Es ist ein Bild, das manchen Menschen offenbar Angst macht: Ein Gast will im Restaurant bezahlen, auf dem Display des Kartenterminals, das ihm die Servicekraft entgegenhält, leuchten fünf, zehn oder 20 Prozent Trinkgeld auf, daneben ein Knopf für „kein Trinkgeld“. Für die deutsche Verbraucherzentrale ist das kein harmloser Bezahlvorgang mehr, sondern ein Angriff auf die Willensfreiheit des Gastes. „Es muss auf den ersten Blick erkennbar sein, wie Gäste Trinkgeld ablehnen oder die Höhe selbst festlegen können“, fordert Verbandschefin Ramona Pop und verlangt ein Verbot „manipulativer Designtricks“ auf europäischer Ebene, wie sie sonst Webseiten oder Apps unterstellt werden.
In Deutschland rückt also die Größe eines Prozent-Buttons auf einem Kartenterminal ins Zentrum der öffentlichen Empörung. Dass auf besagten Geräten ein Feld für „freie Eingabe“ oder „kein Trinkgeld“ ebenso existiert wie die voreingestellten Prozentsätze, wird zwar nicht bestritten; es sei nur, so die Kritik, weniger auffällig platziert. Eine steile These für einen Vorgang, der im Zweifel zwei Sekunden dauert.
Was ist da los?
Redlicherweise muss man der eigenen repräsentativen Forsa-Umfrage des Verbands zugestehen, dass sie das Bild differenzierter zeichnet, als die Empörung vermuten lässt. Befragt wurden vom 3. bis 5, August 1.009 Personen. Demnach fühlt sich gut die Hälfte durch die Gestaltung der Terminals zum Trinkgeldgeben gedrängt, davon 36 Prozent voll und ganz, 16 Prozent eher. Dem stehen 42 Prozent gegenüber, die sich nicht gedrängt fühlen – eine Mehrheit, die in der Aufregung gerne untergeht. Auch eine Bitkom-Erhebung unter 1.004 Befragten, die im Frühjahr vorgestellt wurde, fiel gemischt aus: 29 Prozent fanden voreingestellte Trinkgeldoptionen praktisch, 64 Prozent gaben an, durch Vorschläge im Zweifel mehr zu zahlen als geplant. Ob das nun Manipulation ist oder schlicht die Wirkung von Vorschlägen, wie wir sie alle aus dem Alltag kennen (z. B. ein Rabattschild oder eine „Zwei-für-eins-Aktion“ im Supermarkt), bleibt eine Interpretationsfrage.
Aus Sicht der Branche ist die Sache ohnehin weniger dramatisch. Der Rechtsexperte des Deutschen Hotellerie- und Gastronomieverbands, Jürgen Benad, verweist laut APA auf einen Trend: „Immer mehr Menschen sind bargeldlos unterwegs und bezahlen mit der Karte oder dem Handy.“ Die Trinkgeld-Funktion in Kartenterminals sei schlicht eine zeitgemäße Antwort darauf, dass in vielen Lokalen längst die bargeldlose Zeit angebrochen ist. Dass am Ende trotzdem der Gast entscheidet, betont Benad ausdrücklich: „Ob und in welcher Höhe ein Gast Trinkgeld gibt, bleibt jedoch stets eine persönliche Entscheidung.“ Wer nichts geben wolle, könne das jederzeit tun. Sein Fazit: „Trinkgeld ist und bleibt ein freiwilliges Dankeschön des Gastes.“
Der eigentliche Streitpunkt
Bemerkenswert unaufgeregt äußert sich auch die deutsche Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, die man in dieser Debatte eher auf Seiten der Kritiker vermuten würde. Vorsitzender Guido Zeitler hält digitale Trinkgeldfunktionen für unumgänglich, weil „immer mehr Gäste mit Karte zahlen und sonst teilweise gar kein Trinkgeld geben würden“. Das ist ein Punkt, den ausgerechnet die Terminal-Kritiker gerne übersehen: Ohne die inkriminierten Buttons käme bei vielen Beschäftigten schlicht weniger an, nicht mehr. Zeitlers eigentliche Forderung zielt denn auch nicht auf ein Verbot, sondern auf Transparenz bei der Auszahlung: Digital gegebenes Trinkgeld müsse „genauso wie Bargeld vollständig, transparent und nachvollziehbar bei den Beschäftigten“ ankommen. Ein Anliegen, dem sich wohl kein seriöser Betrieb verschließen würde.