Wien exportiert keine Software. Zumindest nicht mehr, seit Peter Steinberger, der Wiener Entwickler, dessen KI-Agent OpenClaw innerhalb weniger Wochen zu einem der meistdiskutierten Open-Source-Projekte der Welt wurde, kürzlich zu OpenAI nach San Francisco wechselte, weil Europa, so seine eigene Begründung, schlicht nicht mithalten kann. Sam Altman rief persönlich an. Europa schaute zu. So gesehen exportiert Wien also doch: Talente, die anderswo mehr bewegen können.
Was die Stadt hingegen verlässlich und ohne Regulierungsdebatte produziert, ist etwas anderes: Wien tanzt. Und das offenbar so erfolgreich, dass die Nachfrage nach Eintrittskarten für die Ballsaison größer ist als das verfügbare Angebot. 605.000 Besucher zählten die Veranstalter in der Saison 2025/26 (erstmals mehr als 600.000), rund 35.000 mehr als im Vorjahr.
Analoges Geschäftsmodell
Der Umsatz stieg von 205 Millionen Euro auf knapp 240 Millionen Euro. Die Wiener Ballsaison ist das verlässlichste analoge Geschäftsmodell der Stadt. „Die Erwartungen an die Ballsaison waren hoch, und wurden erfüllt. Unsere bereits optimistischen Prognosen wurden sogar leicht übertroffen“, sagt Dominic Schmid, Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer Wien. Das beschreibt tatsächlich eine bemerkenswerte wirtschaftliche Konstante: Die Ballsaison wächst, planbar, preisstabil, hochmargig.
Der wirtschaftliche Kern liegt im Übernachtungsgeschäft. Rund 32 Prozent der Besucher auf den großen Bällen reisen aus dem Ausland an, und mit ihnen kommen Hotelbuchungen für zwei bis drei Nächte, Restaurantbesuche, Taxifahrten, Modeeinkäufe. „Ausländische Gäste kaufen natürlich auch die Balltickets, gehen Essen und nehmen Taxis, so wie die Wiener Ballbesucher. Aber dazu kommen noch die Hotels, und das gleich für zwei bis drei Nächte. Das wirkt sich positiv auf die wirtschaftliche Komponente der Ballsaison aus“, erklärt Schmid.

„Bei der Länderbilanz der ausländischen Gäste führt Deutschland vor der Schweiz, den USA und Japan, dahinter folgen Großbritannien, Kroatien und Italien. Man sieht: Die Wiener Ballsaison ist rund um den Erdball bekannt, wir wissen auch von Ticketverkäufen bis nach Australien“, so Schmid.
Innerösterreichisch hingegen zeigt sich ein anderes Bild. „Aus den Bundesländern kommen weniger Gäste auf die Wiener Bälle“, räumt Schmid ein. Ob Preisniveau oder schlicht mangelnde Zugänglichkeit als Ursache dahinterstecken, bleibt vorerst offen und wäre eine eigene Untersuchung wert.
Das Wienerische als Markenversprechen
Wer verstehen will, was Wien da eigentlich verkauft, sollte Thomas Schäfer-Elmayer befragen. Der Tanzlehrer und Ballexperte gilt als Doyen der Wiener Ballszene und formuliert das Produktversprechen präziser als jede Tourismusstrategie: „Die Strahlkraft Wiens und der Bälle ist ungebrochen und sie wächst weiter. Denn das, was die Bälle so unverwechselbar macht, ist ja das Wienerische: Die Stimmung, der Charme, das Sehen-und-Gesehen-Werden. Wobei mittlerweile ein gewisses internationales Flair auch dazugehört. Es kommt auf die richtige Mischung an und die ist bei jedem Ball eine andere.“
Kapazitätsengpass als Wachstumsgrenze
Hier liegt die strukturelle Crux des Erfolgsmodells: Die Nachfrage übersteigt das Angebot, und das nicht wegen mangelnden Interesses. Schäfer-Elmayer benennt das Problem direkt: „Ich habe selbst jedes Jahr viele Anfragen von Gruppen aus der ganzen Welt. Aber es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Tickets für die Bälle.“
Die Redoutensäle der Hofburg sind seit Jahren nicht bespielbar. Ihre Abwesenheit ist ein wirtschaftliches Problem. Wie viele Tickets dadurch jährlich nicht verkauft werden, wie viele Hotelnächte ausbleiben, wie viel Wertschöpfung die Stadt durch diesen baulichen Engpass verliert? Das ist eine Frage, die bislang kaum öffentlich gestellt wird.