Irgendwo in Wien plant gerade jemand, eine Leinwand in den Schanigarten zu stellen. Die Zapfanlage ist serviciert, der Wirt hat sich über Gewerbeordnung und Lautsprecherpegel informiert und weiß trotzdem noch nicht genau, ob er darf, was er vorhat. Nicht jedes Spiel endet vor Mitternacht. Und nicht jeder Behördenentscheid ist so eindeutig wie ein Elfmeterpfiff.

Wenn am 11. Juni die Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko City eröffnet wird, beginnt für die Wiener Gastronomie ein Experiment in Sachen Erwartungsmanagement. Rund 40 Prozent der Betriebe wollen zumindest einzelne Spiele zeigen, wie eine aktuelle Umfrage der Wirtschaftskammer Wien ergibt. Das klingt nach Aufbruchsstimmung. Tatsächlich ist es eher kalkulierter Optimismus, nur leider mit spürbaren Einschränkungen.

Mexiko City ist näher als der Stephansplatz

Dass eine WM in Nordamerika ausgerechnet die Wiener Gastgärten beschäftigt, hat weniger mit Fußballleidenschaft zu tun als mit einem simplen Umstand: Wien ist eine Einwanderungsstadt, und an der diesjährigen Weltmeisterschaft nehmen 48 Nationen teil. Mexiko, Marokko, Senegal, Kroatien: Für einen erheblichen Teil der Wiener Bevölkerung ist der Schanigarten im Sommer das nächstgelegene Stadion. Thomas Peschta, Obmann der Fachgruppe Gastronomie in der Wirtschaftskammer Wien, nennt das explizit als Argument: Die Heimatnationen vieler Bevölkerungsgruppen seien vertreten, das werde für zusätzliche Stimmung sorgen.

Was aus betriebswirtschaftlicher Sicht interessiert, ist aber etwas anderes: Wer Fußball zeigt, verlängert die Verweildauer, erhöht den Getränkeumsatz und bindet Laufkundschaft, die sonst vielleicht fernbliebe. Nach Jahren schwächelnder Konsumlaune, gestiegener Energiekosten und einer Gästeschicht, die sich Auswärtsessen immer öfter abgewöhnt hat, ist jeder kollektive Anlass willkommen. Die WM wäre einer, und zwar für sechs Wochen lang. Tatsächlich hat der Nationalrat genau diese Logik jüngst anerkannt. Alle fünf Parlamentsparteien verabschiedeten einstimmig eine Novelle der Gewerbeordnung, die die zulässige Dauer von Public-Viewing-Veranstaltungen von vier auf sechs Wochen verlängert. Hintergrund: Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 dauert fünfeinhalb Wochen, die bisherige Regelung hätte das Turnier damit rechtlich abgeschnitten. Tourismus-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner betonte dabei, Public Viewing sei nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein kultureller Faktor, denn Gastronomie und Tourismus könnten daraus eine konkrete wirtschaftliche Chance entwickeln.

Die Spielzeiten als Problem

Die Gesetzesänderung ist das eine. Was davon auf der Straße ankommt, ist das andere. Denn die Herausforderung ist weniger die Dauer des Turniers, sondern eher die Uhrzeiten der Spiele.
Österreich hat bei der WM 2026 einen unvorteilhaften Spielplan erwischt: Zwei der drei Gruppenspiele finden mitten in der Nacht statt bzw. frühmorgens nach unserer Zeit. Das Auftaktmatch gegen Jordanien beginnt am 17. Juni um 6:00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit, das abschließende Gruppenspiel gegen Algerien am 28. Juni um 4:00 Uhr. Nur das Duell gegen Argentinien am 22. Juni fällt mit 19:00 Uhr in die klassische Feierabendzone.
Österreich ist damit kein Sonderfall. Der Großteil des Spielplans verteilt sich über sehr unterschiedliche Zeitfenster; Partien, die in Nordamerika am Abend angepfiffen werden, landen in Mitteleuropa in den frühen Morgenstunden. Für Gastronomiebetriebe bedeutet das: Wer möglichst viele Spiele zeigen will, muss sich mit Sperrstundenregelungen auseinandersetzen, die für nächtliche Sportübertragungen nicht konzipiert wurden.

