Der erste Blick auf die Zahlen ist zunächst einmal beunruhigend. Der inländische Bierausstoß in Deutschland ist von über 105 Millionen Hektoliter im Jahr 1993 auf 67 Millionen Hektoliter im Jahr 2024 gefallen. Und die Trendgerade zeigt weiter nach unten. „Das ist nicht eine Entwicklung der letzten drei, vier, fünf Jahre, sondern seit 30 Jahren“, sagte Kilian Kittl, Geschäftsführer der Private Brauereien Bayern vor Journalisten aus Österreich und Tschechien im Prager Brauhaus Pivovar Strahov, wohin die BrauBeviale zu einer Präsentation eingeladen hatte.
Erschwerend kommt hinzu, was eine YouGov-Befragung aus dem Jahr 2025 zeigt: Nur noch 68 Prozent der Deutschen geben an, Alkohol zu trinken; zehn Jahre zuvor waren es noch 78 Prozent. Der Rückgang verläuft dabei quer durch alle Generationen. Besonders auffällig ist der Vergleich zwischen Millennials 2015 und der Generation Z heute: Während die Jungen damals noch zu 81 Prozent sagten, sie trinken Alkohol, sind es heute nur noch 61 Prozent. „Zumindest fehlt mir gerade die Fantasie, warum sich das großartig ändern soll“, formulierte Kittl nüchtern.

Seine Botschaft an die Branche ist dennoch keine des Defätismus: „Wir werden uns dem Schicksal des sinkenden Bierkonsums nicht ergeben, sondern schauen positiv in die Zukunft.“ Was er aber einfordert, ist Ehrlichkeit: gegenüber der Politik, gegenüber den Investoren, vor allem aber gegenüber sich selbst.

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30 Jahre Rückgang und kein Ende in Sicht

Als Co-Chairman der Independent Brewers of Europe, einer Organisation, die sich vor zwei Jahren in Wien gegründet hat, um kleine und mittlere Brauereien auf europäischer Ebene zu vertreten, hat Kittl Ende 2024 eine umfangreiche Umfrage unter Mitgliedsbrauereien initiiert. Die Ergebnisse wurden im März 2025 auf der Beer-X in Liverpool vorgestellt und in einem Report veröffentlicht.
Die Datenlage ist aufschlussreich. Europaweit werden rund 37 Prozent des Bieres kleiner und mittlerer Brauereien in Fässern abgefüllt, in Tschechien sind es 85 Prozent, im Vereinigten Königreich 81 Prozent. Der Grund: die ausgeprägte Pub- und Kneipenkultur in beiden Ländern. Österreich liegt mit 24 Prozent deutlich darunter, weist dafür aber ein ausgebautes Mehrwegsystem auf.

Kilian Kittl erklärt der Presse, warum Bier in 50 Jahren möglicherweise ausgestorben sein könnte (und warum er das trotzdem nicht glaubt).


Bemerkenswert ist jedenfalls der Aufstieg des alkoholfreien Biers: In Österreich ist es bereits unter den drei meistproduzierten Bierstilen, der Ausstoß stieg europaweit um 25 Prozent.
Noch deutlicher wird das Bild, wenn man auf die Vertriebswege schaut. Die wichtigsten Absatzkanäle für kleine Brauereien sind eigene Pubs, Taprooms und Brauereigasthöfe, nicht der Lebensmittelhandel. 39 Prozent der befragten Brauereien betreiben eine eigene Taproom, 27 Prozent besitzen eigene Pubs. „Nicht zuletzt, weil da natürlich auch die Marge am höchsten ist“, ergänzt Kittl der Vollständigkeit halber.

