Mit Projekten wie Openclaw beginnt eine neue Phase der künstlichen Intelligenz: Es sind Systeme, die eigenständig handeln. KI-Agenten könnten künftig Flüge buchen, Reisen organisieren oder Preise überwachen, ohne dass Nutzer jeden Schritt selbst ausführen müssen. Darauf weist der Tourismusstratege Holger Sicking in einem Blogbeitrag auf Change Tourism Austria (CTA) hin.
Seit dem Durchbruch von ChatGPT im Jahr 2022 hat sich künstliche Intelligenz rasant entwickelt. Während Chatbots zunächst vor allem Texte generierten und Fragen beantworteten, deutet sich nun eine neue Phase an: Systeme, die nicht nur reagieren, sondern selbstständig handeln. Holger Sicking beschreibt diese Entwicklung als dritte große Stufe der KI. Der erste Wendepunkt war der „ChatGPT-Moment“, der generative KI in den Mainstream brachte. Der zweite folgte Anfang 2025 mit dem sogenannten „DeepSeek-Moment“, der zeigte, dass leistungsfähige KI auch mit deutlich geringeren Trainingskosten entwickelt werden kann.
Die nächste Phase bezeichnet Sicking als „Agenten-Wende“. KI-Systeme entwickeln sich von Gesprächspartnern zu digitalen Assistenten, die aktiv Aufgaben übernehmen: vom Ausfüllen von Formularen bis zur Organisation kompletter Prozesse.
Ein österreichischer Impuls
Ausgangspunkt dieser Diskussion ist ein Projekt mit österreichischem Ursprung. Der Entwickler Peter Steinberger hat einen experimentellen Open-Source-Agenten entwickelt, der mittlerweile unter dem Namen Openclaw läuft. Das System kann über Messenger-Dienste gesteuert werden und ist grundsätzlich in der Lage, Aufgaben selbstständig auszuführen, z. B. Informationen recherchieren oder Prozesse im Internet anstoßen.
In seinem Beitrag beschreibt Sicking einen solchen Agenten als eine Art digitalen Assistenten mit Gedächtnis, der Gespräche fortführt, Entscheidungen vorbereitet und selbstständig Schritte einleitet. Der Autor testet das System derzeit selbst in einer abgesicherten Cloud-Umgebung. Noch erfordert die Einrichtung technisches Know-how und birgt Sicherheitsfragen, etwa beim Zugriff auf persönliche Daten oder Zahlungsinformationen. Dennoch zeigt der Prototyp, in welche Richtung sich KI entwickeln könnte.
Agentic Commerce
Besonders relevant wird diese Entwicklung für Branchen, deren Geschäftsmodelle stark auf digitalen Buchungsprozessen basieren; und dazu gehört auch der Tourismus. Sicking spricht in diesem Zusammenhang von „Agentic Commerce“. Dabei erledigen intelligente Software-Agenten künftig Aufgaben, die heute noch der Nutzer selbst ausführt: Sie vergleichen Angebote, buchen Leistungen oder organisieren Änderungen. Für Reisende könnte das bedeuten, dass Präferenzen einmal festgelegt werden (z. B. Budget, Reiseart oder bevorzugte Airlines) und der Agent anschließend laufend nach optimalen Optionen sucht.
Die Auswirkungen auf den Markt könnten erheblich sein. KI-Agenten oder digitale Assistenten würden Flüge, Hotels und Zusatzleistungen künftig selbstständig auswählen und buchen. Preisänderungen könnten automatisch Umbuchungen auslösen, während Versicherungs- oder Stornofragen im Hintergrund von den Systemen geklärt werden. Anbieter wiederum würden zunehmend algorithmisch um Nachfrage konkurrieren, indem ihre Angebote direkt von Agenten verglichen und bewertet werden. Der Entscheidungsprozess würde sich damit grundlegend verändern: Statt dass der Gast aktiv sucht und Angebote vergleicht, übernimmt ein System im Hintergrund einen Großteil dieser Aufgaben.
Neue Spielregeln für Anbieter
Für touristische Anbieter hätte diese Entwicklung eine zentrale Konsequenz: Maschinenlesbare Daten und Schnittstellen werden entscheidend. Wenn KI-Agenten künftig Reisen planen und buchen, müssen Angebote technisch zugänglich sein. Hotels, Airlines oder Destinationen benötigen strukturierte Daten, offene Schnittstellen (APIs) und klare digitale Prozesse. Sicking formuliert es zugespitzt: Wer für Agenten nicht maschinenlesbar ist, könnte künftig im digitalen Wettbewerb kaum mehr sichtbar sein.
Auch das Marketing würde sich verändern. Suchmaschinenoptimierung allein könnte an Bedeutung verlieren. Stattdessen müssten Unternehmen darauf achten, dass ihre Angebote von Agenten zuverlässig gefunden, verstanden und bewertet werden können. Derzeit befinden sich Systeme wie Openclaw noch im experimentellen Stadium. Sicherheitsfragen, rechtliche Rahmenbedingungen und Zahlungsprozesse sind meist noch offene Fragen. Branchenexperten rechnen jedoch damit, dass KI-Agenten innerhalb weniger Jahre auf Smartphones und in digitale Assistenten integriert werden könnten. Sollte sich diese Entwicklung durchsetzen, würde sich der digitale Vertrieb im Tourismus erneut komplett verändern.