Ein zentrales Thema bleibt die Sperrstunde, wie es in der Wirtschaftskammer Wien heißt. Einige Betriebe haben bereits Anträge auf Ausweitung gestellt. Genehmigungen für Indoor-Veranstaltungen gelten als wahrscheinlicher als für Outdoor-Angebote, vor allem wegen möglicher Lärmbelästigung. Peschta benennt das Kernproblem offen: „Es wäre hilfreich, eindeutige Vorgaben zu haben, etwa ob ein Spiel, das um Mitternacht beginnt, auch komplett gezeigt werden darf. Ohne solche Regeln könnten viele Veranstalter zögern und am Ende könnten Lieferdienste profitieren, weil Fans lieber zu Hause bleiben.“

Vorsicht statt Euphorie

Die Diskrepanz zwischen der offiziellen Stimmungslage und den tatsächlichen Umfragedaten ist bemerkenswert. Die Wirtschaftskammer spricht von „WM-Fieber“; die Zahlen zeigen aber ein deutlich nüchterneres Bild. 40 Prozent der Betriebe wollen zumindest einzelne Spiele zeigen, die Hälfte davon im Gastgarten. Weniger als zehn Prozent planen, alle Spiele zu übertragen. Sowas nennt man branchentypisches Risikomanagement. Denn für viele Betriebe rechnet sich der Aufwand schlicht nicht. Leinwand, Technik, Personal und das für Spiele, die möglicherweise vor leerem Haus laufen, weil das Publikum lieber daheim schaut oder schläft. Peschta formuliert das ohne Beschönigung: „Bei vielen Spielen müssen die Lokale geschlossen sein, einfach aufgrund der Sperrstundenregelungen.“

Dass die Branche dennoch Hoffnung in das Turnier setzt, hat mit dem wirtschaftlichen Kontext zu tun. Viele Menschen hätten sich das Essen gehen schlicht abgewöhnt, sagte Peschta bereits bei seinem Amtsantritt als Gastro-Obmann im Mai 2025. Kostensteigerungen, Fachkräftemangel und überbordende Bürokratie haben laut Peschta viele Betriebe in deutlich schwierige Zeiten geführt. Die WM wäre ein willkommener Ausreißer aus dieser Normalität: ein Ereignis, das Menschen in die Lokale treibt, ohne dass man sie eigens überzeugen müsste.

Wien will feiern, aber bitte leise

Die eigentliche Spannung liegt in der Frage, wie viel kollektives Lebensgefühl eine Stadt zulassen will, die sich gerne international gibt, dabei aber die Lärmschutzverordnung nicht vergisst. Die Novelle der Gewerbeordnung schafft mehr Planungsspielraum für Veranstalter und Behörden, ohne die bestehende Systematik grundlegend zu verändern. Was das konkret für einen Wirt bedeutet, der um 22 Uhr noch zehn Tische draußen hat und gerade das Achtelfinale läuft, bleibt vorerst Interpretationssache.

Beim Donauinselfest wird die Fußball-WM immerhin punktuell eine Rolle spielen: An zwei Abenden werden ausgewählte Spiele live übertragen. Das ist vielleicht noch kein Sommermärchen, aber es ist ein Anfang. Peschta selbst gibt sich optimistisch. Dass Österreich erstmals seit 1998 wieder bei einer Weltmeisterschaft antritt und eine starke Mannschaft stellt, trägt zur Stimmung bei. Dass mehr als 80 Prozent der befragten Wirte an ein Weiterkommen der Nationalelf über die Gruppenphase glauben, sagt auch etwas über das Klima aus: Man hofft auf mehr Spieltage, mehr Anlässe, mehr Frequenz. Die Branche bräuchte ein langes Turnier, aber bitte auch klare Regeln.