Mehr als 200 Gäste aus Tourismus, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Interessenvertretungen folgten der Einladung von Tourismusstaatssekretärin Elisabeth Zehetner zur Präsentation der Vision T nach Schönbrunn. Mit dem Papier liegt erstmals ein umfassendes Zukunftsbild für die Tourismusnation Österreich bis 2035 vor. Im Zentrum steht demnach ein Tourismus, der das ganze Jahr über Wertschöpfung erzeugt, für Betriebe, Beschäftigte, Regionen und Gäste gleichermaßen. Die Strategie verknüpft die Leitgedanken Wertschöpfung, Wertschätzung und Werterhalt mit Zielbildern und Erfolgsindikatoren, die sich messen lassen sollen.
„Die Vision T ist unser gemeinsamer Blick nach vorne. Sie ist das Ergebnis eines breiten Dialogs mit der Branche und gleichzeitig ein klarer Arbeitsauftrag für die kommenden Jahre“, sagte Zehetner anlässlich der Präsentation. Österreich solle bis 2035 zu einer der nachhaltigsten, erfolgreichsten und wertvollsten Tourismusdestinationen der Welt weiterentwickelt werden.
Konkrete Zahlen statt vager Absichten
Die Vision T definiert Zielwerte in drei Bereichen: wirtschaftlich, sozial und ökologisch. Der Tourismusakzeptanzsaldo, also die gesellschaftliche Zustimmung zum Tourismus, soll von derzeit plus 37 auf plus 40 Prozentpunkte steigen. Der Anteil der Nächtigungen außerhalb der vier touristischen Hauptsaisonmonate soll von rund 53 auf mehr als 60 Prozent wachsen.
Walter Veit, Präsident der Österreichischen Hotelvereinigung (ÖHV), sieht in der neuen Zielarchitektur einen Bruch mit der bisherigen Praxis. „Wir hatten Regierungsprogramme mit falschen Zielen, Nächtigungsziele, die noch dazu vollkommen unambitioniert waren. Wir hatten Tourismusstrategien ohne Ziele. Und jetzt haben wir eine Tourismusstrategie der Bundesregierung mit guten, messbaren, ökonomischen, ökologischen und sozialen Zielen“, erklärte Veit. Die ÖHV hatte messbare Zielwerte seit Jahren eingefordert und sieht ihre Handschrift im Strategiepapier wieder.
Im wirtschaftlichen Bereich soll die reale Wertschöpfung um zehn Prozent von 22,6 Milliarden auf über 25 Milliarden Euro steigen. Die internationalen Reiseverkehrseinnahmen sollen nominell um mehr als zehn Milliarden Euro auf über 36 Milliarden Euro wachsen. Die Eigenkapitalquote der Qualitätshotellerie soll von unter 18 Prozent auf über 20 Prozent angehoben werden. Bei der Beschäftigung strebt die Strategie eine Steigerung der Ganzjahresstellen in Beherbergung und Gastronomie von derzeit rund 134.600 auf mehr als 160.000 an.
Im sozialen Bereich soll die Gästezufriedenheit von der Schulnote 1,6 auf 1,5 verbessert werden, ergänzend zum bereits genannten Akzeptanzsaldo. Ökologisch sieht die Vision T eine Erhöhung der Zahl umweltzeichenzertifizierter Betriebe von 814 auf 1.500 vor, der CO2-Ausstoß der Branche soll von rund 310.000 Tonnen auf unter 200.000 Tonnen sinken.
„Diese Ziele schaffen Orientierung für Betriebe und Politik. Die Abkehr von abstrakten Strategien hin zu klaren, überprüfbaren Kennzahlen ist ein wichtiger Schritt und entspricht genau dem Kurs, den die ÖHV seit Jahren einfordert. Jetzt braucht es konkrete Maßnahmen, ausreichende Budgets und konsequente Umsetzung. Die Unternehmen müssen die Verbesserungen spüren. Dann steckt in der Vision T next generation enormes Potenzial“, so Veit.
