Wer glaubt, die Amerikaner hätten dem Wein den Rücken gekehrt, der hat die Rechnung ohne die Bank of Montreal gemacht. Die Kanadier finanzieren seit Jahrzehnten kalifornische Winzer und wissen daher genau, wohin das Geld tatsächlich fließt. Ihr aktueller „Wine Market Report“ zeigt: Die US-Konsumausgaben für Wein kletterten 2025 auf über 115 Milliarden Dollar, ein Plus von 3 Prozent. Getrunken wurde trotzdem weniger, schon das zweite Jahr in Folge. Amerika trinkt also seltener, aber teurer, ein Muster, das man auch von der heimischen Marillenernte kennt: Weniger Menge, dafür bessere Preise!

SCHRUMPFENDES KALIFORNIEN

Aus dem Golden State selbst kommt inzwischen um fast ein Viertel weniger Wein auf den heimischen Markt als noch vor zehn Jahren, ein Rückgang, der so manchen Napa-Winzer nachts vermutlich wachhält. Die einstige Boomtown der Neuen Welt kämpft mit Flächenrodungen, Überangebot und einer Kundschaft, die zunehmend anderswo hinschaut. Was diese Kundschaft stattdessen ins Glas füllt, ist die eigentliche Pointe des Reports. Aromatisierter Wein, in den Staaten schlicht „Flavored Wine“ genannt, legte um 12 Prozent zu und kletterte auf über 35 Millionen verkaufte Kisten. Zum Vergleich: Schaumwein, ewiger Liebling der Partygesellschaft, verlor 3 Prozent und landete nur noch bei 31 Millionen Kisten. Der aromatisierte Wein hat den Sekt-Rivalen also glatt überholt. Keine Rede mehr von der biederen Sangria aus Plastikbechern, gefragt sind Cuvées mit Frucht-, Kräuter- oder eben Kaffeenote, wie man sie in Österreich höchstens vom Glühwein-Stand kennt. Für Traditionalisten mag das nach einem Sakrileg klingen, für die Kasse der Winzer klingt es ein wenig nach Rettung. Dass ausgerechnet die Jungen für diesen Umbruch verantwortlich sind, überrascht nur auf den ersten Blick. 45 Prozent der 21- bis 28-Jährigen gaben an, künftig mehr Wein trinken zu wollen, und die Millennials haben die Babyboomer als größte Konsumentengruppe längst überholt. Rob McMillan, der als Gründer der SVB Wine Division seit einem Vierteljahrhundert den Puls der US-Branche fühlt, bringt es lapidar auf den Punkt: „Wein ist, was die junge Zielgruppe sucht, sie weiß es nur noch nicht.“ Sein Rezept dagegen: kleinere Formate, lockerere Anlässe. Halbflaschen etablierter Marken wie Rombauer oder The Prisoner wuchsen 2025 zweistellig, während die klassische, förmlich zelebrierte Verkostung am Weingut zunehmend als Zeitverschwendung empfunden wird. Wer stattdessen mit dem Traktor durch den Weinberg tuckert oder Gäste ihre eigene Flasche in Wachs tauchen lässt, verbucht satte Besucherzuwächse, selbst dort, wo der Tourismus insgesamt schwächelt.

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WAS DAS FÜR DIE WEINKARTE BEDEUTET

Für die Gastronomie hält der BMO-Report noch eine zweite, konkretere Ansage bereit: Statt den boomenden Cocktail im Gastronomiegeschäft (On-Premise) als Konkurrenz zu betrachten, empfiehlt der Report, ihn zum Verbündeten zu machen. Die anhaltende Stärke der Cocktailkarte im On-PremiseGeschäft öffne ein Fenster für weinbasierte Mixgetränke, vom Spritz-Klassiker bis zum Wein-Cocktail mit Kräuterlikör oder Vermouth. Der zweite Hebel, den der Report nennt, betrifft das leidige Problem der offenen Flasche: Neue Verpackungs- und Konservierungsformate sollen glasweisen Ausschank sowohl günstiger als auch hochwertiger machen. Was in den USA als Trend beschrieben wird, ist in der heimischen Gastronomie längst angekommen. Das Coravin-System, erlaubt es, auch teure Flaschen ohne Korkenzug glasweise auszuschenken, die Flasche bleibt dabei monatelang haltbar. Für Weinbars, Hotels und die gehobene Gastronomie bedeutet das: Raritäten und Lagenweine, die bisher nur flaschenweise kalkulierbar waren, wandern nun ohne Verlustrisiko aufs Glasangebot. Am anderen Ende der Preisskala erfüllt der Keg-Wein denselben Zweck: Für Buschenschank, Events oder stark frequentierte Lokale drückt der Fassausschank die Kalkulation pro Glas spürbar, ganz ohne Etikett und Korken. Beide Systeme lösen im Kern dasselbe Problem wie die USHalbflaschen: Sie verkleinern die Einheit, die der Gast bestellen muss, und verringern damit das unternehmerische Risiko, offene Flaschen zu entsorgen oder auf ihnen sitzen zu bleiben. Wer als Gast nicht gleich eine ganze Flasche oder Halbflasche ordern muss, sondern ein einzelnes, verlässlich frisches Glas bekommt, bestellt eher überhaupt einmal etwas Neues.