Im Podcast „Tourismus To Go“ kommt gleich zu Beginn eine Zahl auf den Tisch, die aufhorchen lässt: 7,5 Millionen Tagesgäste allein in Vorarlberg. Das ist schon eine ordentliche Ansage und vor allem eine ganz eigene Dimension. Zu Gast sind Roland Scherer von der Universität St.Gallen, der eine aktuelle Studie zum Tagestourismus erstelt hat, und Christian Schützinger, Geschäftsführer von Vorarlberg Tourismus.
Was die beiden im Gespräch mit Host Alexander Grübling offenlegen, dürfte nicht nur Vorarlberger Touristiker interessieren: Tagestourismus generiert 400 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Das entspricht jedem fünften Euro, der in der Destination verdient wird. War das vorher nicht bekannt?
Scherer räumt ein, dass man zwar eine Ahnung hatte, „aber wir haben jetzt erstmal wirklich relativ stabile Zahlen über den Umfang und die Bedeutung.“

Warum Vorarlberg genau hingeschaut hat

Schützinger erklärt, warum man überhaupt den Aufwand betrieben hat: „Uns war es wichtig, dem genauer auf die Spur zu gehen: woher kommen diese Tagesbesucher, wie hoch ist der Anteil der Vorarlberger, wo sind die Unterschiede zwischen Schweizer und deutschen Tagesbesuchern?“ Die zentrale Frage aber war eine andere: Wie lässt sich daraus Wertschöpfung steigern und Besucherlenkung gestalten?
Die Studie hat kombiniert, was bisher isoliert vorlag: Verkehrszählungen, Befragungen bei Bergbahnen, Museen und Events, Gästeinterviews an Attraktionspunkten. Heraus kam ein Bild, das Schützinger selbst überraschte: „Am überraschendsten war für mich, dass der Unterschied zwischen Sommer und Winter so groß ist.“ Im Sommer kommen 4,76 Millionen Tagesgäste, im Winter nur 2,71 Millionen. Und noch etwas wurde sichtbar: Übernachtungsgäste aus Deutschland oder der Schweiz machen häufig Tagesausflüge nach Vorarlberg. „Wir sind attraktiver Anbieter für unsere Nachbarn“, so Schützinger.

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Der Wintergast gibt das Doppelte aus

Die Frage, wo diese Umsätze konkret entstehen, führt zu einem markanten Unterschied: Im Winter sind es 70 bis 80 Euro pro Kopf, im Sommer nur 30 bis 40 Euro. Scherer erläutert: „Im Winter entstehen die natürlich bei den Bergbahnen und durch Skifahren primär. Im Sommer sieht es anders aus.“ Da verteilen sich die Ausgaben breiter: Veranstaltungen wie die Bregenzer Festspiele, Museen, Sportevents, Bergerlebnisse. Der Tagesgast kombiniert verschiedene Attraktionspunkte zu einer Route.
Was das für die Produktgestaltung bedeutet? Schützinger sieht Potenzial: „Unser Anliegen ist es, dass wir die Wertschöpfung steigern können. Im Winter ist die Ausgabebereitschaft hoch – ob wir das nicht im Sommer ähnlich hinbekommen?“ Sein Ansatz: Wertschöpfungsketten verlängern durch Ergänzungsleistungen. Eine Seilbahnfahrt mit Bergfrühstück kombinieren, zum Beispiel. „Oftmals ist einem Besucher aus dem Nahraum zu wenig bekannt, dass es tolle Ergänzungsleistungen gibt.“

Das Problem ist die Kommunikation. Tagesbesucher kennen sich vor Ort meist gut aus, brauchen aber gezielte Informationen zu Zusatzangeboten. „Die Informationsarbeit ist anders zu gestalten als für Übernachtungsgäste“, betont Schützinger. Während Letztere längere Vorlaufzeiten haben, entscheiden Tagesgäste oft kurzfristig. Die Aufgabe: Ergänzungen digital so aufbereiten, dass sie zum richtigen Zeitpunkt ausgespielt werden.

