Wer die BrauBeviale nur mit Sudhäusern, Abfüllanlagen und Co. verbindet, liegt nicht falsch, sieht aber nur einen Teil. Die Fachmesse findet vom 10. bis 12. November 2026 im Messezentrum Nürnberg statt. Sie tritt heuer unter dem Claim „All Beverages, One Future“ an und bezieht damit die gesamte Getränkebranche ein. Für Wirte und Hoteliers liegt der relevante Teil des Geländes am Ende eines langen Weges. Vanessa Kratzer, Marketingchefin der Veranstalterin Yontex, empfiehlt im ÖGZ-Podcast „Tourismus to go“ trotzdem, diesen Weg vollständig zu gehen.
Ihr Rundgang, auf den sie uns mitnimmt, beginnt in Halle 12, der Rohstoffhalle. Von dort führt er über Prozess- und Abfülltechnik, Verpackung und Logistik, IT und Automation sowie Komponenten bis in Halle 6. Dort bündelt die Messe den Bereich Vermarktung und Point of Sale, also jenes Segment, das Gastronomie und Hotellerie unmittelbar betrifft. Glasanbieter sind hier ebenso vertreten wie Gastronomietechnik und klassischer Gastronomiebedarf: „Also wirklich Zelte, Bierdeckel, Biertischgarnituren“, zählt Kratzer auf. Wer vorher die übrigen Hallen durchquert, gewinnt nach ihrer Darstellung einen vollständigen Eindruck davon, wie die Prozesskette der Getränkewirtschaft funktioniert. Neu in Halle 6 ist die Discovery Bar, eine lange Theke mit mehr als 50 Getränken zur Verkostung. Das Angebot umfasst Getränke mit Elektrolyten, Probiotika oder Kollagen, außerdem Infused Water, fermentierte alkoholfreie Getränke und einen Mate-Likör. Der Schwerpunkt liege klar im alkoholfreien Segment. Was wirklich Sinn macht: Die Macher der jeweiligen Produkte sind vor Ort. Start-ups schenken dort ebenso aus wie etablierte Getränkehersteller. Sie wollen mit dem Fachpublikum ins Gespräch kommen und zugleich Rückmeldungen zu ihren Produkten einholen. Clever!
Für Gastronomen liegt der Nutzen darin, Idee und Hintergrund eines Produkts aus erster Hand zu kennen. Das erleichtert später den Verkauf am Gast. „Das ist das, was auch der Hotelier, der Gastronom mitnehmen kann und sagt, Mensch, ich probiere das mal aus in meiner Bar, in meinem Café, in meinem Hotel“, sagt Kratzer.
Hier geht es zur Podcastfolge mit Vanessa Kratzer (Folge 81, Spotify)
Die Öffnung der Messe für weitere Kategorien begründet Kratzer mit dem Konsumverhalten, das sich über alle Generationen hinweg verschiebt. Alkoholfreie Alternativen sind deutlich stärker nachgefragt, von Gin über Bier bis Wein. Ausgereift sind sie unterschiedlich weit: „Da funktionieren manche Getränkearten schon sehr gut“. Bei anderen wiederum wird noch „ein bisschen getüftelt.“ Hinzu kommt das Thema Longevity, also die Frage, wie sich der eigene Körper über Getränke gezielt unterstützen lässt. Gerade jüngere KonsumentInnen achten nach Kratzers Beobachtung stärker auf Inhaltsstoffe und probieren mehr aus. Ihr Schluss für die Branche ist eindeutig: „Da muss der Gastronom und der Hotelier natürlich auch mitgehen.“
Die Zahlen, die Kratzer im Juni bei einer Messepräsentation in Prag vorlegte, stützen diese Einschätzung. In Europa wurden 2025 rund 149 Milliarden Liter alkoholfreier Getränke konsumiert, dem standen 62 Milliarden Liter alkoholischer gegenüber. In Österreich trinkt jeder Einwohner im Schnitt 154 Liter alkoholfreie und 110 Liter alkoholische Getränke pro Jahr. Beim alkoholfreien Bier liegt der heimische Pro-Kopf-Verbrauch mit 3,5 Litern über dem europäischen Durchschnitt von 2,7 Litern. Die Konsequenz für die Messe formulierte Kratzer damals so: „Unser Fokus verschiebt sich ein bisschen weg vom reinen Bieransatz hin zu jeglicher Art von Getränken, aber ohne dass wir unseren traditionellen Messecharakter verlieren.“ Unter dem Schlagwort Functional Beverages sieht Kratzer vor allem die Produzenten gefordert: „Da müssen die Getränkehersteller einfach auch mitgehen.“ Die Messe versteht sie als Plattform, auf der Hersteller beraten, wie sie der veränderten Nachfrage begegnen. Das zeigt sich auch im Rahmenprogramm, das unter dem Leitthema „Time for Opportunities“ steht.