Gastronomie als Hebel

Für die Gastronomie ist das relevant. Kittl verwies auf eine aktuelle Info des deutschen Branchenverbands DEHOGA, die exakt dieses Muster bestätigt: Während die Gastronomie insgesamt unter Druck steht, geht es Brauereigaststätten vergleichsweise gut. Der Grund sei das Erlebnisangebot.
Für Brauereien, die stärker im Handel vertreten sind, sieht die Lage schwieriger aus: Der Wettbewerbsdruck ist größer, die Margen sind geringer, die Abhängigkeit von Konzernen höher. Kittl plädiert deshalb nachdrücklich dafür, Momente zu kreieren statt Produkte zu vermarkten: „Wenn ich es schaffe, die richtigen Momente zu kreieren, dann kann ich vielleicht einmal ein holzfassgereiftes Bier zu gewissen Anlässen bringen. Dann kann auch der Alkohol funktionieren.“
Der bewusste Konsum, so Kittl, sei eine Chance. Wer heute noch nach der Schicht zwei Liter Feierabendbier trinke, sei die Ausnahme. Der Industriearbeiter, der das einst tat, existiere in dieser Form kaum mehr. „Man ist natürlich auch ein bisschen gescheiter geworden im Umgang mit Alkohol.“ Das sei als Marktbedingung zu akzeptieren und zu bespielen.

Eine wichtige Frage stellte die ÖGZ im Vier-Augen-Gespräch mit Kittl: Was, wenn die sinkende Nachfrage nach Bier dadurch beantwortet wird, dass Brauereien ihr Sortiment ausdünnen? Kittl schloss das nicht aus: „Größere Sortenvielfalt heißt größerer Lagerbestand, mehr Kosten. Das zu konzentrieren ist durchaus eine Möglichkeit.“

2078 gibt’s kein Bier mehr. Zumindest wenn man der Regressionsgerade glaubt, was Kilian Kittl ausdrücklich nicht tut, sie aber dennoch jedem zeigt, der es sehen will.

Energiepreise als Hauptproblem, Investitionswille vorhanden

Auf die Frage nach den größten Herausforderungen nannten die europäischen Brauereien in der Umfrage ohne Ausnahme die Energiepreise an erster Stelle. Brauen ist energieintensiv, und seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich die Lage verschärft. Danach folgen Rohstoffpreise, Bürokratiebelastung und die wachsende Dominanz großer Konzerne, die Fragen der Wettbewerbsfairness und des Marktzugangs aufwerfen. Auch Alkoholsteuern sind ein Thema, wenngleich hier die Unterschiede zwischen den Ländern erheblich sind.
Bemerkenswert ist, dass trotz dieser Widrigkeiten ein ausgeprägt positiver Investitionswille erkennbar ist. 45 Prozent der befragten Brauereien erwarten für 2026 einen steigenden Umsatz, nur 30 Prozent rechnen mit einem Rückgang. In Tschechien, wo viele Betriebe von einem niedrigeren Ausgangsniveau starten, sind sogar mehr als 65 Prozent optimistisch. Die meistgenannten Investitionsziele: neue Maschinen, Qualitätssicherung und Innovation. „Wir verkriechen uns nicht“, sagte Kittl, „sondern wir gehen raus und wollen da was machen.“

Kleine Betriebe, große Wirkung

Ein Aspekt, den Kittl besonders hervorhob, ist die soziale Dimension kleiner Brauereien. 75 Prozent der befragten Betriebe engagieren sich in irgendeiner Form für ihre lokale Gemeinschaft, sei es durch Sportsponsoring, Spenden für Kindergärten oder die Organisation von Dorffesten. „Wenn so ein Betrieb wegfällt, fehlt nicht nur ein Arbeitgeber, sondern auch ein Betrieb, der Feste veranstaltet, der die Leute zusammenbringt, der wirklich auch was für das Gemeinschaftsgefühl macht.“ Diese These unterfüttert er mit Zahlen: Die mehr als 3.000 Betriebe, die europaweit mit den Independent Brewers of Europe assoziiert sind, sind ein soziales Netz.
Für die BrauBeviale, die von 10 bis 12. November 2026 in Nürnberg stattfindet, haben diese Erkenntnisse direkten Programmbezug. Energiemanagement, Benchmarking-Tools für kleine Betriebe, alkoholfreie Bierherstellung, KI in der Produktentwicklung: Das Rahmenprogramm spiegelt exakt die Themen wider, die Kittls Datenerhebung als drängend identifiziert hat. Innovationsmotor und Branchentreffpunkt: beides, so der Anspruch, soll die Messe sein.