Ein Fünf-Sterne-Haus, international bekannt, mit Michelin-Stern, mit prominenter Gästeliste, mit dem Selbstverständnis eines Vorzeigebetriebs. Dann Berichte über Erniedrigungen, sexualisierte Übergriffe, rassistische Aussagen, körperliche Grenzüberschreitungen im Küchenbereich. Vier Führungskräfte sind nicht mehr im Unternehmen, das Prädikat „Ausgezeichneter Lehrbetrieb“ wurde zurückgegeben, Teamcoachings wurden angesetzt. Im Hotel Interalpen in Telfs in Tirol wäre man lieber nicht in den Schlagzeilen.
„Lehrlinge sind Maden“
Tourismus-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner zeigte sich „zutiefst erschüttert“ und sprach von „Null Toleranz gegenüber Übergriffen am Arbeitsplatz“. Die Tiroler Arbeiterkammer bestätigte, betroffene Lehrlinge zu vertreten. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung, strafrechtliche Ermittlungen sind derzeit nicht bekannt. Und dennoch stellt sich die Frage: Wie konnte es so weit kommen?
Was das Magazin Dossier auf Basis von Chatprotokollen, Fotos, Videos und Gesprächen mit ehemaligen Lehrlingen dokumentierte, ist schwer zu ignorieren. Junge Auszubildende berichten von systematischen Beschimpfungen, von entwürdigenden Gruppenchats, von körperlichen Übergriffen und sexualisierten Anspielungen. Eine Mitarbeiterin schildert nächtliche Belästigungen durch einen alkoholisierten Vorgesetzten. Andere berichten von Beschimpfungen wie „Lehrlinge sind Maden“ oder „fette Sau“, von Demütigungen, die offenbar zum Alltag gehörten. Dem Küchenchef sollte man die Frage nach seiner Führungsverantwortung stellen.
Die Reaktion aus Wien war klar formuliert. Es brauche „klare Standards, wirksame Kontrollmechanismen und eine Unternehmenskultur, die Grenzüberschreitungen nicht duldet“, so Staatssekretärin Zehetner. Der österreichische Tourismus stehe für Respekt, Sicherheit und gelebte Vielfalt. Die überwiegende Mehrheit der Betriebe arbeite verantwortungsvoll.
Die entscheidenden Fragen bleiben offen: Wer überprüft regelmäßig die Ausbildungsqualität in großen Saisonbetrieben? Welche unabhängigen Meldewege haben Lehrlinge, wenn direkte Vorgesetzte selbst Teil des Problems sind? Wie oft und wie tiefgehend werden Gütesiegel wie „Ausgezeichneter Lehrbetrieb“ tatsächlich kontrolliert?
Machtzone Küche
Viele Profi-Küchen sind im Brigade-System organisiert: klare Befehlsketten, hoher Leistungsdruck, ausgeprägte Hierarchien. Dieses Modell sichert Qualität und Tempo; es schafft aber auch ein Machtgefälle, das missbrauchsanfällig sein kann. Lehrlinge stehen am unteren Ende dieser Hierarchie. Sie sind abhängig von Beurteilungen, von Empfehlungen, von der Gunst jener, die über ihre berufliche Zukunft entscheiden.
Die große Mehrheit der österreichischen Betriebe bildet seriös aus. Viele Häuser investieren in Führungstrainings, Mentoring-Programme und klare Compliance-Strukturen. Aber Prävention darf nicht vom Charakter einzelner Führungskräfte abhängen. Externe, niederschwellige Anlaufstellen (etwa die Lehrlingsstellen der Arbeiterkammer) sind zentral, aber nicht allen Auszubildenden ausreichend bekannt.