Bier jenseits der eigenen Nische
Zentraler Ort des Programms ist die Main Stage in Halle 9 mit Keynotes, Podiumsdiskussionen und Fachvorträgen. Am Dienstag, 10. November, fragt Charles Nouwen von Peer to Beer unter dem Titel „Going Beyond Beer or Taking Beer Beyond?“, wie anpassungsfähig Bier angesichts der gewachsenen Getränkevielfalt sein muss. Kratzer sieht darin den Kern des diesjährigen Claims. Es gehe darum, „nicht mehr so starr zu sein in seiner eigenen Getränkenische“, und zu prüfen, was sich aus Bier noch entwickeln lässt. Als Beispiel nennt sie die Hopfenlimonade, die es seit einigen Jahren gibt. Am Mittwoch folgt Charles Banks von Thefoodpeople mit „The Beverage Foresight Playbook: Trends, Tensions, and Untapped Opportunities“. Eine Vorschau hatte Banks bereits in Prag gegeben, die ÖGZ fasste sie unter dem Titel „Das Ende des passiven Trinkens“ zusammen. Seine Kernthese: Getränke werden nicht mehr aus Gewohnheit konsumiert, sondern müssen ihren Platz im Alltag der Konsumenten rechtfertigen. Über die Kaufentscheidung bestimmt das jeweilige Bedürfnis, nicht die Kategorie. In Nürnberg soll es nach Kratzers Worten um die Ursachen dieser Verschiebung gehen und um die Frage, wie die Getränkewirtschaft Longevity, Funktionalität und Nachhaltigkeit umsetzen kann.
Die Podien greifen zwei Themen auf, die auch Gastronomie und Hotellerie betreffen. Am Mittwoch, 11. November, vergleichen Produzenten und Verbandsvertreter aus Deutschland, Großbritannien und Litauen die Ansätze zur Zuckersteuer in Europa. In Deutschland ist das ein hoch diskutiertes Thema. Am Donnerstag lädt der Verband Private Brauereien Bayern, ideeller Träger der Messe, zur Diskussion über Erfolgsstrategien kleiner und unabhängiger Brauereien in Europa. Dabei sind unter anderem Akteure aus Italien, Griechenland, Polen und Österreich. Sie sprechen auch darüber, wohin sich das Segment alkoholfreies Bier entwickelt.
Lernen in kleiner Runde
Neben der Bühne setzt die Messe in Halle 9 auf zwei neue Formate. Im Focus Corner vertiefen höchstens 30 Teilnehmende in 90 Minuten jeweils ein Thema. Auf der Themenliste steht unter anderem alkoholfreier Genuss in der Gastronomie. Die Teilnahme ist kostenlos, wegen der begrenzten Plätze rät Kratzer zur Anmeldung: „Es wäre gut, wenn man eine Voranmeldung macht. Die ist kostenfrei!“ Formate dieser Tiefe sind keine Selbstverständlichkeit. Das kennt man nicht von jeder Messe so.
Und welches Getränk würde sie selbst an der Discovery Bar zuerst probieren? Kratzer nennt den Mate-Likör. Auf den sei sie „wahnsinnig gespannt“.
