Fast jeder zweite der befragten Ausbildungsbetriebe würde sicher mehr Lehrlinge aufnehmen, wenn genügend geeignete und interessierte Jugendliche verfügbar wären. Weitere 22 Prozent könnten sich das zumindest vorstellen. Das zeigt der vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) und dem Österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung (öibf) erstellte Bericht zur Jugendbeschäftigung und Lehrlingsausbildung 2024–2025, der am Mittwoch im Nationalrat behandelt wurde. Die Zahlen widersprechen der Vorstellung, der Fachkräftenachwuchs scheitere vor allem an mangelnder Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen. Viele Betriebe würden ihre Ausbildungsleistung gerne ausweiten. Nur fehlt ihnen der Nachwuchs dafür.
Besonders schwierig ist die Suche nach Köchen
Die Lage ist gerade für Gastronomie und Hotellerie angespannt. In der Unternehmensbefragung aus dem Frühjahr 2025 berichteten rund 69 Prozent der Betriebe dieser Branche von einem starken oder eher starken Arbeits- und Fachkräftemangel. Bei den einzelnen Berufsfeldern stand Koch beziehungsweise Köchin inklusive Küchenpersonal an der Spitze der Rekrutierungsschwierigkeiten. Auch Restaurantfachkräfte zählen zu den besonders schwer zu findenden Beschäftigten. Gleichzeitig schrumpft die Zahl der Lehranfänger. Österreichweit befanden sich Ende 2025 nur noch 30.652 Jugendliche im ersten Lehrjahr, der niedrigste Wert seit Jahrzehnten. Die Gesamtzahl der Lehrlinge sank auf 102.878. Auch die Zahl der Lehrbetriebe erreichte mit rund 25.000 einen Tiefstand.
Dabei sind gerade kleinere Betriebe auf die Möglichkeit angewiesen, ihre künftigen Fachkräfte selbst auszubilden. Wer diese Aufgabe übernimmt, investiert Arbeitszeit erfahrener Mitarbeiter, organisiert die Ausbildung und trägt Verantwortung für junge Menschen. Die Lehre ist damit eine Leistung des Unternehmens.
Warum Lehrverhältnisse früh enden
Der Bericht enthält allerdings auch Zahlen, die nachdenklich stimmen. In der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft erfolgten 2025 rund 41 Prozent der erfassten vorzeitigen Lehrvertragslösungen während der Probezeit. Im österreichweiten Durchschnitt waren es 31 Prozent. Die Zahl bedeutet keineswegs, dass 41 Prozent aller begonnenen Lehrverhältnisse in der Branche scheitern. Erfasst wird vielmehr, welcher Anteil der vorzeitigen Vertragslösungen auf die Probezeit entfällt. Auch lässt sich daraus nicht ableiten, ob die Initiative zur Beendigung von den Jugendlichen oder den Unternehmen ausging. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Stimmen die Erwartungen junger Menschen mit der beruflichen Realität überein? Haben Jugendliche vor ihrer Entscheidung ausreichend Gelegenheit, die Arbeitswelt kennenzulernen? Und bekommen Ausbildungsbetriebe genügend Unterstützung, um Berufseinsteiger erfolgreich zu begleiten?
Viele Betriebe würden gern mehr ausbilden
Die wichtigsten Zahlen
Betriebe würden mehr ausbilden
Weitere Betriebe grundsätzlich offen
Fachkräftemangel in der Branche
Unfreiwillige Überstunden
Bundesweite Lehrlingszahlen
Lehranfänger auf Tiefstand
Gesamtzahl sinkt
Auch Betriebe auf Tiefstand
Was das für Gastronomie und Hotellerie bedeutet
Die Probleme
- Köche zählen zu den am schwierigsten zu besetzenden Berufen.
- Auch Restaurantfachkräfte sind schwer zu finden.
- Viele Lehrverhältnisse enden früh, oft schon in der Probezeit.
- Arbeitszeiten bleiben ein sensibler Punkt.
Der unternehmerische Blick
- Viele Betriebe wollen ausbilden, finden aber zu wenige passende Bewerber.
- Lehre bedeutet Investition in Zeit, Betreuung und Verantwortung.
- Gerade kleinere Betriebe sind auf verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen.
- Mehr Ausbildungsplätze braucht mehr Berufsorientierung, Unterstützung und praktikable Regeln.
Nicht weniger Wille, sondern eine größere Lücke
Ein weiterer Punkt betrifft die Arbeitsbedingungen. Laut dem im Bericht ausgewerteten Lehrlingsmonitor geben 15 Prozent der befragten Lehrlinge im Bereich Tourismus und Gastgewerbe an, unfreiwillige Überstunden zu leisten. Dieser Anteil liegt über dem branchenübergreifenden Durchschnitt. Das ist ernst zu nehmen, rechtfertigt aber kein pauschales Urteil über die Ausbildungsbetriebe. Die Befragung beschreibt Erfahrungen von Lehrlingen, nicht die Arbeitsweise jedes einzelnen Unternehmens. Österreichweit zeigt sich jedenfalls eine Verbesserung: Der Anteil der Lehrlinge, die regelmäßig Überstunden leisten, ist seit 2015 von ungefähr einem Drittel auf knapp ein Viertel gesunken. Das Thema tangiert aber noch eine andere Frage: Wie lässt sich eine Ausbildung in einer Branche organisieren, deren Arbeitsaufkommen von Saisonspitzen, Wochenenden und Gästefrequenzen geprägt ist?
Auch im Nationalrat wurde darüber gestritten. Die FPÖ forderte flexiblere Arbeitszeitmodelle für minderjährige Lehrlinge, etwa im Zusammenhang mit der Vier-Tage-Woche. Der entsprechende Entschließungsantrag fand keine Mehrheit. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer sprach sich dafür aus, pragmatisch über flexiblere Modelle nachzudenken. Andere Abgeordnete warnten vor einer Schwächung des Jugendschutzes.
Die Studienautoren empfehlen unter anderem flexiblere Ausbildungskonzepte, bessere Berufsorientierung, Unterstützung bei überregionalen Lehrstellen und zusätzliche Begleitangebote für Jugendliche. Das ist gerade für die Tourismuswirtschaft von Bedeutung. Ein Hotel in einer westösterreichischen Tourismusregion kann einen Bewerbermangel nicht allein mit größerer Ausbildungsbereitschaft beheben. Wenn geeignete Jugendliche anderswo wohnen, stellen sich auch Fragen nach Mobilität, Unterkunft und Betreuung.
Wer mehr Ausbildungsplätze will, muss die Unternehmen in die Lage versetzen, diese auch anzubieten. Dazu gehören verlässliche Rahmenbedingungen, praktikable Arbeitszeitmodelle innerhalb des Jugendschutzes und eine Berufsorientierung, die jungen Menschen ein realistisches Bild der Branche vermittelt.
