Für die Bibliothek war kein Geld mehr da. Also zog Eva Eders Wohnzimmer ein. Die Couch aus Wien, der Bauernschrank, ihre Bilder, ihre Bücher. Im ersten Stock des Hotels Blü in Bad Hofgastein, wo sich zuvor Gästezimmer über der Bar befanden, entstand ein Aufenthaltsraum ohne Konsumzwang. Eder wohnte fast vier Jahre daneben. Die Gäste konnten sich dort niederlassen, wo auch gerne die Gastgeberin saß. Man kann diese Geschichte als nette Einrichtungsidee erzählen. Viel spannender ist aber, was sie über ein Hotel verrät: Jemand bringt etwas mit, das über das Kapital für einen Umbau hinausgeht. Einen Geschmack, heute würde man „Style“ sagen, Gewohnheiten, ein Leben. Und lässt andere daran teilhaben. So weit, dass irgendwann die Frage auftaucht, wo das eigene Leben noch Platz hat.
Die Leichtigkeit und die Fachfrau
Dass ausgerechnet ein Hotel ihr neuer Beruf werden würde, war lange eher eine Idee. Als Juristin hatte Eder eine persönliche Exit-Strategie: eine kleine Pension in Oberitalien. Falls sie die Anwaltsprüfung nicht schaffen sollte, würde sie die dafür ohnehin nicht brauchen. Sie schaffte die Prüfung, arbeitete selbstständig und später in einem großen Unternehmen. Irgendwann hatte sie, wie sie sagt, „die Schnauze voll vom Streiten“. Der Gedanke an Italien hielt allerdings der Besichtigung möglicher Häuser nicht lange stand. Mit fast 50 einen unbekannten Beruf beginnen, allein und unter einer fremden Rechtsordnung: Das erschien ihr zu riskant. Ihre Schulfreundin, die erfahrene Hotelière Bibiana Weiermayer-Schmid, bot ihr an, zunächst in ihrem Betrieb in Gastein zu praktizieren. Aus dem Lernen wurde ein gemeinsames Projekt. 2019 kauften die beiden den alten Salzburger Hof; 2021 eröffnete schließlich das Blü.
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Zur Erzählung vom beherzten Quereinstieg passt Frau Eder aber nicht so ganz. Dafür benennt sie ihre damalige Ahnungslosigkeit zu genau. Sie hätte anfangs nicht einmal gewusst, wie viele Weißweingläser sie kaufen sollte. Ihre Freundin kannte Kalkulationen, Lieferanten und Betriebsabläufe. Was sich für Eder leicht anfühlte, beruhte auch auf jenem Wissen, das jemand anderes schon erworben hatte. Dass die Freundin mitunter schlaflose Nächte hatte, erfuhr sie erst viel später. Auch die Eröffnung war mit Schlaflosigkeit verbunden. Das Hotel sollte am 20. Dezember 2020 aufsperren, die Mannschaft war bereit, die Ware eingekauft. Dann wurde aus dem Warten auf die erste Wintersaison ein Warten auf das Ende der cornabedingten Schließungen. Ohne die damalige staatliche Hilfe, sagt Eder, wäre das Blü gar nicht entstanden

Wer das Blü betritt, steht zunächst in oder vor der Bar. Die Rezeption muss man mitunter suchen. Dass Gäste suchen, war nicht die Absicht; dass die Bar zuerst kommt, sehr wohl. Eder wollte einen Treffpunkt für Urlauber und Einheimische. Eine Rezeption gleich beim Eingang hätte für Letztere eine Schwelle geschaffen. Die Anordnung der Räume erledigt hier etwas, das ein freundlicher Willkommenssatz allein kaum leisten kann: Man muss sich nicht erst als Hotelgast ausweisen, um sich angesprochen zu fühlen. Die Öffnung zum Ort setzt sich im Programm des Hauses fort. Mit dem örtlichen Jazzclub organisiert das Blü Konzerte am Kaiser-Franz-Platz, jedes Jahr am 15. August einen offenen Salsa-Kurs. Eder erzählt von ungefähr 100 Menschen, die dort miteinander tanzen. Ein Einheimischer habe ihr einmal gesagt, ihr Haus wirke wie eine Vitamininjektion für den Ort. Was für ein Lob! Dabei folgt sie keineswegs jedem eigenen Wunsch. Ein Adults-only-Hotel könnte sie sich persönlich vorstellen. Für das Haus mit seiner öffentlichen Gastronomie mitten im Ort hält sie es für unpassend. Das ist eine aufschlussreiche Einschränkung ihres Bekenntnisses zur Authentizität: Der eigene Geschmack gibt eine Richtung vor. Der Standort hat aber trotzdem noch ein Wörtchen mitzureden.
Die Bücher mussten wieder ins Leben
Auch die Lesungen entstanden aus einem sehr persönlichen Mangel. Eder las im Zuge ihrer Arbeit immer weniger. Das Tagesgeschäft nahm ihr Zeit und Muße. „Ich möchte daher das Lesen wieder in meinen Beruf integrieren“, beschreibt sie den Gedanken dahinter. Über eine Jazzsängerin lernte sie Petra Hartlieb kennen. Die Buchhändlerin und Autorin kuratiert nun die „BücherBühneBlü“. Die ersten beiden Lesungen zogen nach Eders Angaben einmal deutlich mehr als 100, einmal deutlich mehr als 60 Menschen an. Auch Besucher aus den Nachbarorten kamen. Aus dem Wunsch, selbst wieder mehr zu lesen, war ein Angebot geworden. Mit den ersten Lesetagen vom 4. bis 8. November 2026 soll daraus nun auch ein Anlass für einen Aufenthalt werden. Vorgesehen sind gemeinsames stilles Lesen, Gespräche, Bewegung und Begegnungen mit Hartlieb und Autorin Vea Kaiser.
Betrieblich ist das spannend: Ein vorhandener Raum bekommt eine neue Funktion, die ruhigere Saison zusätzlich eine eigene Qualität. Noch ist damit kein wirtschaftlicher Erfolg der Lesetage bewiesen. Aber der Grund für die Reise lässt sich klar benennen. Die Gäste sollen etwas tun können, wofür ihnen zu Hause dieselbe Muße fehlt wie zuvor ihrer Gastgeberin.
Manche kommen schon zum siebten Mal. Eder freut sich, als kämen Freunde. Den Unterschied behält sie trotzdem im Blick: „Es sind nicht meine Freunde, es sind meine Kunden.“ Die viele Anerkennung im Hotel sei schön. Ein Privatleben ersetze sie nicht. „Wenn ich das Hotel nicht mehr mache, dann sind die auch weg“, sagt sie. Ein nüchterner Satz für eine Frau, die ihre Wohnzimmercouch ins Hotel gestellt hat. Aber sie war ja auch einmal Anwältin.
