INFLATION

Was tun bei der Teuerung?

Preise
02.06.2022

Von: Daniel Nutz
Energie, Wareneinsatz, Gehälter – alles wird scheinbar teurer. Wie mit diesem Preisdruck umgehen und wie geht es weiter? Wir haben uns acht Fragen gestellt und versucht, diese mit Expertinnen und Experten zu beantworten.
Die Inflation setzt auch die eigenen Preise unter Druck. Steigerungen sind unausweichlich.

Die Welt werde nicht mehr wie zuvor, lautete ein geflügelter Satz, den wir am Anfang der Pandemie oft hörten. Jetzt, gut zwei Jahre später, wissen wir: Er stimmt, leider. Und ja: Es mutet sogar derzeit schlimmer an als damals abgeschätzt. Zeigten sich Gastronomie und Hotellerie in vergangenen Krisen, wie etwa der Weltfinanzkrise, noch unglaublich resistent, scheint nun die Branche im Auge des Zyklons zu sein.

Es stimmt zwar, dass die Lust auf Essen und Urlaub immerwährend ist. Doch was tun bei Betriebsschließungen wie in den vergangenen beiden Jahren? Was tun, wenn gerade jetzt, wo das Geschäft wieder anläuft, eine immense Preissteigerung bei Energie und Nahrungsmitteln jede betriebswirtschaftliche Kalkulation von gestern wieder obsolet macht? Preise weitergeben. Klar, aber wie? Die ÖGZ-Redaktion hat mit einer ganzen Handvoll an Experten gesprochen und zeigt Einschätzungen auf, wie es weitergeht, sowie Wege, wie Unternehmen mit den steigenden Kosten umgehen sollen und wie sie den Gästen höhere Preise am besten kommunizieren können. 

Wie geht es mit der allgemeinen Inflation weiter? 

Gleich vorab, diese schwierige Frage ist derzeit kaum zu beantworten. Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) hat die Teuerungsprognose für 2022 eben erst auf 6,5 Prozent angehoben. Hier sind schon einige Szenarien wie ein Ölembargo gegen Russland berücksichtigt. Derzeit gehen die meisten Experten davon aus, dass die Teuerung hoch bleiben wird. Das liegt daran, dass die erhöhten Einkaufspreise auch weitergegeben werden. Das betrifft auch die Löhne, die in einer solchen Kette an Preissteigerungen irgendwann mitwachsen müssen. Finanzpolitisch kann gegen die Inflation derzeit zudem wenig unternommen werden – weil diese über die hohen Energiepreise importiert wird und auch eine Zinsanhebung durch die Europäische Zentralbank wenig bringen würde. Dennoch ist eine Abkehr von der Null- bzw. Niedrigzinspolitik eine gemachte Sache. 

Erhöhen höhere Zinsen nicht die Wahrscheinlichkeit von Pleiten in der Branche? 

Natürlich. Der massive Anstieg bei den Einkaufspreisen führt zu einem zusätzlichen Liquiditätsbedarf bei den Klein- und Mittelbetrieben. Das zeigt etwa eine Umfrage von Finanzumbudsteam. 85 Prozent der dort befragten Unternehmen sind oder waren gezwungen, zusätzliche Betriebsmittelkredite bei ihren Banken für die Zwischenfinanzierung anzufragen. Die Banken stehen diesen Anfragen aber mehr als reserviert gegenüber. Der Finanzierungsberater Gerald Zmuegg  warnt darum im Gespräch mit der ÖGZ vor einer Kreditklemme. 

Wo liegen die großen Kostenreiber? 

Mittlerweile ist die Teuerung nicht mehr nur durch die hohen Energiepreise begründbar. Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat auch den Lebensmittelsektor getroffen. Derzeit ist noch gar nicht abschätzbar, wie stark die Verknappung am Angebotsmarkt durch die Kriegsfolgen sein wird. Besonders von Preis­erhöhungen betroffen sind derzeit Speiseöle, Mehle, Kaffee und – wegen der Futtermittel – auch Fleisch. Allgemein dürfte der Anstieg dort um die 15 Prozent liegen. In manchen Extremen (etwa bei Produkten direkt aus der Ukraine) kam es schon zu Preisverdoppelungen. Prinzi­piell ließen sich drei unterschiedliche Preistreiber ausmachen, erklärt uns Jochen Kramer, der Geschäftsführer von Salomon Foodworld. Höhere Preise bei Getreide, Ölen oder Geflügel sowie bei energieintensiven Verpackungen (wie etwa Alu) hängen sehr stark am Ukraine-Krieg. Daneben gebe es aber auch immer noch Effekte wegen der Covid-bedingt verzögerten Lieferketten – weil Container in China oder in europäischen Häfen feststeckten. Und dann gebe es noch angebotsbedingte Preisanstiege. Dies ist beispielsweise bei Rindsfaschiertem der Fall. Der Grund: Es wird einfach im Vergleich zur Nachfrage zu wenig produziert. Genau diese Effekte gibt es natürlich auch umgekehrt. So bestätigt Gregor Kadanka, Geschäftsführer des familiengeführten Reiseanbieters Mondial, dass Urlaubsangebote in der Türkei, wo russische und ukrainische Gäste fehlen und das Angebot daher hoch ist, derzeit tendenziell billiger werden. 

