Es muss irgendwo verloren gegangen sein, irgendwann in den vergangenen 50 Jahren: ein kleines Kneipp-Heftchen, das Anfang der 1970er-Jahre auf dem Schreibtisch eines oststeirischen Tankstellenbesitzers landete und dort offenbar genug Eindruck hinterließ, um ein ganzes Unternehmen umzubauen. Roman M. Wilfinger, der heutige Geschäftsführer der Wilfinger Hotels, hätte es gerne in den Händen gehalten. Er hat selbst danach gesucht. Im Podcast „Tourismus2Go“ (Folge 70) sagt er dazu nur: „Das ist leider nicht mehr vorhanden.“ Eine Firmengründungslegende ohne ihr Gründungsdokument sozusagen, es ist das einzige fehlende Stück in dieser Geschichte.

Denn alles andere an der Wilfinger-Geschichte ist makellos durcherzählt: der Tankstellenbesitzer, der ein gescheitertes Motor-Hotel innerhalb kürzester Zeit zum Kneipp-Kurhaus umfunktionierte, die Bank, die das für unvernünftig hielt, die fünf Jahrzehnte, in denen aus dieser „Schnapsidee“ eine Hotelgruppe mit drei Betrieben und rund 170 Mitarbeitenden wurde. Nur das Objekt, das Kneipp-Heftchen, an dem sich der Ursprungsmythos festmachen ließe, ist weg.

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Der Enkel

Wilfinger führt das Unternehmen seit rund fünf Jahren, seit der Tod seines Vaters ihn früher als geplant an die Spitze brachte. Über diesen Moment spricht er mit einer Offenheit, die in anderen Familienunternehmen selten ist: „Ich bin ein bisschen ins kalte Wasser geschmissen worden, muss ich sagen.“ Kein Pathos, sondern die schlichte Feststellung, dass ihm wenig Zeit blieb, sich auf eine Rolle vorzubereiten, die er nun seit fünf Jahren ausfüllt.

Roman M. Wilfinger und sein Großvater bei der Kräuterernte im Garten der Wilfinger Hotels.
Roman M. Wilfinger und sein Großvater bei der Kräuterernte im Garten der Wilfinger Hotels. © Wilfinger Hotels

Bemerkenswerter als dieser Einschnitt selbst ist, wie Wilfinger seine Position gegenüber dem eigentlichen Hüter des Gründungsmythos beschreibt: seinem Großvater, der wenige Tage vor dem Podcast-Gespräch seinen 96. Geburtstag feierte und nach wie vor täglich im Stammhaus in Hartberg präsent ist. „Mein Großvater, der mittlerweile im 97. Lebensjahr ist, hat doch andere Ansichten als ich. Ich verfolge da einfach andere Ansätze, bin ein anderer Jahrgang.“ Es ist eine spannende Konstellation: Der Mann, der die Firmenlegende verkörpert, sitzt jeden Tag am selben Mittagstisch wie derjenige, der sie weiterführen, aber auch verändern muss. Anfänglich habe es deshalb Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten gegeben, sagt Wilfinger, inzwischen finde man einen für beide Seiten tragfähigen Weg. Tradition und Moderne schließen sich zum Glück nicht aus.

Hier geht es zur Podcastfolge mit Roman M. Wilfinger (Spotify)

Die Konkurrenz, die keine Bedrohung sein darf

Und dann wäre da das Verhältnis zum eigenen Markt. Was Wilfingers Großvater vor fünf Jahrzehnten gegen den Widerstand seiner Hausbank durchsetzte, heißt heute Longevity, Biohacking, Detox; alles Begriffe, die mittlerweile kein Wellnesshotel mehr auslässt. Eine Firma, deren gesamte Identität auf dem Anspruch beruht, die Ersten gewesen zu sein, sieht sich also mit einer Branche konfrontiert, die ihre Differenzierung gerade einebnet. Wilfinger weist das im Gespräch dezidiert von sich: „Wir als Wilfinger Hotels beschäftigen uns ja schon seit Jahrzehnten mit den Themen Gesundheit, Prävention und Regeneration, und das schon lange bevor diese Begriffe wie Longevity oder Biohacking populär geworden sind.“ Die Konkurrenz sieht er in gewisser Weise als Bestätigung: „Je mehr Menschen sich mit diesem Bereich beschäftigen, desto mehr wird das vielleicht auch von Gästen wahrgenommen. Und Konkurrenz belebt sowieso das Geschäft.“ Es ist eine erstaunlich entspannte Position für ein Unternehmen, dessen wirtschaftliche Basis (nach eigener Auskunft rund zwei Drittel langjährige Stammgäste im Hartberger Stammhau) gerade auf jener Exklusivität beruht, die durch die Kopien zwangsläufig kleiner wird. Ob die Gelassenheit tatsächlicher Selbstsicherheit entspringt oder eher der Hoffnung, dass 50 Jahre Vorsprung sich nicht so einfach einholen lassen, bleibt im Gespräch unausgesprochen.

Gesundheitstourismus spricht zunehmend auch jüngere Zielgruppen an.
Gesundheitstourismus spricht zunehmend auch jüngere Zielgruppen an. Davon profitiert auch das Wilfinger Hotel. © Wilfinger Hotels

Drei Häuser, eine Küche

Konkret besteht die Unternehmensgruppe heute aus dem Ring Bio Hotel in Hartberg, dem Bio-Thermenhotel in Bad Waltersdorf, das 1988 als zweiter Standort hinzukam und sich zusätzlich auf mehrwöchige Kuraufenthalte über Sozialversicherungsträger spezialisiert hat, sowie dem benachbarten Thermal-Biodorf mit Ferienhäusern. Während Hartberg vor allem private Gesundheitsaufenthalte bedient, liegt der Schwerpunkt in Bad Waltersdorf zusätzlich auf der Rehabilitation von Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats. Die Klammer über allen Standorten bildet eine lactovegetabile Vollwertküche, die seit fünf Jahrzehnten auf biologische, regionale und zuckerarme Produkte setzt und um Präparate nach Hildegard von Bingen ergänzt wird: Es ist eine bewusst mitteleuropäische Antwort auf den Ayurveda- oder TCM-Schwerpunkt, den andere Gesundheitshotels gewählt haben.

Den meisten Aufenthalten sind heute Arztgespräche vorangestellt, in denen individuelle Ziele festgelegt werden, ergänzt durch Fachvorträge. Der eigentliche Zweck liegt dabei weniger im Aufenthalt selbst als in dem, was der Gast davon mit nach Hause nimmt. „Der Gast ist ja nur in einer sehr kurzen Zeitspanne bei uns“, sagt Wilfinger. „Das Wichtige ist, dass er das dann zu Hause weiterführt und so weiterlebt.“ Aus einer einstigen Kampfansage an die eigene Hausbank ist so, ein halbes Jahrhundert später, ein System geworden: durchorganisiert, ärztlich begleitet, mehrfach zertifiziert. Das verlorene Kneipp-Heftl wäre darin heute vermutlich ohnehin nur noch ein Ausstellungsstück.