Die VieVinum war immer Leistungsschau, Netzwerkplattform und Exportfenster zugleich. 2026 wirkt die Messe jedoch stärker, denn je wie ein Seismograf für eine Branche in Bewegung. Auffällig ist vor allem die veränderte Haltung vieler junger Produzent:innen. Weniger Lautstärke, weniger ideologische Abgrenzung, dafür mehr Präzision und ein deutlich entspannteres Selbstverständnis. Auch die Sprache verändert sich. Junge Winzer:innen sprechen seltener über Kraft, Konzentration oder Prestige. Stattdessen fallen Begriffe wie Energie, Balance, Herkunft oder Trinkfluss. Das klingt zunächst nach einer Veränderung der Sprache, zeigt aber eine deutlich tiefere Verschiebung innerhalb der Szene. Wein wird zunehmend weniger über Status definiert und stärker über Kontext: Wann wird er getrunken? Mit wem? In welchem gastronomischen Umfeld? WENIGER LAUTSTÄRKE IM GLAS Gerade darin liegt eine der spannendsten Entwicklungen der österreichischen Weinszene. Viele Betriebe arbeiten reduzierter und bewusster als noch vor einigen Jahren. Alkoholwerte sinken teilweise leicht, Holzeinsatz wird subtiler, Extraktion präziser. Besonders bei Weißwein und Rosé zeigt sich ein klarer Trend zu Spannung und Klarheit, allerdings ohne die hochreduktive Stilistik vergangener Jahre. Statt Dichte um jeden Preis stehen Balance, Energie und Kontext im Mittelpunkt. Das passt bemerkenswert gut in eine internatio STILISTISCHE GRENZEN VERLIEREN AN BEDEUTUNG Interessant ist dabei, dass diese Entwicklung nicht zu einer stilistischen Vereinheitlichung führt. Im Gegenteil. Die VieVinum zeigt aktuell eine Szene, die Vielfalt deutlich entspannter zulässt als noch vor wenigen Jahren. Natural Wine ist heute weder Gegenbewegung noch Provokation, sondern Teil eines erweiterten stilistischen Spektrums. Pét Nat steht selbstverständlich neben klassischem Schaumwein, Amphore neben Edelstahl, Skin Contact neben präzise reduk tiv ausgebauten Herkunftsweinen. Die ideologischen. Gerade die jüngere Generation scheint weniger an Kategorien interessiert zu sein als an Ausdruck und Funktion. Viele junge Produzent:innen arbeiten gleichzeitig präzise und experimentell, technisch sauber und dennoch mutig. Genau diese Hybridität macht die österreichische Szene derzeit international interessant. DIE GETRÄNKEKULTUR WIRD BREITER Parallel dazu verändert sich nicht nur der Wein selbst, sondern die Getränkekultur insgesamt. Besonders spannend ist die zunehmende Öffnung Richtung hybrider Kategorien. Die Zone Zero der VieVinum zeigt deutlich, dass alkoholfreie und alkoholreduzierte Getränke längst nicht mehr als Randthema betrachtet werden. Auffällig ist dabei, dass sich der Diskurs weg vom klassischen Ersatzprodukt bewegt. Junge Produzent:innen sprechen zunehmend über Fermentation, Textur und funktionale Getränke statt über reine Weinimitationen. Immer häufiger fällt dabei auch der Begriff „Proxy Drinks“. Gemeint sind Getränke, die nicht versuchen, Wein möglichst exakt nachzubilden, sondern gezielt mit funktionalen Komponenten arbeiten, um Struktur, Länge oder Spannung aufzubauen. Tee, Verjus, Kräuter oder Fermentation werden bewusst eingesetzt, um gastronomische Funktionen zu erfüllen. Gerade international wird diese Kategorie intensiv diskutiert – und auch auf der VieVinum wird sichtbar, dass Österreich beginnt, daran aktiv teilzunehem.