Werden die Preise wieder fallen? 

Jochen Kramer von Salomon Foodworld rechnet mit einem Einpendeln der Preise auf hohem Niveau. Das Preisniveau werde allgemein über dem der vergangenen Jahre bleiben. Nur in einzelnen Bereichen, in denen derzeit viele Spekulanten im Markt sind, könnte es wieder runtergehen. Kramer nennt hier etwa Weizen oder Raps. Noch volatiler ist der Energiemarkt. Aufgrund der steigenden Einkaufspreise und dem Abbau der Lagerreserven könnte hier der Fall eintreffen, dass im kommenden Jahr ein weiterer Preisschub kommt. Derzeit wird über die Unsicherheit vieler Betriebe mit undurchsichtigen Angeboten geworben. Die Gastro-Beraterin Bettina von Massenbach rät hier zur Vorsicht (hier geht es zu ihrer Expertise). 

Wie bekomme ich die Kosten in den Griff? 

Was bereits vor der momentanen Krise unter den Tugenden des „ehrbaren Kaufmanns“ zu verstehen war, bekommt jetzt neue Bedeutung. Wer sehr gute Beziehungen zu seinen Lieferanten und Kunden pflegt, hat derzeit bessere Karten. Das heißt auch, dass jetzt der Zeitpunkt wäre, in Lieferantenbeziehungen zu investieren. Vielleicht ist für viele Hotels oder Gastronomiebetriebe genau jetzt der Zeitpunkt, um regionale Lieferantenpartnerschaften aufzubauen und sich hier neu oder besser zu positionieren. Partnerpflege ist aber auch ein Thema der großen Player mit internationalem Netz. „Wir setzen derzeit auf langjährige Partnerschaften mit Vorlieferanten und, sofern möglich, strategische Vorkäufe und Einlagerungen“, erklärt uns Gerald Traxler, der Leiter des Zentraleinkaufs des Großhändlers Kastner. Für die Tourismusbetriebe gilt: An einer Kostenweitergabe wird kein Weg vorbeiführen. Für jedes Unternehmen ist jetzt auszuloten: 1.) Wie hoch kann meine Preissteigerung ausfallen? 2.) Wie schaut es demgegenüber mit meinen Fixkosten aus? Und hier sind wir beim alten Thema Nachhaltigkeit. Energiekosten (weg von Gas und Öl) und Lebensmittel­abfall zu sparen zahlt sich noch mehr aus als früher. 

Ist der Gast bereit, mehr zu zahlen? 

Wie es aussieht, schlägt die Inflation auf alle Branchen und Artikelgruppen durch. Also steigt auch prinzipiell das Verständnis, dass Preise angehoben werden. Hier ist natürlich auch PR wichtig, etwa wenn der ÖHV-Vize Alexander Ipp im ORF eine Steigerung von zehn Prozent den Gästen ankündigt. Prinzipiell sind natürlich jene im Vorteil, die ihre Produkte und Dienstleistungen nicht in erster Linie über den Preis verkaufen, so die einhellige Expertenmeinung. Speziell für die Hotellerie gilt: Mit einer dynamischen Preisstrategie lassen sich auch kurzfristige Kostensteigerungen einfacher an die aktuelle Lage anpassen und in die eigene Preisgestaltung implementieren. Insofern sollten Hoteliers überdenken, ob starre Preislisten noch die richtige Wahl sind. Im F&B-Bereich stellt sich die Frage, ob nicht jetzt der richtige Zeitpunkt ist, auf eine digitale Menükarte umzustellen. Dort lassen sich u. a. auch die Preise einfacher anpassen. 

Werden die Leute auf Konsum verzichten?

Die aktuellen Marktprognosen zeigen beim Tourismus noch keine Nachfrage-Delle. Gerade nach zwei Jahren Teilschließungen und Verzicht wegen der Pandemie gibt es einige Nachholeffekte. Eine längerfristige Prognose fällt aber auch hier schwer. Vergangene Krisen zeigten, dass touristische Ausgaben in unserer gewachsenen Wohlstandsgesellschaft mittlerweile weniger stark gesenkt werden. Aber auch hier gibt es viele Unbekannte. Etwa auch ein mögliches Comeback der Pandemie im Herbst. 

Werden die Gehälter steigen?

Jeder, der gerade sucht, weiß: Die Gehälter sind schon gestiegen! Dieser Effekt der Verknappung des Angebots am Arbeitsmarkt wird natürlich noch durch die Inflation spürbar. Im Mai steigen viele Gehälter durch die kollektivvertraglichen Anpassungen. Doch dabei dürfte es nicht bleiben. „Wir werden alles daran setzen, die explodierende Teuerung in den kommenden Lohnverhandlungen auszugleichen“, erklärt der Fachbereichsvorstand Tourismus der Gewerkschaft Vida, Berend Tusch, gegenüber der ÖGZ. Dass Finanzminister und andere Experten die Gewerkschaften zu Zurückhaltung bei den Lohnforderungen aufrufen, weil damit eine Lohn-Preis-Spirale verhindert werden solle, hält Tusch für „absurd“. Zuerst stiegen immer die Preise und diese seien aktuell stark durch Spekulation und Gewinnmaximierung getrieben, so der Gewerkschafter.