehetner nur bewältigen, wenn wirtschaftlicher Erfolg, Klimaschutz und gesellschaftlicher Mehrwert gemeinsam gedacht würden.
Systemisches Denken als größte Hürde
Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Wandel notwendig, aber keineswegs selbstverständlich. Dagmar Lund-Durlacher, Gründungsmitglied des Zentrums für Nachhaltigen Tourismus (ZENAT) in Berlin, benannte auf der Veranstaltung strukturelle Widerstände, die den Transformationsprozess bremsen. Die größte Herausforderung liege im systemischen Denken: „Viele Tourismusorganisationen sind historisch stark ökonomisch geprägt und arbeiten in klar abgegrenzten Zuständigkeiten.“ Die Lebensraumperspektive verlange jedoch sektorübergreifende Kooperation, langfristige Zielsetzungen und neue Messgrößen jenseits klassischer Kennzahlen. Lund-Durlacher warnte: „Ohne politische Rückendeckung, ausreichende Ressourcen und ein gemeinsames Verständnis aller Akteur:innen bleibt der Perspektivenwechsel Stückwerk.“
Diese Einschätzung deckt sich mit Beobachtungen aus der Praxis. Manuel Bitschnau, Geschäftsführer von Montafon Tourismus und Initiator des dna Lebensraum Lab, zählt zu den Vorreitern des Ansatzes in Österreich. Für ihn ist die Lebensraumperspektive kein theoretisches Konstrukt, sondern ein erprobtes Steuerungsmodell: „Destinationsmanagement 4.0 mit Lebensraumperspektive bewirkt weit mehr als touristisches Wachstum, wie wir bei Montafon Tourismus gezeigt haben – es steigert die Lebensqualität der Bevölkerung, stärkt gleichzeitig die regionale Wertschöpfung und reduziert Konflikte.“
Leitfaden aus der Praxis: Das dna Lebensraum Lab
Seit Anfang 2024 haben 17 Vertreterinnen und Vertreter aus zehn österreichischen Destinationen im Rahmen des dna Lebensraum Lab gemeinsam mit Partnern aus dem Bund und der Österreich Werbung an konkreten Umsetzungsinstrumenten gearbeitet. Ziel war es, ein einheitliches Verständnis der Lebensraumperspektive zu schaffen, neue Rollenbilder zu definieren und praxistaugliche Werkzeuge für das Destinationsmanagement zu entwickeln. Die Arbeit mündete in einen umfassenden Handlungsleitfaden für ein verantwortungsvolles Destinationsmanagement.
Das dna versteht diesen Leitfaden nicht als Abschluss, sondern als Ausgangspunkt: Das Thema soll strategisch in den Programmen des Netzwerks verankert und durch gezielte Netzwerkformate, Wissenstransfer und praxisnahe Weiterbildungsangebote in die Breite getragen werden. Der Anspruch ist klar formuliert.