Regionen als Umsetzungshebel
Auch das Destinations-Netzwerk Austria (dna), die bundesweite Interessenvertretung der österreichischen Tourismusdestinationen, begrüßt die Strategie. Das Netzwerk vereint mehr als 200 Mitglieder und vertritt nach eigenen Angaben rund 97 Prozent der österreichischen Tourismusregionen. Aus Sicht von dna-Präsident Mathias Schattleitner liegt der Erfolg der Vision T wesentlich in der regionalen Umsetzung: „Jetzt kommt es darauf an, die Strategie mit konkreten Maßnahmen zu hinterlegen und in den Regionen zum Leben zu erwecken. Denn die Vision T gibt die Richtung vor, die Regionen werden den Weg gehen.“
Das Destinations-Netzwerk sieht die Destinationen als wichtigen Hebel, weil dort die Herausforderungen und Chancen des Tourismus unmittelbar sichtbar würden und die strategischen Leitlinien im Alltag umgesetzt werden müssten. Besonders positiv bewertet der Verband den Fokus der Vision T auf den Mehrwert des Tourismus für Regionen und Bevölkerung, ein Ansatz, der sich mit den eigenen Arbeiten des Netzwerks zum Destinationsmanagement mit Lebensraumperspektive decke, bei dem wirtschaftliche, soziale und ökologische Aspekte gemeinsam betrachtet werden.
Gewerkschaft vermisst Antworten für Beschäftigte
Deutlich kritischer fällt die Reaktion der Gewerkschaft vida aus. Eva Eberhart, Vorsitzende des Fachbereichs Tourismus, zeigte sich zwar grundsätzlich erfreut über eine Vision zur Weiterentwicklung in Richtung Ganzjahrestourismus und Ganzjahresbeschäftigung. Ihr fehlt im Papier des Bundesministeriums jedoch eine stärkere Fokussierung auf die tatsächliche Lage der Beschäftigten, die laut Eberhart von niedrigen Löhnen und zahlreichen Überstunden an Wochenenden und in der Nacht geprägt sei.
Die Vision T spricht von sinnstiftenden Tätigkeitsfeldern, lebensphasengerechten Arbeitsplatzmodellen und moderner Berufsausbildung zur Mitarbeitergewinnung. Eberhart vermisst dazu einen konkreten Fahrplan: „Schöne Worte allein werden die Branche für die Beschäftigten nicht attraktiver machen.“
Dass die Branche stärker als attraktive Arbeitgeberin auftreten müsse, sei zu begrüßen, so Eberhart. Lebensphasengerechte Arbeitsplatzmodelle mit planbarer Freizeit und flexiblen Arbeitszeiten zu fordern, sei allerdings nichts Neues: „Die Gewerkschaft vida fordert dies seit Jahren bei den Kollektivvertragsverhandlungen.“
Eberhart wandte sich auch gegen die in der Vision T angekündigte Beschleunigung und Entbürokratisierung bei Arbeitskräften aus Drittstaaten. Zusätzliche Saisonnier-Kontingente aus dem Westbalkan und über die Rot-Weiß-Rot-Karte angeworbene Arbeitskräfte aus Drittstaaten führten nach ihrer Einschätzung zu Lohndruck, prekären Bedingungen und dauerhaftem Personalverschleiß in der Branche.
Stattdessen verweist die Gewerkschafterin auf ungenütztes Potenzial am heimischen Arbeitsmarkt: Im Jahresdurchschnitt 2025 waren österreichweit rund 34.900 Personen im Beherbergungsgewerbe und der Gastronomie arbeitslos gemeldet, ein Anstieg der Quote von 12,7 auf 13,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mit attraktiven Angeboten und langfristigen Perspektiven ließe sich dieses Potenzial nach Ansicht von vida besser erschließen als über zusätzliche Zuwanderung in die Branche.