Innsbruck macht Wissenschaftler zu Standortbotschaftern. Das klingt erst mal nach Marketing-Sprech, ist aber ein überraschend ehrliches Eingeständnis darüber, wie der Kongressmarkt wirklich funktioniert.
Wenn Barbara Plattner, Geschäftsführerin von Innsbruck Tourismus, Wissenschaftler als „Influencer in der Wissenschaft“ bezeichnet, dann ist das keine rhetorische Entgleisung, sondern eine ziemlich präzise Beobachtung. Nur dass diese Influencer keine Reichweite in Followerzahlen messen, sondern in Fachgesellschaften, Netzwerken und der Fähigkeit, einen dreitägigen Kardiologie-Kongress mit 800 Teilnehmern nach Tirol zu holen.

Das neu gegründete „Kongress Ambassador Programm“ macht explizit, was im internationalen Veranstaltungsgeschäft längst Praxis ist: Kongresse entstehen nicht ausschließlich durch Bewerbungsunterlagen, sondern durch persönliche Beziehungen. Ein anerkannter Orthopäde mit internationalen Kontakten kann mehr bewirken als jede noch so professionelle Destinationsbroschüre. Innsbruck benennt das jetzt offen und bindet dreizehn Professoren der beiden Universitäten systematisch in die Standortakquise ein.

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Wenn der Zellbiologe zum Wirtschaftsförderer wird

Der Rollenwechsel ist bemerkenswert. Wer vormittags in den Weiten der Zellbiologie forscht, wird nachmittags zum Wirtschaftsförderer. Die Stadt benötigt hochwertige Veranstaltungen außerhalb der Skisaison, die Wissenschaftler profitieren von internationaler Sichtbarkeit und Austausch vor der eigenen Haustür. Dass sich Forschung und Nächtigungsstatistiken plötzlich tief in die Augen schauen, ist für beide Seiten eine Win-Win-Situation.

Wissenschaftliche Kongresse sind eine Wirtschaftsmacht. Sie bringen Menschen, die vier Nächte bleiben statt zwei und die in Restaurants essen. Sie kommen in den Nebensaisonen, sehr zur Freude der Hotels. Während klassische Events oft laut sind und schnell vorbei, arbeiten Kongresse leiser und meist nachhaltig. Ein einziger größerer Fachkongress bedeutet für die lokale Wirtschaft mehr als drei Popkonzerte.

Was bringen die Ambassadors?

Die dreizehn Ambassadors bringen beeindruckende akademische Titel mit, aber ob sie tatsächlich internationale Großveranstaltungen nach Innsbruck lotsen können, wird sich erst zeigen. Reputation ist wertvoll, aber sie ist kein Automatismus.
Der internationale Kongressmarkt ist brutal umkämpft. Barcelona, Wien, München: alle buhlen um dieselben Veranstaltungen. Dass hier eine DMO ihre Strategie so klar auf den Tisch legt, ist ungewöhnlich transparent. Man könnte auch sagen: mutig.

Die eigentliche Frage lautet nicht, ob das Programm funktioniert. Die eigentliche Frage lautet: Wer macht heute eigentlich Standortpolitik? Der Bürgermeister, der den Ambassadors dankt? Oder die Professorin für Molekulare Biochemie, die bei einem Abendessen in Boston ihre Kollegin für Innsbruck begeistert?
Die Antwort liegt irgendwo dazwischen. Standortentwicklung ist längst keine rein politische Aufgabe mehr. Sie findet in Netzwerken statt, in Fachgesellschaften, in persönlichen Gesprächen nach Keynotes. Innsbruck hat das erkannt und daraus ein Programm gemacht. Ob es in Österreich einzigartig ist, wie behauptet wird, sei dahingestellt. Dass es nötig ist, steht außer Frage.

Am Ende bleibt ein erstaunlich ehrliches Bild: Eine Stadt, die ihre Wissenschaftler nicht nur als Forschende würdigt, sondern auch als das, was sie im globalen Wettbewerb längst sind: entscheidende Akteure im Kampf um Aufmerksamkeit, Geld und Bedeutung. Influencer eben. Nur mit anderen Followern.

Innsbrucks Kongress Ambassadors
Mit dabei sind bereits namhafte Vertreter:innen der Leopold-Franzens Universität Innsbruck sowie der Medizinischen Universität Innsbruck. 
Univ.-Prof. Dr. Rohit Arora (Direktor der Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie Innsbruck)
Univ.-Prof. Dr. Adriano Crismani (Direktor der Universitätsklinik für Kieferorthopädie Innsbruck)
Dr. Wolfgang Gurgiser (Koordinator Forschungsschwerpunkt Alpiner Raum, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck)
Univ.-Prof. Dr. med. Univ. Lukas A. Huber (Direktor des Instituts für Zellbiologie, Medizinische Universität Innsbruck)
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. techn. Manfred Kleidorfer (Professor für nachhaltige Entwicklung urbaner Wasserinfrastruktur, Universität Innsbruck)
Univ.-Prof.in Dr.in Sabine Ludwig (Direktorin Institut für Diversität in der Medizin, Medizinische Universität Innsbruck)
Univ.-Prof. Dr. Thomas Müller (Direktor der Universitätsklinik für Pädiatrie I, Medizinische Universität Innsbruck)
Univ.-Prof.in Dr.in Patrizia Stoitzner (Vizerektorin für Forschung und Internationales der Medizinischen Universität Innsbruck)
Ao. Univ.-Prof. Dr. Werner Streif (Leitung der AG Pädiatrische Hämostaseologie, Medizinische Universität Innsbruck)
Univ.-Prof. Mag. rer. nat Katrin Watschinger PHD (Institut für Molekulare Biochemie, Medizinische Universität Innsbruck)
Univ.-Prof. Mag. Dr. Gregor Weihs (Vizerektor für Forschung, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck)
Univ.-Prof.in Mag.a Dr.in Susanne Zeilinger-Migsich (Leiterin des Instituts für Mikrobiologie, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck)
Univ.-Prof. Dr. med. Johannes Zschocke PHD (Direktor des Instituts für Humangenetik und des Zentrums Medizinische Genetik, Medizinische Universität Innsbruck)