Die neue Studie liegt auf dem Tisch und hat für Aufsehen gesorgt. Die Frage lautet nun: Wie lässt sich Wertschöpfung steigern und Besucherlenkung gestalten? (C) mathis.studio

Erreichbarkeit wichtiger als Angebotsqualität

Eine Erkenntnis der Studie überrascht besonders: Bei vielen Attraktionspunkten ist die Erreichbarkeit das zentrale Besuchsmotiv – noch vor der Angebotsqualität. Der Tipp für Destinationen? Scherer nennt den öffentlichen Verkehr als Hebel: „Wir haben aus dem süddeutschen Raum relativ gute Schienenanbindungen, etwa ins Montafon. Wir haben gute tarifliche Angebote in der Bodenseeregion. Aber diese Leistungen müssen kommuniziert werden.“

Schützinger ergänzt: „Wir haben in Vorarlberg nach Wien das zweitbeste ausgebaute ÖPNV-Angebot.“ Die Einheimischen nutzen es intensiv für den Alltag, sind sich aber zu wenig bewusst, dass es auch für Freizeitzwecke optimal funktioniert. Eine eigene Kooperation mit dem Verkehrsverbund soll das ändern. Zusätzlich arbeitet man an grenzüberschreitenden Angeboten: „Wir können durchgängige Züge organisieren, beispielsweise von Friedrichshafen nach Schruns.“

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Was Hotels betrifft, zeigt sich eine Entwicklung: Die Leute reisen sehr gerne mit dem Auto an, vor allem im Winter. Aber sie lassen es immer öfter stehen, wenn das Angebot vor Ort passt. Schützinger bestätigt: „Bei den Übernachtungsgästen können wir das sehr gut beobachten. Bei den Tagesbesuchern können wir es noch verbessern.“

Deutsche fahren zweieinhalb Stunden für einen Skitag

Die tagestouristische Reichweite unterscheidet sich nach Saison erheblich. Im Winter nehmen deutsche Gäste Anreisezeiten von zwei Stunden und mehr in Kauf. Durchschnittlich fahren sie 149 Minuten für einen Skitag in Vorarlberg. Im Sommer sind es nur 90 Minuten. Bis zu zweieinhalb Stunden – das ist erstaunlich. Schützinger sieht darin aber auch Potenzial für Übernachtungen: „Bei so einer Distanz kann man sich für einen Tag bewegen. Aber man überlegt dann auch, ob man nicht ein verlängertes Wochenende verbringen könnte. Dieselben Personen sind manchmal Tagesbesucher, manchmal Aufenthaltsgäste.“

Die Herkunftsmärkte zeigen klare Unterschiede. Rund 40 bis 50 Prozent der Tagesgäste sind Vorarlberger. Süddeutschland stellt etwa 30 Prozent, die Ostschweiz inklusive Liechtenstein rund 20 Prozent. Gäste aus anderen österreichischen Bundesländern machen weniger als zehn Prozent aus.

Warum Süddeutschland ein viel relevanterer Markt als die Schweiz ist? Scherer erklärt die Konkurrenzsituation: „Auf der Schweizer Seite haben Sie, wenn Sie die Skigebiete wie Silvretta und Montafon vergleichen, mindestens vier oder fünf ähnlich große, ähnlich leistungsfähige Skigebiete in gleicher Entfernung.“ Aus Zürich sei man wahrscheinlich schneller in Davos als im Montafon. „Auf der deutschen Seite haben Sie diese Konkurrenzsituation nicht. Das sind die ersten Skigebiete, die Sie haben.“ Das habe nichts mit dem Preis zu tun, sondern mit der relativen Lage.

Vorarlberg Card künftig auch im Winter?

Als konkretes Steuerungsinstrument hat sich die Vorarlberg Card etabliert. Die Inklusivkarte gilt von Anfang Mai bis Ende Oktober und berechtigt zu einem Besuch in über 80 Ausflugszielen. „Unsere Absicht war, dass die Vorarlberger die Möglichkeit bekommen, das gesamte Land zu entdecken“, erklärt Schützinger. Oftmals kenne ein Einheimischer seinen nächsten Umkreis gut, bewege sich aber selten in andere Gebiete.
Die Studie hat nun gezeigt: Auch im Winter gibt es unabhängig vom Skifahren ein Bedürfnis nach Ausflügen. „Wir denken deshalb laut darüber nach, ob wir dieses Leistungsangebot auch in den Winter erweitern könnten“, kündigt Schützinger an. Das wäre eine direkte Konsequenz aus den Studienergebnissen.