Gretchenfrage

Wo sind denn alle hin?

Arbeitsmarkt
25.08.2022

Scheinbar sind alle verfügbaren Arbeitskräfte aus Gastgewerbe und Hotellerie ­verschwunden. Liegen denn alle faul auf der Haut oder wo sind sie sonst hinverschwunden? Die ÖGZ begab sich auf die Suche
Koch blickt verwundert nach oben

Heute gibt es leider nur Pizza, denn sein Koch sei ihm gerade davongelaufen, erzählt ein aufgebrachter Kärntner Campingplatzbetreiber. Nachdem seine Wut etwas verflogen ist, meint er bei einem kühlen Bier, dass dieser einfach einen besser bezahlten Job angenommen habe.

Mitten in der Saison. Ob die erzählte Geschichte so stimmt, konnten wir nicht verifizieren. Sie spiegelt aber eine Stimmung nach zwei harten Pandemiejahren. Das Geschäft würde vielerorts wieder richtig brummen. Ja, die Leute haben einiges nachzuholen, an Restaurantbesuchen, an Reisen und an Nächtigungen in fremden Betten.   

Heuer fehlt es scheinbar an allen Ecken an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Leute, die gefühlt vor der Pandemie noch da waren. Was ist nur los? Liegen nun die Arbeitskräfte alle faul in der Hängematte und machen sich ein schönes Leben, wie es der Campingplatzbetreiber vermutet? Die Leute hätten in der Pandemie gelernt, dass sie auch durch Nixtun, ihr Geld bekämen, mutmaßt er, die Gründe für den Arbeitskräftemangel bereits zu kennen. Doch ist dem so, muss man den Leuten einfach wieder mehr in den „Hintern treten“? Wir haben uns angeschaut, welche Gründe und strukturellen Gegebenheiten hinter dem Arbeitskräftemangel stecken. 

Kaum Arbeitslose: Boom und Beschäftigungsrekord

Die Geschichte von den faulen Arbeitslosen ist statistisch nicht haltbar. Mit knapp vier Millionen Beschäftigten zählt Österreich satte 95.000 Beschäftigte mehr als noch vor einem Jahr. Im Juli 2022 gab es sogar einen absoluten Beschäftigtenrekord. Vergleicht man diese Zahlen mit 2010, sind es sogar um mehr als eine halbe Million Personen mehr. Die Arbeitslosigkeit ist gering. 

Auch die Gastronomie und Hotellerie weist mittlerweile wieder den Beschäftigungsstand auf wie im Vorpandemiejahr 2019. Der derzeitige eklatante Mangel an Arbeitskräften hat also tatsächlich auch damit zu tun, dass die Tourismusbranche nach den harten Pandemiejahren wieder kräftig anzieht und manche nur teilzeit arbeiten. Und hier liegt das branchenspezifische Problem. Kaum eine andere Branche hatte während der Pandemie eine vergleichbar hohe Zahl an aufgelösten Dienstverhältnissen. Viele Arbeitskräfte verließen die Branche (prinzipiell ist eine hohe Fluktuation normal), doch kaum Neue kamen hinzu. Im Vergleich zu 2019 gab es 2021 um 80 Prozent weniger Neurekrutierungen. Und dieses Defizit lässt sich einfach nicht so schnell ausgleichen – vor allem dann nicht, wenn alle anderen Branchen auch boomen. 

Welche Branchen konkurrieren mit dem Tourismus?

Wo die potenziellen Kellner, Köche, Rezeptionisten, Etagenkräfte … alle gelandet sind, lässt sich gar nicht so genau sagen. Der Boom in anderen Branchen wie der Bauwirtschaft spielt hier eine Rolle, aber auch die Abwanderung in den Dienstleistungssektor wie in den Handel (vor allem der Lebensmittelhandel stellte in der Krise massiv ein) spielt eine Rolle. Noch wichtiger bei der derzeitigen Misere ist aber der fehlende Zuzug aus dem Ausland. 

Wann wird es besser?

Der obige Problemaufriss klingt nach einem temporären Zusammenfallen unglücklicher Umstände, die in erster Linie durch die Corona-Pandemie entstanden. Und wenn man den Arbeitsmarktexperten Glauben schenkt, dann wird es auch wieder besser werden. AMS-Experte Marius Wilk rechnet ab 2023 mit einer Entspannung für die Tourismusbranche, fügt aber im Gespräch mit der ÖGZ hinzu: „Normalität heißt, dass die Personalprobleme, die – vor allem im Winter – bereits vor der Pandemie bestanden, natürlich auch künftig nicht verschwinden werden.“ 

Grafik: Bedarf an neuen Mitarbeitern
Grafik: Bedarf an neuen Mitarbeitern

Demografischer Wandel – wird es künftig noch weniger Arbeitskräfte geben? 

