Porträt

Sie will Hotel neu erfinden

Unternehmer
22.03.2022

 
Die Organisationstheoretikerin Silke Seemann baut in Bad Goisern am Hotel der Zukunft. Ihren Gästen im Lesehotel verspricht sie Stille und Entspannung – ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weitreichende Selbstbestimmung
Silke Seemann

Hinter Silke Seemann steht eine massive Steilwand. Dabei handelt es sich nicht etwa um das Dachsteinmassiv, das von den Pano­ramafenstern ihres Hauses aus zu bewundern ist. Seemann posiert vor einem drei Geschoße in die Höhe ragenden Bücherregal.

12.000 Bücher

Eine Kooperative aus einem Desig­ner, Tischler, Statiker und Stahlbauer haben es in die zentrale Treppe integriert. Das Regal trägt nur einen Teil der rund 12.000 Bücher, die Gäste des Lesehotels in Bad Goisern zum Schmökern verführen. Das Lesehotel ist ein sogenanntes Cross-Industry-Innovation-­Projekt. Eine Kooperation mit über 20 Verlagshäusern. Damit ist das Lesehotel ein Unikat in der Hotellandschaft. Warum, Literatur- oder Buchhotels gibt es ja schon zur Genüge? Stimmt, aber dieses Haus ist anders. In jahrelanger Vorausplanung hat die 62-jährige promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und Systemtheoretikerin Seemann all ihr Wissen aus einem extrem vielseitigen Berufsleben vernetzt. 

Jeder Verlag stattet eines der sechszehn Zimmer und vier Suiten kontinuierlich mit Neuerscheinungen aus. Die Bücher liegen am Zimmer, im riesigen Bücherregal im Stiegenhaus und auch sonst überall im Hause verteilt. Man nimmt, was einem begegnet. Anders als in Literaturhotels soll es hier nicht um eine Bühne für das intellektuelle Bildungsbürgertum gehen. „Beim Deep Reading komplexer Inhalte erhole sich unser Gehirn am besten“, zitiert Seemann neue Erkenntnisse aus der Forschung. Anstatt eines energiefressenden Wellnessbereichs bietet sie Stille, Selbstreflexion und Entspannung beim Lesen, und das ohne Ablenkung, wie sie sagt.

Silke Seemann setzt im Lesehotel das um, was sie in ihrer Dissertation theoretisch erarbeitet hat. 
Silke Seemann setzt im Lesehotel das um, was sie in ihrer Dissertation theoretisch erarbeitet hat. 

Wie alles begann

Seemann ist eine Quereinsteigerin. Sie lernte Fotografin in Hamburg, heiratete einen Kameramann, arbeitete mit Filmproduzent Bernd Eichinger in München und entschied sich für das Leben mit ihren Kindern in Hallstatt. Die Idylle des Salzkammerguts veränderte aber keineswegs ihren Tatendrang. Sie lernte Gleitschirmfliegen, machte die Fluglehrerprüfung und begleitete schließlich die österreichische Nationalmannschaft zum Weltcup. Bald darauf organisierte sie als Geschäftsführerin den Paragliding-Worldcup selbst. „Das war für mich die Schule, internationale Organisationen kennenzulernen!“, sagt Seemann.  

Wenig später landete sie mit 38 Jahren erstmals in einem Hörsaal, studierte am MCI Innsbruck und legte 2007 an der Uni Innsbruck ihre Dissertation ab. Thema: Organisationales Spielen in Form gebracht. Ihr Doktorvater war der Soziologe Dirk Baecker, ein Nachfolger des berühmten Systemtheoretikers Niklas Luhmann. Sie arbeitet an Projekten mit Mat­thias Horx und dem Zukunftsinstitut – aber auch dort gingen ihr die Veränderungen nie weit genug, also wurde sie selbst zur Gründerin.

