Zwei Wochen vor der Eröffnung des Eurovision Song Contest 2026 wurde die Wiener Stadthalle vollständig abgeriegelt. Von diesem Zeitpunkt an musste jede Lieferung kontrolliert werden, ein Rucksack ebenso wie ein Lastwagen, Sprengstoffhunde inklusive. Mitarbeitende benötigten eine polizeiliche Überprüfung, die im Schnitt zwei bis sieben Tage dauerte. Kurzfristige Aushilfen gab es de facto nicht mehr. „Da hätte ich niemanden mehr reinbringen können, das wäre sich nicht ausgegangen“, sagt Christian Chytil, Geschäftsführer von Impacts Catering, einem der führenden Eventcaterer Österreichs im Podcast Tourismus To Go (Folge 71).
Der Satz markiert eine Distanz, die größer kaum sein könnte: zwischen dem Unternehmer, der mit 20 Jahren erklärte, er baue seine Firma so, dass er sie binnen drei Monaten schließen könne, und dem Geschäftsführer, dessen größter Auftrag heute an einer 780-Stundenschichten umfassenden, minutiös dokumentierten Personallogistik hängt. Diese Verschiebung, von maximaler Reversibilität zu maximaler Bindung, ist keine Randnotiz seiner Biografie, sondern ihr eigentliches Thema.

Verwaltung versus Kochkunst

Chytil beschreibt den Kern seines heutigen Geschäfts nicht als kulinarische, sondern als administrative Leistung. Der Verwaltungsaufwand pro Mitarbeiter habe sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Vor der Corona-Pandemie etwa genügten anderthalb feste Ansprechpartner, um binnen zwei Wochen 130 Kellner für eine Gala zu mobilisieren. Heute sind dafür vier Vollzeitkräfte und eine kostspielige Personal-Software notwendig, dazu die doppelte bis dreifache Zahl an Kontaktversuchen für dieselbe Zusagequote. Die Personalabteilung zählt inzwischen sechs Festangestellte. Für jede noch so kurze Beschäftigung, etwa eine Vierstundenschicht in der Küche, sind heute mehrere digitale Unterschriften Pflicht, von der Messerschulung bis zur Hygieneunterweisung. „Sonst hat das Arbeitsinspektorat ein Problem, oder das Marktamt“, sagt Chytil.

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Diese Entwicklung reicht bis in die Gründungsjahre zurück. Um das Jahr 2000 hätten viele Wettbewerber Beschäftigte auf Basis von Honorarnoten geführt, ein Modell, das Gebietskrankenkassen und Prüfbehörden zunehmend sanktionierten. Impacts Catering habe früh auf korrekte, kollektivvertragliche Anstellung umgestellt, mit dem entsprechenden bürokratischen Mehraufwand. Der Bruch zur Vorphase kam mit der ersten eigenen Küche, gebaut im Umfeld der Fußball-Europameisterschaft 2008: Bis dahin hatte das Unternehmen Kochleistung zugekauft und war strukturell flexibel geblieben. Mit einer eigenen Produktionsstätte kamen Personalstrukturen, Warenwirtschaft für verderbliche Lebensmittel und eine juristische Realität, die sich mit informellen Vereinbarungen nicht mehr vertrug.

Wie aus einem Ball ein Geschäftsmodell wird

Dass Chytil überhaupt in diese Position hineinwuchs, lag ursprünglich an persönlichem Vertrauen. Mit 19 Jahren, noch Schüler an der Wiener Hotelfachschule Modul, organisierte er den ersten Wiener Tourismusball, nachdem der Schule selbst die Ausrichtung untersagt worden war. Kalkuliert war eine Auslastung von 400 Gästen, tatsächlich kamen 1.600. Er gewann den Küchenchef des Vienna Hilton für die Ausrichtung, verhandelte mit Getränkesponsoren und organisierte die Disco im Untergeschoss selbst, weil dort der Umsatz lag. Die nächsten Aufträge kamen über genau diese Art persönlicher Beziehungen: Der Vorsitzende des Europäischen Radiologenkongresses, den Chytil als Praktikant kennengelernt hatte, engagierte ihn für die Organisation der Kongress-Rahmenprogramme. Über diesen Kontakt entstand später die Verbindung zum Wiener Lifeball, dessen gastronomische Koordination im öffentlichen Raum rund um das Rathaus Chytil über Jahre ehrenamtlich übernahm.

Impacts Catering
Großeinsatz: 7.000 Gäste wurden beim ESC 2026 verköstigt. © Impacts Catering

Was hier als Improvisationstalent begann, ist beim Song Contest zu Systemkompetenz geworden: 782 Schichten, mehr als 220 individuelle Namen im Personaleinsatz, eine eigene CO2-Bilanzierung des Events, eine Menülinie nach Vorgaben des ORF zu Green-Meeting-Richtlinien und regionalem Bio-Anteil, umgesetzt in einer Behelfsküche in einem ehemaligen Möbellager. Der Unterschied zwischen dem 19-Jährigen im Sofiensaal und dem Geschäftsführer in der abgeriegelten Stadthalle liegt in der Fähigkeit, Regularien nicht als Hindernis, sondern als Geschäftsgrundlage zu behandeln.

Risiko als Kalkül

Dieselbe Logik erklärt, warum Chytil bei Nachhaltigkeit zu den Frühstartern zählte. Elektroauto seit zwölf Jahren, Photovoltaik seit 15, zu Zeiten, in denen sich beides betriebswirtschaftlich kaum rechnete. „Ich bin kein Ökoterrorist, sondern jemand, der einfach nachdenkt“, sagt er dazu. Der Satz beschreibt wohl ein unternehmerisches Prinzip: Risiken und Auflagen früh antizipieren, bevor sie zur verpflichtenden Kalkulationsgrundlage werden. Das ist dieselbe Denkweise, mit der Chytil heute Personalverwaltung, Sicherheitsauflagen und Zertifizierungen behandelt.

Angehenden Gründerinnen und Gründern rät er entsprechend nüchtern: zuerst ein Stammkunde mit wiederkehrendem Auftragsvolumen, dann ein Team, erst danach die Infrastruktur. Es ist ein Rat, der die eigene Geschichte auf den Kopf stellt, denn Chytil selbst begann in umgekehrter Reihenfolge, mit einem Faxgerät und dem Vorsatz, jederzeit wieder aufhören zu können. Dass daraus ein Unternehmen wurde, das genau von der Unmöglichkeit lebt, einfach aufzuhören, ist die eigentliche Pointe seiner Karriere.

Mehr zu Christian Chytil und Impacts Catering: www.impacts.at
Mehr zu Webrestaurant.at, dem zweiten Standbein von Impacts Catering: www.webrestaurant.at