In den vergangenen Wochen war immer wieder – sehr aufgeregt – über den demografischen Wandel geschrieben worden, der uns nun (scheinbar komplett unvorbereitet) trifft und das Angebot an arbeitsfähigen Menschen noch kleiner macht. Es stimmt zwar, dass mittlerweile mit den sogenannten Baby-Boomern die sehr geburtenstarken Jahrgänge der 1950er- und frühen 1960er-Jahre in Pension gehen. Mit einem großen Problem rechnet Arbeitsmarkt-Experte Wilk aber nicht. Durch die Anhebung des Frauenpensionsalters werde einerseits entgegengewirkt und andererseits spiele der Zuzug aus dem Ausland in dieser Hinsicht eine bedeutende Rolle. Blicken wir auf Hotellerie und Gastronomie, so besitzt bereits jetzt mehr als jede zweite Mitarbeiterin oder Mitarbeiter eine nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft (54 Prozent sind ausländische Staatsbürger). Um Mitarbeiter zu finden, wird das Rekrutieren aus dem Ausland immer wichtiger, so Wilk. Und anders als vielerorts dargestellt, spielt hier tatsächlich das relative Gehalt zum Herkunftsland oder anderen Anwerber-Länder eine entscheidende Rolle.  

Die Wünsche der jungen Generation

Etwas anders verhält es sich allerdings beim heimischen Nachwuchs. Die Wünsche der Generation Z gehen mehr in die Richtung Work-Life-Balance. Und auch wenn um ein bis zwei Generationen ältere Branchensprecher auf mehr Einsatz im Sinne der Arbeitsstunden appellieren –, das wird es in Zukunft nicht spielen. Der Trend geht eindeutig in Richtung einer Reduktion der Wochenarbeitszeit. Für Unternehmen aus Gastronomie und Hotellerie wird sehr viel Flexibilität erwartet. Eine zentrale Herausforderung für eine erfolgreiche Zukunft ist es, diese zu bedienen, um so attraktiv für die begrenzte Zahl an Bewerbern zu sein. Ein anderer wichtiger Punkt ist die Kinderbetreuung. Schon heute können viele Jobs in der Tourismusbranche nicht angetreten werden, weil es schlichtweg keine Möglichkeit gibt, die Kinder beaufsichtigen zu lassen. Gerade in tourismusstarken Regionen sind hier kooperative Lösungsanstrengungen gefragt.  

Grafik: Offene Positionen Basis: Gastronomie- und Hotellerie-Betriebe, die noch auf Mitarbeitersuche sind
Offene Positionen Basis: Gastronomie- und Hotellerie-Betriebe, die noch auf Mitarbeitersuche sind

Was bringt ein degressives Arbeitslosengeld?

Aber zurück zur Einstiegsfrage. Ist nicht doch etwas dran am Vorwurf der Trägheit mancher „Suchender“ am Arbeitsmarkt? Gastro-Fachgruppenobmann Mario Pulker fordert etwa schon lange im Gleichschritt mit seinem jeweiligen Pendant aus der Hotellerie eine Erweiterung der Zumutbarkeitskriterien für Arbeitslose. Eine neue Forderung betrifft ein Abschaffen der Zuverdienstgrenze für Arbeitssuchende. Hier sieht man, dass der Teufel im Detail steckt. In einer Branche wie der Gastronomie stellt die Möglichkeit, 485 Euro pro Monat zur Arbeitslosen zu verdienen ein offensichtliches Problem dar. Einen Tag pro Woche zu kellnern ergibt mit der Arbeitslosen ein ansprechendes Gehalt. Für viele andere Arbeitslose ist die Möglichkeit des Zuverdienens aber auch ein Weg, wieder in eine Festanstellung zu kommen. Hier gibt es eben ein Abwägen von Kosten und Nutzen. Das Problem der Schwarzarbeit wird dabei auch gar nicht behandelt.

 Hochaktuell ist die Diskussion über ein degressives Arbeitslosengeld – eines, das bei längerer Arbeitslosigkeit geringer wird. Prinzipiell gibt es hier bei fast allen politischen Lagern eine Gesprächsbereitschaft. Sollte ein solches kommen, mag das vielleicht eine gerechtere Lösung sein. Allzu viel Bewegung hinsichtlich neuer Bewerber für die Hotels oder Gaststätten dieses Landes sollte man sich aber laut Arbeitsmarktexperten Wilk nicht machen. Aus empirischen Studien gebe es keine klare Evidenz, dass dies zu mehr Beschäftigung führen muss. Und speziell in der Tourismusbranche sind Arbeitslosenzeiten eher kurz. 60 Prozent der arbeitslos Gemeldeten gehen binnen vier Monaten wieder in ein neues Beschäftigungsverhältnis. Und speziell im Tourismus würden Stellen eher durch Abwanderungen aus anderen Branchen oder Zuwanderung aus dem Ausland und weniger über den Arbeitslosenmarkt gedeckt.