Das Hotel der Zukunft

Dass Seemann heute vor einer steilen Bücherwand steht, hat eine gewisse Symbolkraft. Ihr geht es seit jeher darum, Wände des festgesetzten Denkens einzureißen. Dass sie dies seit 2014 als Hotelière tut, kam eher als zufällige Wendung. Nach ihrer Scheidung baute sie das barocke Familienhaus in Hallstatt zu einem Hotel um. In den dortigen Privatsuiten werde der Komfort eines Hotels mit der Privatheit des Wohnens bei Freunden verbunden, sagt sie. 2022 folgte das Lesehotel auf 1.000 Metern am Predigstuhl in Bad Goisern, das international als Hallstatt Hideaway Mountain vermarktet wird. 

Wir können unsere Unternehmen nicht mehr führen wie vor zehn Jahren, sagt sie. Die Netzwerkgesellschaft verlangt nach anderen Logiken als Industrie- und Wissensgesellschaft. Seemann spricht über Kybernetik, die Systemtheorie Niklas Luhmanns, von Künstlicher Intelligenz und von Blockchain. Ihre Worte sind klar und exakt, in ihren Augen spiegelt sich Neugier und Forscherdrang.

Die Bücherwand als Herzstück.
Die Bücherwand als Herzstück.

Praxisübung

Ihr Ziel: Theorie und Abstraktion mit dem Spezifischen der Praxis zu verbinden. Mit nur sechs Mitarbeitern (plus Backoffice) will sie ihr 42-Betten-Haus in Bad Goisern führen. Digitalisierung ist dabei selbstverständlich – von der Buchung über Check-in bis zum Selbstbonieren. Auch bezahlt wird ausschließlich digital. Die Gäste wählen den Servicegrad situativ und souverän. So können sich die Mitarbeitenden mehr auf die individuellen Bedürfnisse der Gäste konzentrieren, lautet Seemanns Rechnung. 

„Es läuft bei uns selbstorganisiert, wir ersetzen Hierarchie durch Verantwortung“, sagt Seemann ganz selbstverständlich. Unsere Leute arbeiten und entscheiden souverän. Das ist nicht jedermanns Sache, darum arbeiten wir gerne mit Quereinsteigern. Wie für sie die Zukunft der Arbeit aussieht, lässt sich am besten über ein Projekt erklären, das sie gemeinsam mit Florian Mayer von den Familux Resorts entwickelt. Über ein Blockchain-basiertes Tool soll die klassische Arbeitsteilung aufgehoben werden. Tätigkeiten und Aufgaben werden auf einer Art Börse gehandelt werden. Mitarbeiter geben Präferenzen ein und die Künstliche Intelligenz ermittelt das betriebswirtschaftliche Optimum, wobei Mitarbeiter und des Unternehmen gleichermaßen glücklich werden sollen. Unbeliebte Arbeit wird besser bezahlt als beliebte Tätigkeiten. Man gibt dabei an, für welche Aufgaben man zur Verfügung steht (Zimmer reinigen, Fensterputzen …) und auch mit welchen Kollegen und Kolleginnen und zu welchen Zeiten man gerne arbeiten möchte. „Es ist nicht das Problem, manchmal das Klo zu putzen, man will es halt nicht immer machen“, sagt Seemann, die auch mal selbst mit anpackt. „So gestaltet sich jeder Mitarbeiter Tätigkeiten und Gehalt letztlich selbst“, so Seemann. „Aktuell experimentieren wir. Sobald Corona nicht mehr unsere Aufmerksamkeit bindet, steigen wir in die technische Umsetzung ein.“

Wann werden diese Ideen im heimischen Tourismus zum Innovationstreiber? Dazu müssen wohl noch einige Wände niedergerissen werden. 

Steckbrief des Hotels

  • Name: Lesehotel 
  • Ort: Wurmstein 26 in Bad Goisern am Hallstätter See
  • Geschäftsführerin: Silke Seemann
  • Gegründet: 2021
  • Zimmer: 16 plus 4 Suiten (42 Betten)
  • Mitarbeiter: 6 (im Vollbetrieb)
  • USP: Bücher, Bücher, Bücher und ganz viel Stille 

www.lesehotel.at