Der Preismonitor der Arbeiterkammer Wien, erhoben zwischen 19. Juni und 8. Juli 2026, kommt zu einem plakativen „Ergebnis“: Nur drei von 30 untersuchten Restaurants und Kaffeehäusern servieren Leitungswasser grundsätzlich kostenlos, 23 Betriebe verrechnen es auch dann, wenn Gäste zusätzlich essen oder andere Getränke bestellen. Für einen halben Liter werden zwischen 0,80 und 3,60 Euro verlangt, für einen viertel Liter zwischen 0,40 und 1,80 Euro.

Was in der Debatte im sommerlichen Wien weitgehend unterging: 30 Betriebe entsprechen bei rund 8.000 gastronomischen Standorten in Wien einem Anteil von deutlich unter einem Prozent. Wie die Lokale ausgewählt wurden, nach welchen Kriterien Bezirke, Betriebstypen oder Preissegmente einbezogen wurden, teilt die AK in ihrer Veröffentlichung nicht mit. Thomas Peschta, Sprecher der Wiener Wirte in der Wirtschaftskammer Wien, hält diese Vorgehensweise für methodisch nicht haltbar: 30 Lokale willkürlich herauszusuchen und das als seriöse Stichprobe zu bezeichnen, sei eine Katastrophe, bei 8.000 Betrieben in Wien, wie er gegenüber der ÖGZ sagt.

Exklusives Adults-only-Resort mit Karibik-Flair

Auch die von der AK selbst gezogene Vergleichslinie relativiert die Dramatik der Botschaft. Gegenüber der letzten Erhebung aus dem Jahr 2014 seien die Durchschnittspreise für einen halben Liter Leitungswasser um 47,5 Prozent gestiegen, von 1,39 auf 2,05 Euro. Die allgemeine Inflation legte im selben Zeitraum um 44 Prozent zu. Die Differenz zwischen beiden Werten ist also praktisch vernachlässigbar, wurde aber in keinem der Medienberichte berücksichtigt. Kein Wunder, „bis zu 3,60 Euro“ klingt auch besser. Rechtlich ist die Sache ohnehin unstrittig: Ist der Preis in der Speise- oder Getränkekarte ausgewiesen, dürfen Gastronomiebetriebe Leitungswasser verrechnen. Eine Pflicht zum Gratisglas besteht nicht.

Thomas Peschta, Wirteobmann.
Thomas Peschta: „Medien springen auf das Wirte-Bashing auf.“ © WK Wien

Die Kronen Zeitung geht in ihrer Berichterstattung einen Schritt weiter und lässt Gastronominnen und Gastronomen aus mehreren Bundesländern selbst zu Wort kommen, von einem steirischen Kellner, der Wasser nur bei reinen Wasserbestellungen verrechnet, bis zu einem Wiener Wirt, der 40 bis 60 Cent für angemessen hält. Doch auch die Krone bettet die AK-Zahlen ohne eigene methodische Prüfung ein und verstärkt die Zuspitzung zusätzlich durch eine Leserumfrage mit suggestiver Fragestellung, ob mehr als drei Euro „zu weit“ gingen, bei der 87 Prozent mit Ja stimmten. Eine repräsentative Erhebung ist das ebenso wenig wie die ursprüngliche AK-Stichprobe, präsentiert wird sie im Artikel dennoch als Beleg für breiten gesellschaftlichen Unmut. Wirtesprecher Thomas Peschta sieht darin ein grundsätzliches Problem der Branchenberichterstattung: „Viele Medien übernehmen diese Meldung der AK und springen so auf das Wirte-Bashing auf.“

Wer zahlt, wer verdient, wer entscheidet

Hinter der Preisdebatte steckt eine grundsätzlichere Frage, die in der bisherigen Berichterstattung ausgeblendet blieb. Aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht ist Leitungswasser nicht kostenlos: Bedienung, Gläser, Reinigung und Energie fallen an, selbst wenn der Rohstoff selbst günstig ist. Die Arbeiterkammer beziffert die Kosten für 1000 Liter Leitungswasser mit 2,27 Euro, die Kronen Zeitung nennt kommunale Tarife zwischen 1,40 und 2,50 Euro je Kubikmeter zuzüglich Grund- und Zählergebühr. Der reine Wasserpreis ist nicht der relevante Kostenfaktor.

Die Frage lautet, ob Gäste tatsächlich nicht mehr in der Lage sind, selbst zu entscheiden, wo sie konsumieren, oder ob Konsum zunehmend nur dann als akzeptabel gilt, wenn zuvor etwas kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, das der Wirt zu tragen hat. Die mediale Berichterstattung blendet dabei die betriebswirtschaftliche Realität hinter dem Ausschank aus und fragt nicht, warum eine Momentaufnahme aus 30 Lokalen zur bundesweiten Nachricht wurde, während Gegenrechnung, Kosten, Servicequalität und rechtliche Zulässigkeit kaum vorkommen. Willkommen im Sommerloch.