Die Frage war schon lange fällig. Ein Jahr nach dem Neustart des Guide Michelin in Österreich tritt die Branche in eine nüchternere Phase ein. Was haben die Auszeichnungen bisher konkret bewirkt? Wer hat profitiert, wer nicht?

Das Ergebnis ist jedenfalls gespalten: Manche berichten, die Auswirkungen seien kaum spürbar, etwa Harald Irka am Pfarrhof oder Manuel und Lisa Liepert (Lieperts, Leutschach). Da können natürlich geografische Muster dahinter stecken. Während eines Lokalaugenscheins der ÖGZ in der Steiermark bestätigten auch besternte GastronomInnen in den Randlagen nahe Slowenien oder in Kärnten diesen Eindruck: Der erhoffte Zulauf blieb bisher aus. Es gibt aber auch Gegenbeispiele, Florian Wörgötter aus Ligist in der Steiermark etwa. Andreas Döllerer aus Golling in Salzburg benennt den Mechanismus: In der Michelin-App waren er und viele Kollegen bis vor einem Jahr schlicht nicht auffindbar. Im ersten Sommer mit zwei Sternen kamen erstmals internationale Gäste, die wegen der Festspiele nach Salzburg reisten und plötzlich auch das Umland entdeckten, wie er gegenüber der ÖGZ berichtet.
Heinz Reitbauer vom Steirereck wiederum nennt eine Dimension, die in der öffentlichen Debatte selten auftaucht: Mitarbeiterakquise. In dieser Hinsicht sei eine Sterneklassifizierung ein enorm wichtiges Tool. Seine Gäste setzen sich wie folgt zusammen: 30 Prozent international, 70 Prozent deutschsprachig. Die Sorge, durch Michelin-Zulauf die eigene Identität zu verwischen, ist unbegründet.

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Spürbare Wirkung in Wien

Und Sören Herzig (Restaurant Herzig, Wien) spricht von einer „spürbaren Wirkung“ des GM. „Wir merken das insbesondere an einer stärkeren Nachfrage von Gästen aus dem Ausland, sowie einer höheren Vorausbuchungszeit, sagt Herzig gegenüber der ÖGZ.

Andreas Herbst (Restaurant dahoam, Hotel Riederalm, Leogang) sieht das ähnlich: „Wir spüren den Effekt des Guide Michelin sehr deutlich – stärker als erwartet. Seit der Auszeichnung im letzten Jahr verzeichnen wir eine kontinuierliche Steigerung, die wir so nicht erwartet hätten. Besonders auffällig ist der internationale Anteil unserer Gäste: Besucher aus der ganzen Welt finden gezielt zu uns; viele hätten uns ohne den Guide Michelin wohl nicht entdeckt“, verriet er der ÖGZ.

Astrid Steharnig-Staudinger, Geschäftsführerin der Österreich Werbung, hat erstmals Studien in Quellmärkten wie den USA und Belgien in Auftrag gegeben, um den Michelin-Effekt zu messen (siehe auch Kommentar). 70 internationale Journalisten, darunter Vertreter der New York Times, reisten zur diesjährigen Verleihung am Dachstein an; ein Medieneffekt, den kein klassisches Tourismusbudget kaufen könnte.
Gerhard Fuchs, einziger Aufsteiger in die Zweisterne-Liga 2026wird jedenfalls keine Preiserhöhungen und keinen Strategiewechsel anstreben, wie er betont. „Den Rest entscheiden eh die Gäste.“ Vitus Winkler vom Kräuterreich verzeichnet 20 Prozent internationalen Gästeanteil; der Stern habe direkt nach dem Umbau einen spürbaren Zuwachs gebracht.
Alois Rainer, Obmann des Fachverbandes Gastronomie in der WKÖ, setzt den übergeordneten Rahmen: „Die prämierten Köchinnen und Köche sind Botschafter eines kulinarischen Selbstverständnisses, das Österreich international als Genuss- und Qualitätsstandort positioniert. Die Gastronomie stärkt die regionale Wertschöpfung und prägt das internationale Image unseres Landes entscheidend mit.“
Der Befund nach einem Jahr: Es kommt darauf an. Wer in einer touristisch erschlossenen Region arbeitet, eine klare Handschrift hat und in der Michelin-App auffindbar ist, profitiert messbar. Wer in einer Grenzlage ohne Frequenz sitzt, wartet noch. Der Guide öffnet eine Tür, hindurchgehen muss jeder selbst.