Wer gehofft hatte, der Eurovision Song Contest würde Wiens Hotels einen außerordentlichen Umsatzschub bescheren, wird von Norbert Kettner auf den Boden der Tatsachen geholt. Der Geschäftsführer des WienTourismus, zugleich städtischer ESC-Koordinator, hat in der ORF „ZiB 2″ klare Worte gewählt: „Das unmittelbar große Geschäft allein in der Hotellerie wird daraus nicht generiert werden.“ Damit bestätigt Kettner jene Linie, die sein Haus bereits im Vorfeld kommuniziert hatte. Man habe, so Kettner, „immer vor Goldgräberstimmung gewarnt“ und als Illustration dessen, was gemeint ist, nennt er ein konkretes Bild: Schlafplätze in Mehrbettzimmern zu vierstelligen Nächtigungspreisen. „Betten in Schlafsälen für 1.000 Euro, das wird nicht funktionieren.“

Imagewert vor Bettenumsatz

Der touristische Kernwert des ESC liegt nach Einschätzung Kettners an anderer Stelle: „Vor allem ein Imagefaktor mit 170, 180 Millionen Zuseherinnen.“ Eine globale Bühne dieser Größenordnung lässt sich nicht kaufen, sie ergibt sich aus der Austragung selbst. Gleichzeitig räumt Kettner ein, dass die Gesamtbilanz breiter zu verstehen sei als rein hotelleriebezogen: „Insgesamt über die Stadt glauben wir schon, dass Wertschöpfung doch deutlich spürbar ist.“ Eine belastbare Zahl soll die Nachanalyse liefern.
Was die aktuelle Auslastung betrifft, widerspricht Kettner kursierenden Berichten über eine schwächere Performance im Vergleich zu den Vorjahres-Mai-Monaten. Die Belegung liege derzeit bei 75 Prozent und damit über dem Jahresschnitt von 71 Prozent. Dass der Mai insgesamt stark werde, begründet er nicht allein mit dem ESC: Ein internationaler Geologenkongress mit rund 20.000 Teilnehmenden zu Monatsbeginn habe ebenfalls zur Auslastung beigetragen.

Sicherheitslogik

Kettner, der bereits 2015 die städtische ESC-Koordination verantwortet hatte, betont die veränderten Rahmenbedingungen: „Die Sicherheitslage ist eine andere.“ Den Umstand beschreibt er mit bemerkenswerter Präzision: „Ich bin nicht nervös, ich bin achtsam.“ Eine Formulierung, die sowohl die Erfahrung als auch die Verantwortung des Zweifachkoordinators widerspiegelt.
Kettner nimmt in dem Interview auch politisch sensible Fragen nicht aus. Die Pfiffe von Demonstranten beim Europatag deutet er als Ausdruck gesellschaftlicher Realität: Der ESC „bildet politische Entwicklungen ab.“ Dass sich in Wien anfangs kein Betreiber für ein Fan-Café der israelischen Delegation fand, führt er weniger auf Antisemitismus zurück als auf intensive Vorabdiskussionen in betroffenen Kreisen. Inzwischen betreibt ein Lokal im Museumsquartier das entsprechende Angebot. Dass Besucherinnen und Besucher aus Ländern wie Spanien und den Niederlanden (beides Nationen, die aus Protest nicht am Wettbewerb teilnehmen, Anm.) tatsächlich ausgeblieben seien, bestreitet Kettner mit Verweis auf die Ticketverkaufsdaten: Beide Länder befänden sich unter den zehn stärksten Kaufmärkten.

Ob Wien nach einem allfälligen österreichischen Sieg am 17. Mai erneut als ESC-Austragungsort kandidieren würde, lässt Kettner nicht unbeantwortet. Gegenüber Innsbruck, das sich ebenfalls für eine mögliche Austragung 2027 in Stellung gebracht hat, gibt die Bundeshauptstadt nicht kampflos nach: „Wir sind da schon ehrgeizig.“ Den Ausgang des Finales abwarten wolle er zunächst; dann, so Kettner, „schauen wir weiter“.